Erweiterte Suche

Sustainable Finance

Standpunkt

Gemeinwohl und Gewinnmaximierung vereinbar

Ryan Smith, zuständig für Impact Equities bei Artemis Fund Managers in Edinburgh
Ryan Smith, zuständig für Impact Equities bei Artemis Fund Managers in Edinburgh Foto: Artemis IM

Mehr und mehr börsennotierte Unternehmen werden möglicherweise ihre Rechtsform ändern, um dem Gemeinwohl besser gerecht zu werden, meint Ryan Smith, bei der in Edinburgh ansässigen Kapitalanlagegesellschaft Artemis Fund Managers für wirkungsorientierte Aktien (Impact Equities) zuständig.

von Ryan Smith

veröffentlicht am 24.11.2022

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen

Können Unternehmen im Sinne des Gemeinwohls handeln, wenn sie zugleich ihren Aktionären verpflichtet sind? Oder anders gefragt: Können börsennotierte Unternehmen positiv für die Gesellschaft wirken?

Nein, sagt Patagonia. Der namhafte Hersteller von Outdoor-Bekleidung hat kürzlich sämtliche nicht stimmberechtigten Aktien auf eine gemeinnützige Gesellschaft (Holdfast Collective) übertragen. Diese wird den Jahresüberschuss des Unternehmens von rund 100 Millionen Dollar für die Bekämpfung des Klimawandels verwenden. Die stimmberechtigten Anteile gehen auf eine eigens errichtete, im Familienbesitz befindliche Treuhandgesellschaft (Patagonia Purpose Trust) über.

Sie soll die Werte des Unternehmens schützen und die langfristigen Ziele fördern. „Was für eine Katastrophe wäre das gewesen!“, war von Unternehmensgründer Yvon Chouinard zu vernehmen, als er erläuterte, warum ein Börsengang für Patagonia nicht infrage komme. Der Druck, kurzfristig Gewinne zu machen, gefährde seine Vision von Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Repressalien gegen ESG-Investments

Die Berücksichtigung von ESG-Faktoren in anderen Unternehmen hat mehr Effizienz ermöglicht, das Vertrauen von Verbrauchern und Regulierungsbehörden gestärkt und zu einem besseren Risikomanagement in den Unternehmen beigetragen.

Doch in manchen Bereichen kippt nun die Stimmung gegen Aktiengesellschaften, die sich für eine bessere Welt einsetzen wollen. Eine kleine, aber wachsende Zahl konservativer Aktionsgruppen wehrt sich gegen diese Bestrebungen in diesen sogenannten Woke Incorporations (wie sie ein ESG-Kritiker bezeichnet) und nutzen hierzu die Möglichkeit des Proxy Voting, der Abstimmung auf den Hauptversammlungen durch Stimmrechtsvertreter.

Zudem hat in Florida Gouverneur Ron DeSantis, der 2024 voraussichtlich für die Republikaner bei den Präsidentschaftswahlen antreten möchte, Pensionsfonds untersagt, ihre Investments daraufhin zu prüfen, ob sie Risiken in Bezug auf Umwelt, Sozialverträglichkeit und Unternehmensführung aufweisen. Dort, wo nachhaltiges Handeln bislang kein wirkliches Kernthema war, muss es darum wahrscheinlich immer wieder seinen Platz in der Organisation verteidigen oder wird sich auf (noch kleinere) schrittweise Veränderungen beschränken müssen, die sich in der Komfortzone der etablierten unternehmerischen Interessen bewegen.

Das Richtige tun

Aber es geht auch anders. Der irische Schriftsteller C. S. Lewis, der im 20. Jahrhundert vor allem mit seiner Kinderbuchserie „Die Chroniken von Narnia“ bekannt wurde, schrieb einmal: „Integrität bedeutet, das Richtige zu tun, auch wenn gerade niemand zusieht.“

Wenn Aktiengesellschaften ihre Mission und ihre Nachhaltigkeitsziele auch in diesen herausfordernden Zeiten aufrichtig verfolgen, sagt dies für wirkungsorientierte Impact Investoren wie uns einiges über deren Handlungsabsichten aus.

