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Sustainable Finance

Standpunkt

Die meisten „nachhaltigen“ Fonds sind nicht nachhaltig

Bryan Coughlan, Financial Services Officer beim europäischen Verbraucherverband Beuc
Bryan Coughlan, Financial Services Officer beim europäischen Verbraucherverband Beuc Foto: Beuc

Solange Unternehmen nicht nachhaltig sind, könnten es Finanzprodukte in der Masse auch nicht sein. Denn Fonds beispielsweise müssen die Wirtschaft abbilden oder Kosten- und Risikosteigerungen akzeptieren. Viele als nachhaltig bezeichnete Anlageprodukte seien daher Greenwashing, argumentiert Bryan Coughlan, Financial Services Officer beim europäischen Verbraucherverband (Beuc) in seinem Standpunkt-Gastbeitrag.

von Bryan Coughlan

veröffentlicht am 15.09.2022

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In den vergangenen Jahren gab es einen Boom für nachhaltige Investments. Verbraucher möchten zunehmend in einer Weise investieren, die keinen Schaden am Klima, der Umwelt oder an anderen Menschen anrichtet. Das bedeutet, dass es für Intermediäre an den Finanzmärkten sehr attraktiv ist, ihre Fonds als „grün“, „nachhaltig“, „klimafreundlich“ oder ähnlich zu bewerben, um diese Verbraucher als Investoren anzuziehen.

Auch politisch ist diese Entwicklung gewünscht: Wenn mehr Geld in nachhaltige Finanzprodukte fließt, müsste das ja eigentlich das Wachstum von nachhaltigen Industrien befördern und so einen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten – unabhängig von umstrittenen politischen Regulierungsmaßnahmen wie etwa einer Begrenzung des CO2-Ausstosses. Das Problem daran ist: So funktioniert es nicht.

Der Fehler liegt im System. Grundsätzlich sind Finanzmarktakteure als Intermediäre wichtig. Fonds zum Beispiel investieren für Verbraucher Geld. Die müssen sich nicht im Detail mit den einzelnen Unternehmen beschäftigen, in das ihr Vermögen fließt. Zudem streuen Fonds das Risiko. Für ihre Leistung zweigen sie einen Teil des Geldes ab. Damit ein Fonds seine Anteile aber als nachhaltige Investitionen anbieten kann, braucht er nachhaltige Unternehmen oder Projekte. Fonds können damit durchschnittlich nicht viel nachhaltiger sein als die Realwirtschaft. Selbst wenn einzelne Fonds überdurchschnittlich nachhaltig selektieren, müssen andere das Gegenteil tun. Es besteht lediglich ein kleiner Spielraum, weil eine Investition auch nachhaltig sein könnte, wenn sie ein bestehendes Geschäftsmodell nachhaltiger macht als es jetzt ist.

Wirklich nachhaltige Fonds hätten hohe Kosten und ein großes Verbraucherrisiko

In der Praxis bedeutet dies, dass ein Fonds grundsätzlich vor einer Entscheidung steht, wenn er nachhaltig sein möchte. Er könnte sein Investitionsverhalten ändern und nur noch – oder zumindest weitgehend – in nachhaltige Unternehmen investieren und wirklich schädliche Investitionen unterlassen. Aber welche Unternehmen sind wirklich nachhaltig? Das herauszufinden ist aufwändig und kostet relativ viel Geld und steigert so letztlich die Kosten für den Kunden. Außerdem verringert es die Streuung der Investitionen, weil es weniger nachhaltige Investitionen geben kann als einfach alles, was sich finanziell lohnt. Dadurch würde auch das Risiko steigen. Zwischen steigenden Kosten und mehr Risiko wäre das Produkt also nicht sehr attraktiv oder geeignet für Verbraucher.

