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Sustainable Finance

Standpunkte ESG fängt beim Aufsichtsrat an

Vincent Furnari ist Vorstandsmitglied der ESG-Beratung Kirchhoff Consult
Vincent Furnari ist Vorstandsmitglied der ESG-Beratung Kirchhoff Consult Foto: Kirchhoff Consult

Die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit ist für Unternehmen überlebenswichtig. Dies verdeutlicht uns die zu erwartende Entwicklung an den Kapitalmärkten immer mehr. Aufsichtsräte müssen den Transformationsprozess daher wachsam begleiten, aber dieser Verantwortung kommen bislang noch zu wenige nach, meint Vincent Furnari, Vorstandsmitglied der ESG-Beratung und Kommunikationsagentur Kirchhoff Consult.

von Vincent Furnari

veröffentlicht am 21.12.2023

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Im Oktober vergangenen Jahres hat die Deutsche Bank ihre sogenannten Net Zero-aligned targets für 2030 und 2050 bekannt gegeben und damit eigentlich einen Weckruf für zunächst vier CO2-intensive Sektoren gegeben. Die CO2-Belastungen des Kreditbuchs des größten deutschen Kreditinstituts in den Sektoren Öl und Gas, Energieerzeugung, Stahl und Automobilindustrie sollen bis 2030 um 29 bis 69 Prozent reduziert werden.

Ist bei der Deutschen Bank die Liebe zur Umwelt ausgebrochen? Vielleicht. Viel eher drückt sich darin aber die wachsende Bedeutung von Umwelt, Sozialem und Governance (ESG) für den Kapitalmarkt aus. Banken richten einen immer kritischeren Blick auf die Nachhaltigkeit der zu finanzierenden Unternehmen – und werden, so ist zu erwarten, ihre Kreditbücher in großem Umfang bereinigen.

Diese vier Sektoren machen zwar nur 16 Prozent des Kreditbuchs beziehungsweise der „total loan exposure“ des Frankfurter Instituts aus. Sie verursachen aber 68 Prozent aller direkten und indirekten Scope-1- und -2-Emissionen, die Kredite der Deutschen Bank verantworten! Man kann sich vorstellen, warum die Bank an diesem kleinen Anteil des Geschäftsvolumens mit gleichzeitig hoher Relevanz für die CO2-Belastung als Erstes sägt.

Alles im Blick – außer Nachhaltigkeit?

Aufsichtsräten anderer börsennotierter Kapitalgesellschaften sollte das zu denken geben. Hier geht es nicht um die Erfüllung regulatorischer Anforderungen oder die vegane Alternative zum alljährlichen Weihnachtsessen des Aufsichtsrates, sondern um nichts weniger als die Transformation eines jahrzehntelang gut geölten Geschäftsmodells. Es geht um Standortsicherung, neue Produkte und Absatzwege sowie darum, Opportunitätskosten bezüglich des Klimawandels detailliert zu betrachten. Wenn diese Transformation nicht gelingt oder die Geschäftsführung diese gar nicht erst ernsthaft in Angriff nimmt, steht den Unternehmen ein bestenfalls erschwerter Zugang zu den Kapitalmärkten bevor.

ESG könnte sich also zu guter oder schlechter Letzt als das Zünglein an der Waage erweisen, wenn es um den Fortbestand eines Unternehmens geht. Ja, die unruhigen Kapitalmärkte, Inflation, steigende Zinsen, geopolitische Unruhen mit Auswirkungen auf Lieferketten und Absatzmärkte fordern heute Aufsichtsräte mehr denn je. Als oberste Kontrollinstanz eines Unternehmens können sie aber im Transformationsprozess in den ESG-Dimensionen keine Nebenrolle einnehmen. Sie müssen diesen Prozess wachsam begleiten und wenn nötig anstoßen oder vorantreiben. Dazu gehört etwa, dass Nachhaltigkeit bzw. ESG mindestens einmal im Jahr Schwerpunktthema einer Aufsichtsratssitzung ist.

