Standpunkt ESG: Drei Buchstaben, die die Wirtschaft revolutionieren

Das neue Klimapaket der Europäischen Kommission ist für Peter Gassmann ein wichtiger Grund, ESG noch ernster zu nehmen. Mit einer Umstellung von Berichtswesen sei es nicht getan. Strategie und schließlich Implementierung, auch in den Lieferketten, seien zwingend, um erfolgreich zu bleiben, argumentiert der Global Leader der Strategieberatung von PwC in seinem Standpunkt.

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Der „European Green Deal“ ist das bislang umfangreichste Klima-Gesetzesvorhaben weltweit. Es soll sicherstellen, dass die EU ihren Treibhausgasausstoß deutlich senkt und bis 2050 klimaneutral wird. Das treibt gleichzeitig die Bedeutung der drei ESG-Dimensionen Umwelt, soziale Aspekte und Unternehmensführung voran. Nun hat die Europäische Kommission am 14. Juli nachgelegt und das „Fit for 55“-Paket angekündigt, mit dem sie ein höheres Tempo und strengere Ziele in Emissionshandel, Emissionssenkung, erneuerbaren Energien und weiteren Bereichen fordert.

Damit unterstreicht die Kommission einerseits die Bedeutung nachhaltiger und CO2-neutraler Wirtschaft. Andererseits räumt sie ein, dass der „Green Deal“ noch nicht weit genug greift und konkretisiert werden muss, um das Ziel einer klimaneutralen Wirtschaft überhaupt erreichen zu können.

Auf den Führungsetagen der Unternehmen ist die zentrale Bedeutung von Klimaneutralität und den weiteren Dimensionen von ESG angekommen. Klar ist, dass wir diese Aufgabe nicht einfach der nächsten Generation überlassen können. Es muss mithilfe nachhaltiger Strategien bereits heute die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen und ganzer Branchen gesichert werden.

Der unmittelbarste Handlungsbedarf resultiert zunächst aus einer Kombination von verschärften regulatorischen Anforderungen und einem gestiegenen Risikobewusstsein der Investoren sowie der damit einhergehenden Forderung nach Daten und Transparenz, um ESG-Faktoren offenzulegen und zu managen.

Zugang zu Kapital schon heute teils an ESG geknüpft

Denn neben der Regulatorik steigert auch der Kapitalmarkt den Druck für die ESG-Transformation von Unternehmen. Wer früh mit dem nachhaltigen Umbau seines Unternehmens begonnen hat, kann vom geänderten Anlageverhalten großer Investoren profitieren: Zwischen 2017 und 2019 haben sich institutionelle ESG-Investments allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz von 176 Milliarden Euro auf 576 Milliarden verdreifacht. Im vergangenen Jahr beschleunigte sich dieser Trend trotz – oder gerade wegen – der Covid-19-Pandemie nochmals. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bereits heute der Zugang zu Finanzierungen, sowohl bei Kreditvergaben als auch bei möglichen Börsengängen, teilweise an ESG-Faktoren geknüpft wird.

Bei der Umsetzung einer ESG-Transformation der Wirtschaft steht daher nicht mehr das „Ob“ im Vordergrund, sondern nur noch das „Wie“, oder das „Wie schnell“ und welche Schritte zur Umsetzung notwendig sind. Dennoch sind Unternehmen aus verschiedenen Branchen bei der ESG-Transformation noch sehr unterschiedlich weit vorangeschritten. Für eine aktuelle Studie haben wir Unternehmenslenker aus Deutschland, Großbritannien, Brasilien, Indien und den USA nach ihrem Bewusstsein und ihrer Priorisierung von ESG-Themen befragt. Fast drei Viertel der Führungskräfte befinden sich demnach noch am Anfang ihrer ESG-Reise und haben ihre Ökosysteme und die Wertschöpfung noch nicht neu ausgerichtet. Aber wo sollte eine umfassende ESG-Transformation ansetzen?