Grüne Finanzprodukte sind, so kann man es am Markt beobachten, aber nicht wirklich teurer als ihre herkömmlichen Äquivalente. Und die Antwort auf die Frage, warum das so ist, ist auch etwas ernüchternd: In einer Studie von Capital Monitor waren acht von zehn Fonds, die Nachhaltigkeit berücksichtigen und damit werben, in fossilen Energieproduzenten investiert – einige mit mehr als der Hälfte ihres Anlagevermögens. Viele bestehende Fonds wurden von ihren Anbietern einfach nur umetikettiert oder verfolgen Strategien, die höchstens am Rande mit Nachhaltigkeit befasst sind, obwohl sie mit Nachhaltigkeit werben. Das ist nichts anderes als Greenwashing. Das können sie, weil es dafür keine wirksamen gesetzlichen Standards gibt. Im Grunde genommen kann das auch nicht überraschen: So viel nachhaltiger ist unsere Wirtschaftsweise in den letzten Jahren nicht geworden, dass sie das exponentiell wachsende nachhaltige Finanzvolumen absorbieren könnte.

Diese Frage führt zu einer zweiten ernüchternden Erkenntnis: Man kann mit einer Schnur nicht schieben. Als die Europäische Kommission vergangenes Jahr erstmals Anleihen zur Finanzierung nachhaltiger Projekte ausgegeben hat, überstieg das Investoreninteresse an diesen Wertpapieren deren Ausgabevolumen um mehr als das Zehnfache. Wirklich knapp war also die Menge an nachhaltigen Projekten, nicht der Wille, diese zu Marktpreisen zu finanzieren. Mehr Volumen als nachhaltig zu etikettieren, hilft also nicht dabei, mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft zu forcieren.

Die Wirtschaft ist noch längst nicht nachhaltig

Und so kommen wir zu unserem neuen Status Quo: Das Volumen von als nachhaltig beworbenen Investmentfonds steigt exponentiell, ohne dass unsere Wirtschaft im selben Maße nachhaltiger würde.

Natürlich gibt es auch Institutionen, die wirklich versuchen, Nachhaltigkeit gezielt zu fördern, das ist aber kein Massenmarkt und sollte es auch erstmal nicht werden. Solche Versuche sind Spezialprojekte, erfordern spezialisierte Kenntnisse und viel Engagement und werden durch die Verwechslung mit ihren Mainstream-Äquivalenten eher beschädigt. Für einen Massenmarkt gibt es nicht genug Volumen an nachhaltiger Realwirtschaft und die Mode, dass herkömmliche Produkte als nachhaltig beworben werden, führt am Ende nur dazu, dass Verbraucher darüber getäuscht werden, wieviel von Ihrem Geld tatsächlich grüne Projekte finanziert hat.

Es braucht endlich einen gesetzlichen Produktstandard

Die Lösung auf den Finanzmärkten wäre es, einen gesetzlichen Produktstandard zu schaffen, der dafür sorgt, dass nur Fonds als nachhaltig beworben werden können, die es auch tatsächlich sind. Die Wirtschaft nachhaltiger zu machen, ist aber primär kein Finanzmarkt- sondern ein realwirtschaftliches Problem und muss auch dort gelöst werden. Durch Regulierung, Anreize, Steuerregeln und was noch so im Werkzeugkasten der Wirtschaftspolitik ist. Einen Beitrag könnten Finanzmärkte leisten, wenn Klimaschäden in die Risikoberechnung von Banken und Fonds aufgenommen würden, aber sie können die Probleme der Realwirtschaft nicht lösen. Genau so wenig sollte das Problem auf Verbraucher abgewälzt werden, die dann mit ihren persönlichen Ersparnissen und Investitionsentscheidungen systemische Probleme wie den Klimawandel lösen sollen.

Nur durch ernsthafte Maßnahmen kann die Wirtschaft insgesamt nachhaltiger werden. Erst dann ist genug realwirtschaftliche Masse vorhanden, um auch auf den Finanzmärkten einen nachhaltigen Massenmarkt bilden zu können.

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