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Sustainable Finance

Standpunkt

Impact ist mehr als nur Umsatz und Gewinn

Tina Dreimann, Co-Gründerin der Start-up-Beteiligungsgesellschaft Better Ventures
Tina Dreimann, Co-Gründerin der Start-up-Beteiligungsgesellschaft Better Ventures Foto: Better Ventures

Better Ventures hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Impact-Start-ups zu investieren und dafür einen eigenen Kriterienkatalog entwickelt. Co-Gründerin Tina Dreimann erklärt, unter welchen Bedingungen für sie ein junges Unternehmen werteorientiert ist. Und warum diese Investitionsstrategie keinesfalls die Rendite schmälern muss.

von Tina Dreimann

veröffentlicht am 30.09.2021

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Unternehmen wie der ökologische Suchmaschinenanbieter Ecosia oder die Haushaltsreiniger-Firma Everdrop wachsen rasant und setzen bereits mehrere Millionen Euro um. Dabei haben sie vor gar nicht allzu langer Zeit mit der ersten, verhältnismäßig kleinen Finanzierungsrunde begonnen. Wer sich an ihnen früh beteiligt hat, der hat also alles richtig gemacht. Nur, war das damals schon erkennbar? An Zahlen, etwa der Höhe des Gewinns oder des Umsatzes können sich Investor:innen in der Regel bei jungen Start-ups noch nicht orientieren. Vielmehr kommt es auf andere Kriterien wie ein marktreifes Produkt oder leistungsfähige Gründer:innen an.

Noch einmal schärfer werden diese Kriterien, wenn es um sogenannte Impact Start-ups geht. Darunter fallen junge Unternehmen, die nicht nur eine Rendite erwirtschaften wollen, sondern deren Geschäftszweck eine positive Auswirkung auf Umwelt und Gesellschaft haben soll. Als Business Angels, wie wir es mit Better Ventures sind, agieren wir in der Regel als erster Investor und sind somit auch die erste Instanz, wenn es um eine Validierung des Impact Start-ups geht. Wir sind davon überzeugt, dass Konsumentscheidungen nicht mehr nur anhand von Angebot, Marke und Preis getroffen werden, sondern auch ökologische Faktoren eine Rolle spielen. Eine von uns im vergangenen Jahr in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass genau solche Aspekte für 90 Prozent der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Das Potenzial von Impact-Start-ups ist also gigantisch, sie können massiv an Wert gewinnen. Für uns Investor:innen bedeutet das: Wir entscheiden uns nicht für „Impact oder Rendite” sondern für „Rendite durch Impact”. Unsere Herausforderung besteht darin, diesen Impact seriös zu messen.

Spätestens dieser Sommer hat auch den letzten Skeptikern gezeigt, dass das Klima beziehungsweise die Erderwärmung ein fundamentales Problem ist, das dringend gelöst werden muss. Dabei ist klar, dass es nicht „die eine Lösung“ geben kann, sondern dass eine Vielzahl von Ansätzen am Ende dazu beitragen werden, Klimaneutralität herzustellen. Impact bedeutet aber nicht nur Klima sondern auch Gesellschaft. Wir suchen nach Geschäftsmodellen, die dazu beitragen, dass Menschen gesünder leben, besser arbeiten und nicht nur als Individuen, sondern auch im Verbund Mehrwert spüren. Es gibt zahlreiche Messstandards aus dem Impact-Umfeld, die international anerkannt sind – zum Beispiel ESG-Kriterien, die für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung stehen oder den Iris-Katalog, der Metriken definiert, um Nachhaltigkeit in unterschiedlichen Branchen messen zu können.