Risiko- und Szenarioanalyse als Start für ESG

Viele Führungskräfte und Investoren stellen zunächst die naheliegende Frage nach möglichen Risiken der ESG-Dimensionen. Darauf folgen Überlegungen zum Messen und Managen von ESG, was ohne etablierte gemeinsame Standards nicht trivial ist. Und worauf sollte man sich konzentrieren, während die Liste der mit ESG verbundenen Risiken und Probleme lang ist? Die Lösungen zu diesen Überlegungen sind miteinander verknüpft, ebenso wie die Initiativen, die sie voranbringen werden: ein neu konzipiertes Berichtswesen, eine strategische Adjustierung, die wo nötig auch nicht vor radikalen Schritten zurückschreckt, und schließlich eine umfassende Transformation.

Konkrete Pläne und Erfolge können nur dann gemessen werden, wenn es ein entsprechendes Reporting gibt, das über rein finanzielle Aspekte hinausgeht. Auch wenn es noch keine gemeinsamen Standards gibt, fordern die EZB sowie die BaFin bereits eine Offenlegung klimabezogener Risiken in das Impact- sowie KPI-Reporting von Unternehmen. Diese Vorstöße verdeutlichen die Notwendigkeit, nicht nur die ESG-Ziele, sondern auch die Erfolge transparent zu kommunizieren.

Reines Reporting ist zu kurz gesprungen

Die Aufnahme der ESG-Faktoren im Reporting ist sicher schon eine Herausforderung für sich, wäre aber dennoch deutlich zu kurz gesprungen. Es geht um alle Unternehmensprozesse und -ebenen: Beginnend bei der Neuausrichtung der Strategie und dem Geschäftsmodell über die Implementierung neuer Technologien und Lösungen bis hin zur Anpassung der gesamten Lieferkette.

Wenn die aktuellen strategischen Prioritäten zu Ergebnissen führen, die in der Zukunft nicht nachhaltig sind, braucht ein Unternehmen eine klare Strategie, die auf solche Bedenken eingeht, andere Möglichkeiten ausschöpft und letztlich nicht nur das „Was“, sondern auch das „Wie“ des eigenen Handelns neu definiert. In der Verknüpfung neuer Innovationen und Nachhaltigkeit ergeben sich gerade für Industrienationen wie Deutschland aber auch große Wachstumspotentiale, die es jetzt zu erschließen gilt. ESG ist ein Anreiz für Innovationen, da vor allem viele Emissionsziele mit den heutigen Technologien nicht erreichbar sind. Alternative Verfahren und neue Geschäftsmodelle stoßen den Transformationsprozess an und bringen Unternehmen dazu, Vieles neu zu entdecken und sich bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten.

Unternehmen sollten ESG daher als zentrales Element in ihre Strategie einbeziehen, die damit verbundenen notwendigen Veränderungen umsetzen und über die Fortschritte und Ergebnisse berichten. So erreicht man Transparenz und Vertrauen bei verschiedensten Interessengruppen von Mitarbeitern über Kunden bis hin zu Investoren – was sich mittel- und langfristig auch im Unternehmenswert widerspiegelt.

Zugegeben: Das sehr breite Themenfeld macht es für Organisationen schwierig zu definieren, womit sie bei der Transformation beginnen sollten. Das „Fit for 55“-Paket der EU-Kommission verdeutlicht zunächst den Fokus der Regulatorik auf eine grüne und wettbewerbsfähige Zukunft Europas und weist die Richtung für eine Transformation der Wirtschaft. Allerdings ist mit der Formulierung als Vorschlag aktuell noch keine verbindliche Umsetzung verbunden. Der „Green Deal“ hat jedoch gezeigt, dass die EU-Kommission bereit ist, den grünen Weg auch mit konkreten Maßnahmen für die Wirtschaft zu untermauern. Unternehmen bietet das aktuelle Paket einen weiteren Beleg dafür, dass der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung konkreter ESG-Projekte jetzt ist – und nicht auf morgen warten kann.

Dr. Peter Gassmann ist Global Leader von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, und zudem globaler ESG-Leader von PwC.

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