Authentische Führung ist ein entscheidendes Auswahlkriterium für unser Team, wenn es sich die Geschäftsleitungen der Unternehmen ansieht, in die es investieren will. Allerdings ist unvermeidlich, dass sich Menschen verändern (wie im Fall von Patagonia) und visionäre Unternehmensgründer sich am Ende gar zurückziehen.

Public Benefit Corporations mit rechtlicher Verpflichtung

Wie ist also sicherzustellen, dass börsennotierte Gesellschaften ihren Grundsätzen verpflichtet bleiben? Viele Unternehmen sprechen oft überschwänglich von sozialer Verantwortung, obwohl ihr Handeln nur sehr begrenzt ist oder sogar vollkommen im Widerspruch zu ihren Zusagen steht. Außerdem haben derartige Zusagen nur selten einen rechtsverbindlichen Charakter.

Aber zumindest in den USA gibt es mit der Rechtsform der Public Benefit Corporation (PBC) eine Möglichkeit, diesen Mangel zu beheben. Die neue Gesellschaftsform wurde innerhalb der letzten zehn Jahre in der Mehrheit der US-Bundesstaaten eingeführt. Die Ziele ergeben sich aus ihrem Namen.

Der Status der PBCs erlegt der Gesellschaft die rechtliche Verpflichtung und ihren Geschäftsführern die treuhänderische Pflicht auf, die Auswirkungen der Geschäftsaktivitäten auf unterschiedliche Arten von Anspruchsgruppen (Stakeholdern) – also nicht nur auf die Aktionäre (Shareholder) – zu betrachten. Für PBCs ist Nachhaltigkeit ein zentraler Grundsatz und kein nachträglich berücksichtigtes Kriterium.

Lösung für visionäre Aktiengesellschaften

Delaware, wo die meisten Aktiengesellschaften in den USA gegründet werden, führte die PBC im Jahr 2015 als erster Bundesstaat ein. Bislang waren jedoch nur wenige bereits börsennotierte Gesellschaften mutig genug, Kongruenz zwischen ihren zentralen Werten und ihrer Satzung herzustellen. Ein großer Teil derer, die diesen Schritt vollzogen haben, hat sich bereits vor dem Börsengang als PBC gegründet, um sich nicht von der Zustimmung der bisweilen wankelmütigen Aktionäre abhängig machen zu müssen.

Einem guten Zweck zu dienen und gleichzeitig den Aktionären verpflichtet zu sein, ist ohne Zweifel eine enorme Herausforderung. Doch sie ist durchaus zu meistern. Die Public Benefit Corporation bietet visionären Aktiengesellschaften eine effektive Struktur zur Förderung ihrer Ziele. Wie es börsennotierte Unternehmen verstehen, ihre Mission in Einklang mit den Interessen der Aktionäre zu bringen, lässt sich an zwei PBCs – Veeva und Coursera – beispielhaft zeigen.

Kein Gegensatz

Veeva war das erste und auch das größte börsennotierte Unternehmen, das zur Rechtsform der PBC wechselte. Es stellt abonnementbasierte Cloud-Computing-Lösungen für den Life-Science-Sektor zur Verfügung. Nach der Gründung durch CEO Peter Gassner im Jahr 2007 erfolgte im Oktober 2013 der Börsengang. Im Februar 2021 wurde die Neugründung als PBC mit großer Mehrheit beschlossen.

Auch Coursera Inc., die Lernplattform für Online-Kurse von Universitäten, ist nun eine PBC. Die Mission des Unternehmens ist es, Menschen auf der ganzen Welt, flexible und bezahlbare erstklassige Bildungsangebote zugänglich zu machen, die der Weiterentwicklung ihrer persönlichen Kompetenzen und beruflichen Fähigkeiten dienen und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten verbessern.

Für uns ist es kein Gegensatz, wenn Unternehmen sich dem Gemeinwohl verpflichten und gleichzeitig nach Gewinn streben.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen