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Sustainable Finance

Standpunkt

Endlich gegen Zwangsarbeit vorgehen

Saskia Kort-Chick (Foto), Leiterin ESG Research, Engagement und Responsible Investing beim Asset Manager Alliance Bernstein (AB)
Saskia Kort-Chick (Foto), Leiterin ESG Research, Engagement und Responsible Investing beim Asset Manager Alliance Bernstein (AB) Foto: Alliance Bernstein

Die Finanzbranche kann eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Zwangsarbeit spielen, meint Saskia Kort-Chick, Leiterin ESG Research, Engagement und Responsible Investing beim Asset-Manager Alliance Bernstein (AB).

von Saskia Kort-Chick

veröffentlicht am 07.07.2022

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In jedem Jahr werden mehr als 40 Millionen Menschen weltweit Opfer von Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft und Menschenhandel. Dabei ist moderne Sklaverei auf unser Finanzsystem angewiesen. Deshalb können Vermögensverwalter eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung dieser Geschäftspraktiken spielen.

Eine Unterbrechung des Geldflusses ist die vielleicht effektivste Maßnahme, um diesem Übel den Kampf anzusagen. Doch der Finanzdienstleistungssektor wird nur von verhältnismäßig wenigen Menschen als mitverantwortlich für die Bekämpfung moderner Sklaverei betrachtet.

Und die Branche selbst misst dem Thema keine wesentliche Bedeutung bei. Bei einer Umfrage unter britischen Finanzinstituten im Jahr 2020 gaben 43 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder an, dass ihnen die Unternehmenspolitik in Bezug auf moderne Sklaverei nicht bekannt sei. Mehr als zwei Drittel der Mitarbeitenden gaben an, dass sie seitens der Unternehmensleitung bisher kaum oder gar nicht über das Thema informiert worden seien.

Bewusstseinsbildung beginnt damit, ein Problem als real anzuerkennen. Viele Menschen glauben, dass es in den Industrieländern keine moderne Sklaverei gibt. Das stimmt jedoch nicht. In Industrieländern ansässige Unternehmen greifen für die Produktherstellung und Materialbeschaffung häufig auf Länder zurück, in denen Ausbeutung allgegenwärtig ist.

Wenn Sie den Weg der elektronischen Bauteile in Ihrem Smartphone, der Materialien Ihrer Kleidung oder der Zutaten in Ihren Lebensmitteln zurückverfolgen, stoßen Sie auf die Schicksale von schutzbedürftigen Frauen und Kindern, Wanderarbeitern und Minderheiten, die für einen Hungerlohn und oft unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Sogar in den Industrieländern selbst leben und arbeiten viele Menschen unter Bedingungen, die unter den Begriff der modernen Sklaverei fallen.

Einige Finanzunternehmen sind der Ansicht, dass für sie keinerlei Risiken im Zusammenhang mit moderner Sklaverei bestehen. Schließlich gibt es strenge Auflagen zur Bekämpfung von Geldwäsche, nach denen Banken die Identität ihrer Kunden überprüfen und Screenings auf verdächtige Transaktionen durchführen müssen. Im Privatkundengeschäft filtern die Systeme regelmäßig Kreditkartentransaktionen heraus, die darauf hindeuten könnten, dass ein Kunde Geld im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch im Internet zahlt. Doch aus Transaktionen resultierende Risiken sind nur ein kleiner Teil des Problems.

Größtes Risiko steckt in der Kreditvergabe

Finanzinstitute vergeben Kredite an Unternehmen, durch die sie moderne Sklaverei ermöglichen, und investieren in sie. Viele Banken achten trotz allem nicht auf dubiose Bargeldgeschäfte in einer Autowaschanlage oder einem Nagelstudio, die auf Ausbeutung hindeuten könnten. In der Regel führen sie auch keine tiefergehenden Recherchen im Hinblick auf die Lieferkette oder Auslandstätigkeiten eines Unternehmens durch, um Einzelheiten über die Beschaffung von Grundstoffen wie zum Beispiel Kakao aus Westafrika oder Elektronikbauteilen aus Südostasien herauszufinden – Produkte, bei denen das Risiko von ausbeuterischen Herstellungspraktiken und Zwangsarbeit hoch ist.

Finanzunternehmen können es sich jedoch nicht leisten, die Augen vor der Realität zu verschließen. In einen Skandal im Zusammenhang mit Ausbeutung und Zwangsarbeit verwickelt zu werden, kann dem Ruf einer Marke ernsten Schaden zufügen – das gilt auch für Finanzunternehmen. So zahlte die australische Großbank Westpac im Jahr 2020 eine saftige Geldstrafe in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar. Ihr wurde vorgeworfen, 250 Kunden bei der Geldwäsche unterstützt und sich damit indirekt an der Ausbeutung von Kindern beteiligt zu haben.

Doch es bestehen noch weitere Risiken: Angesichts des wachsenden öffentlichen Bewusstseins könnten Finanzinstitute Kunden verlieren, wenn sie das Problem nicht thematisieren und bekämpfen. Darüber hinaus müssen Unternehmen, denen eine Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht nachgewiesen wird, mit rechtlichen Schritten und einer umfassenden Überprüfung ihrer Governance-Praktiken rechnen.

Finanzunternehmen sollten nicht auf Maßnahmen der Regulierungsbehörden warten. Unserer Ansicht nach empfiehlt es sich stattdessen, interne Systeme für die Meldung von Problemen in Verbindung mit moderner Sklaverei einzurichten.

Bestehende Screening-Systeme zur Geldwäschebekämpfung lassen sich um Indikatoren zur Feststellung verdächtiger Aktivitäten erweitern, die auf mögliche Verstöße von Kunden gegen Arbeitsgesetze und Menschenrechte hindeuten. Zugleich muss die Unternehmensleitung klare Signale an die Belegschaft senden, damit das Thema moderne Sklaverei mehr Aufmerksamkeit erhält.

Finanzinstitute können mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kunden in anderen Branchen zeigen, dass das Problem der modernen Sklaverei ernst genommen werden sollte und sie mit guten Geschäftspraktiken zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen können.

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