Impact-Unternehmen müssen Daten vorweisen

Die wesentlichste Frage für Impact-Investoren muss lauten: Wird ein substantielles Problem an seiner Ursache gelöst? Wenn ein Unternehmen moderne, hübsch aufbereitete Dashboards baut, mit denen sich der CO2-Ausstoß messen lässt, und daraus abgeleitet andere Unternehmen Klimakompensation betreiben können, dann ist das zwar unternehmerisch erfolgreich, aber das CO2-Problem wird dadurch nicht wirklich gelöst. Das nächste wichtige Kriterium lautet: Ist das zu lösende Problem groß genug? Beispiel: Wir haben uns unlängst mit einer App für die Gemüsebeetplanung beschäftigt. Grundsätzlich ist Impact-Potenzial vorhanden. Doch haben bestehende Gartenliebhaber eigentlich kein Problem damit, ohne eine App Gemüse anzubauen. Mit der App kann das Start-up also nur sehr wenige Leute wirklich erreichen. Somit wird das tatsächliche Problem, nämlich dass zu wenig Gemüse von Selbstversorgern angebaut wird, mit diesem Ansatz nicht gelöst.

Unternehmen, die im Impact-Umfeld agieren, müssen bereit sein, ihren Impact in entsprechenden Kennzahlen aufzuweisen. Everdrop, ein Unternehmen, das Putzmittel herstellt, sorgt dafür, dass weniger Plastik hergestellt wird als bei gewöhnlichen Haushaltsmitteln. Sie belegen das, indem sie nachweisen können, dass seit Gründung fünf Millionen Einwegplastikflaschen eingespart wurden. So wird Impact messbar und deutlich. Darüber hinaus wird deutlich weniger Wasser – pro Flasche in der Regel 500 ml – transportiert. Entsprechend werden bis zu 95 Prozent CO2 im Transportweg eingespart.

Wo normalerweise vor allem Fragen nach Marktgröße, Wachstumsgeschwindigkeit und Produkt zu einer Bewertung führen, steht bei Impact Start-ups darüber der Team-Gedanke. Schließlich sind viele Geschäftsmodelle Hypothesen, gute Gründer:innen-Teams sind auch imstande, Nackenschläge zu akzeptieren und vielleicht sogar zu etwas Positivem zu verarbeiten. Bei Impact Start-ups ist das Team deswegen so wichtig, weil Impact noch immer nicht von allen Investor:innen verstanden wird und der zigste Quick Commerce-Anbieter wie Gorillas oder Flink schneller zu einem Exit führen könnte. Daher müssen Impact-Gründer:innen nicht nur ausgezeichnete Unternehmer:innen sondern auch Überzeugungstäter:innen sein. Sie müssen nicht nur das beste Unternehmen der Welt bauen wollen, sondern auch als Ziel haben, ihren Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten.

Wir brauchen radikale Veränderungen

Noch immer scheitern in der Regel eine Vielzahl von Gründungen und Start-ups. Mal liegt es am Team, mal am Markt, mal am Timing, mal an anderen Faktoren, die kaum bestimmt werden können. Wer sein Geld in Start-ups investiert, muss per se erst einmal damit rechnen, dass das Ganze schiefgehen kann. Erfolg lässt sich nicht antizipieren. Radikale Innovationen verändern Branchen. Altgediente Kennzahlen auf sie anzuwenden, würde den Grad der Innovation ad absurdum führen. Daher braucht eine Überprüfung eines neuen Geschäftsmodells auch immer den Blick über bestehende Kennzahlen sowie Märkte und die Suche nach neuen Quantifizierungen. Ein standardisierter Prozess hilft, muss aber auch unbekannte Variablen erlauben.

Die Zeit ist reif für Impact Start-ups. Nicht nur weil zahlreiche Waldbrände uns verdeutlichen, dass wir keine Zeit mehr haben, um die Erderwärmung aufzuhalten. Sondern auch, weil wir schon viel zu lange gewartet haben und nun radikale Innovationen brauchen, um überhaupt noch eine Chance zu haben, die Entwicklung aufzuhalten. Weil das Problem so groß ist, darf man hinter Impact-Start-ups nicht nur Idealismus vermuten. Wer zur Beantwortung dieser Frage seinen Beitrag leistet, kann sich zwangsläufig über einen großen Markt und eine entsprechende Rendite freuen.

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