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Jörg Eigendorf

Jörg Eigendorf, Globaler Nachhaltigkeits-Chef der Deutschen Bank
Globaler Nachhaltigkeits-Chef der Deutschen Bank Foto: Deutsche Bank

Jörg Eigendorf zählt zu den einflussreichsten Nachhaltigkeits-Managern in der deutschen Wirtschaft. Dass der Journalist diese Tätigkeit neben seiner Aufgabe als Kommunikationschef der Deutschen Bank ausübt, hat viel mit Neugier zu tun, aber auch mit Zufällen und Timing. Heute sieht Eigendorf seinen Arbeitgeber global mit vorne in Sachen nachhaltiger Finanzen. Eins ist für ihn klar: Für eine nachhaltige Wirtschaft kommt es auf Veränderung an, nicht auf Ausschluss.

Thomas Wendel

von Thomas Wendel

veröffentlicht am 20.01.2022

aktualisiert am 19.01.2023

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Wenn man die Sache nur aus der Distanz betrachtet, kann es angesichts der personellen Hackordnung nicht weit her sein mit Nachhaltigkeitsthemen bei der Deutschen Bank: Als oberster Chef des Bereichs fungiert ausgerechnet der oberste Kommunikator des wichtigsten deutschen Finanzkonzerns – Jörg Eigendorf. Geht es also bei der Deutschen Bank nicht doch mehr um Reputationsmanagement und gute PR als um echte Weichenstellungen in Sachen Umwelt, sozialer Nachhaltigkeit und guter Unternehmensführung (ESG)? Natürlich widerspricht der gelernte Journalist, 54: „Nachhaltigkeit ist auch eine empfindliche reputative Pflanze“, räumt Eigendorf ein. Aber er habe gleich nach seinem Start bei der Bank im Februar 2016 dafür gesorgt, dass das Thema Nachhaltigkeit Schritt für Schritt gestärkt wurde.

Globale ESG-Infrastruktur mit Vorstandskomitee für Nachhaltigkeit

In der Tat hat sich bei der Deutschen Bank – trotz aller Unkenrufe – inzwischen eine umfassende globale Infrastruktur geformt, in der es um Nachhaltigkeit geht. Rund 20 konzernübergreifende Arbeitsgruppen zur Nachhaltigkeitsstrategie arbeiten an der Integration von ESG in die unterschiedlichen Bereiche der Bank: Da geht es um die Weiterentwicklung des Geschäfts in Sachen nachhaltiger Bankkredite oder Kapitalanlagen; da geht um Regelwerke, die festlegen, welche Kriterien wie stark gewichtet werden, wenn es sich um Umwelt- und Klimaschutz oder die Exposition der Bank in der Öl- und Gasbranche handelt; oder es geht um den eigenen Geschäftsbetrieb und wie man in ihm den CO2-Ausstoß reduziert und die Datenstrategie. Jede Region und jeder Geschäftsbereich hat ESG-Verantwortliche und entsprechende Teams. Ein „Nachhaltigkeitsrat“, geführt von Eigendorf sowie dem Finanzchef der Unternehmenskunden-Sparte, Gerald Podobnik, dient als Forum zum Austausch von Informationen und Erfahrungen. Wichtige Entscheidungen werden im Nachhaltigkeitskomitee gefällt – dessen Vorsitzender Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing selbst ist.

Bei seinem Start, sagt Eigendorf, habe es in seiner Bank vielleicht „einige Dutzend Kolleginnen und Kollegen“ gegeben, die sich mit Nachhaltigkeitsthemen befassten. Heute seien es „weit über hundert in den verschiedenen Bereichen der Bank“ und die Zahl steige ständig. „Nachhaltigkeit“, erklärt Eigendorf, „ist mehr und mehr ins Zentrum der Bankstrategie gerückt.“ Auch, wenn es um sein eigenes Zeitmanagement geht: Deutlich mehr als Hälfte seiner Arbeitszeit verwende er inzwischen auf Nachhaltigkeitsthemen, sagt er.

Dass es einmal so weit kommen würde, daran hätten wohl vor Jahren weder Eigendorf noch die damals Verantwortlichen in den glitzernden Zwillingstürmen der Deutschen Bank an Frankfurts Taunusanlage gedacht. Eigendorf, geboren in Ratingen bei Düsseldorf, war „geprägt von den 1980er Jahren“ und ihren Protesten gegen Atomwaffen und Umweltzerstörung, wie er erzählt: Der Klassiker der zeitgenössischen Gesellschaftskritik, das Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ des US-Medienwissenschaftlers Neil Postman, gehörte zu seiner Lieblingslektüre genauso wie Horst Sterns „Rettet den Wald“. Bei vielen Granden der Frankfurter Bankenwelt galten junge Leute wie Eigendorf zu dieser Zeit bestenfalls als wohlmeinende Spinner.