Da verwundert es, dass in nur der Hälfte aller 200 Unternehmen der Top-Indizes in Deutschland, Österreich und der Schweiz – DAX40, MDAX, SDAX, ATX und SMI – zumindest eine Person im Aufsichtsrat sitzt, die sich ausdrücklich mit Nachhaltigkeit befasst. Das haben wir kürzlich gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO in einer umfassenden Analyse der Nachhaltigkeitsberichte dieser Unternehmen herausgefunden.

Mir scheint, als wenn Aufsichtsräte einerseits die Bedeutung von ESG und aktuell vor allem der ESG-Komponente „Umwelt“ für Kapitalmarkt, Regierungen und Konsumenten unterschätzen. Andererseits unterschätzen sie auch den erheblichen Einfluss, den sie auf ihr Unternehmen ausüben könnten, damit es bei diesem Thema schnellere Fortschritte macht. Und da wären wir bei der dritten ESG-Komponente, nämlich Governance.

Vergütung für ESG-Leistungen weckt Aufmerksamkeit

Wenn Aufsichtsräte dafür Sorge tragen, dass Vorstände eine Strategie erarbeiten, die ökonomische und ökologische Aspekte gut durchdacht beinhaltet, und sich darauf basierend ernstzunehmenden Klimazielen verschreiben, wären wir einen großen Schritt weiter. Auf dieser Basis liegt ein mächtiger Hebel von Aufsichtsräten etwa darin, dass sie die Vergütung des Vorstands bestimmen.

Es sollte zum Standard gehören, dass sich die variable Vergütung nicht nur an der finanziellen Performance des Unternehmens orientiert, sondern auch an ESG-Ziele geknüpft ist. Und zwar an ESG-Ziele, die sowohl auf die allgemeine Unternehmensstrategie, als auch auf die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens einzahlen. Werden irgendwelche CO2-Reduzierungen im Fuhrpark als Ziel festgelegt, ist das ja erstmal schön. Sollte aber gleichzeitig die Lieferkette aufgrund der Arbeitsbedingungen in Asien gegen das Sorgfaltspflichtengesetz LkSG verstoßen und sich keiner darum kümmern, ist das weniger „schön“ und in mehreren Hinsichten unverantwortlich.

Ein Viertel der betrachteten Top-Unternehmen der DACH-Region bezieht keinerlei ESG-Leistungskriterien (KPIs) in die variable Vergütung ihres Vorstands ein, wie wir festgestellt haben. Hinzu kommt, dass es auch bei denen, die ESG-KPIs an der variablen Vergütung haben, noch viel Luft nach oben gibt. Und während unter den DAX40 inzwischen alle Unternehmen ESG-KPI in der Vorstandsvergütung berücksichtigen, kommt nur bei 28 der Unternehmen auch CO2- bzw. Emissionsreduktion als eines dieser KPI vor. Im MDAX sind es sogar nur 16 Unternehmen.

Jedem Ziel wohnt ein Zauber inne

Was klare, ambitionierte Ziele gepaart mit wirksamen Anreizmechanismen bewirken können, lässt sich an den berichteten Klimabilanzen erkennen. Insgesamt haben alle Top-Konzerne der drei Länder all ihre direkten und indirekten Scope-1- bis -3-Emissionen von 2021 auf 2022 im Schnitt um nur ein Prozent reduziert. Auch wenn wir nur die Scopes 1 und 2 betrachten, sind es nicht mehr als zwei Prozent. Damit erreichen wir unsere Klimaziele natürlich nicht.

Es gibt eine Ausnahme. Gesellschaften mit absoluten, kurzfristig für die nächsten drei bis fünf Jahre gesetzten und durch die Science-Based Target Initiative (SBTI) bereits wissenschaftlich validierten Reduktionszielen kommen auf einen Schnitt von neun Prozent weniger Emissionen. Zu diesen Unternehmen mit den wohl ambitioniertesten Klimazielen zählen 36 der 200 betrachteten Aktiengesellschaften. Sie finden sich querbeet in allen Branchen und Indizes. Es sind also offenbar weniger unterschiedliche branchenspezifische Marktzwänge oder Regularien, die darüber entscheiden, ob sich ein Unternehmen diese ehrgeizigen Ziele setzt oder nicht. Es liegt wohl eher in der Hand des Managements und seiner Aufsichtsgremien.

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