Von der „Welt“-Chefredaktion in die Bank-Doppeltürme

Eigendorf absolvierte die Kölner Journalistenschule, studierte danach Volkswirtschaft in der Domstadt. Parallel zu seinem Studium verdiente er sich seine ersten Meriten: als Wirtschaftskorrespondent, zunächst, von 1993 an, als Freiberufler, seit 1994 für die „Zeit“, zuständig für das Nachfolgestaatenbündnis der UdSSR, GUS, mit Sitz in Moskau im damals wildchaotischen Russland. Dort lebte er zusammen mit seiner Frau, der ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf. Das Paar kehrte mit seinen Kindern 1999 zurück nach Deutschland – sie als außenpolitische Reporterin und Moderatorin beim ZDF in Mainz, er als EZB-Berichterstatter und Bankenkorrespondent für die „Welt“ in Frankfurt. Vier Jahre später war Eigendorf Wirtschafts-Chef der Springer-Zeitung, später in Personalunion auch für „Welt am Sonntag“. 2010 wechselte er als Chef in das gemeinsame Investigativ-Team der Zeitungen und wurde gleichzeitig Mitglied der Chefredaktion in Berlin. Eine steile Karriere im deutschen Journalismus.

Was ihn dazu brachte, die Seiten zu wechseln, ist nicht ganz klar. Vielleicht war es von allem ein bisschen: Das ordentliche Gehalt, das Deutschlands größtes und damals von mehreren Krisen getroffenes Kreditinstitut bot, gehörte wohl dazu. Vielleicht aber auch der Bedeutungsverlust, den Medien im Allgemeinen, Zeitungen aber im Besonderen, erlitten. Er selbst begründet den Schritt damit, dass es sich um eine „sehr faszinierende Aufgabe“ in einer „großen deutschen Institution“ gehandelt habe, welche für ihn stets „die Möglichkeit einer steilen Lernkurve“ beinhaltete. Hilfreich war bestimmt auch, dass sich der damals neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan mit großem Einsatz um Eigendorf bemühte.

Anfangs leitete Eigendorf einen Kommunikationsbereich, zuständig für rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um den Globus. Aber dazu kam die Verantwortung für das Thema Nachhaltigkeit. „Grundsätzlich sind das völlig getrennte Jobs“, sagt Eigendorf. „Ich kann nur beide machen, weil ich da hineingewachsen bin.“

„Sie müssen die ganze Bank einmal de facto umarmen“

Dass es dazu kam, hängt mit einer Entscheidung gleich am Anfang seiner Bank-Tätigkeit zusammen: Als er als Kommunikationschef loslegte, fand er eine Abteilung vor, in der auch soziales und kulturelles Mäzenatentum, die „Corporate Social Responsibility“ (CSR), angesiedelt war. Diesem Bereich wiederum war auch die Nachhaltigkeit zugeordnet. Noch 2016 machte er Viktoriya Brand zur Leiterin des kompletten Bereichs Sustainability. 2021 wurden die Nachhaltigkeits-Teams schließlich organisatorisch ganz aus dem Bereich Kommunikation und soziale Verantwortung herausgelöst.

Je mehr Bedeutung ökologisch und sozial nachhaltiges Investieren bekam, desto umfangreicher wurden nicht nur Eigendorfs Terminkalender, sondern auch die Schwierigkeiten. „Bis 2019 war es schwierig, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit Gehör zu verschaffen“, erinnert er sich. Das änderte sich mit dem Antritt des Cryan-Nachfolgers Christian Sewing. „Als der Vorstand 2019 Nachhaltigkeit zur Management-Priorität erklärt hat, konnten wir viele Konzepte hervorholen, die wir in der Schublade hatten“, sagt Eigendorf.

Seitdem geht es schnell. Das Nachhaltigkeits-Team erhielt die Aufgabe, weitere Strukturen, Richtlinien und Prozesse zu entwickeln und etablieren, die sich durch alle Abteilungen und Länderniederlassungen rund um den Globus ziehen. „Sie müssen die ganze Bank einmal de facto umarmen“, erklärt Eigendorf.

Wie feine Rädchen in einem Uhrwerk müssen verschiedene Bereiche und Vorgänge ineinandergreifen: Außer der Nachhaltigkeitsstrategie, die fortlaufend überarbeitet wird, müssen Standards und Prozesse entwickelt werden. Schließlich gilt es, Nachhaltigkeitsaspekte möglichst genau zu erfassen und in das bankübergreifende Reporting einzubeziehen – und zu kontrollieren. Das hat nicht nur den Fokus in der Nachhaltigkeits-Abteilung verändert, sondern auch ihre Stellung in der Bank: „Heute sind wir entscheidend dafür da, neues nachhaltiges Geschäft zu ermöglichen.“ In der ganzen Bank sei das zu spüren, sagt Eigendorf.

Mit dem Erfolg kommen neue Aufgaben

Dass tatsächlich mehr und mehr richtig läuft in Sachen Nachhaltigkeit, belegen einige Zahlen: So hat die Deutsche Bank bis Ende September bereits 125 Milliarden Euro in nachhaltige Kredite und Anlagen gesteckt, Ende 2023 soll das Ziel von 200 Milliarden Euro erreicht werden. Bei den Geschäftsabschlüssen für nachhaltige Anleihen erreichte die Deutsche Bank laut eigenen Angaben nach vorläufigen Zahlen des Datenanbieters Dealogic im vergangenen Jahr mit einem Weltmarktanteil von 4,6 Prozent den global fünften Platz.

Lob gab es auch für die Gehaltsanreize und Boni in Zusammenhang mit nachhaltigen Bankgeschäften: So belegte die Deutsche Bank den Spitzenplatz in einer Studie des Sustainable Government Labs der Universität Gießen in Sachen Kopplung von Vorstandsbezügen an Nachhaltigkeitsziele. Doch gerade solche Erfolge sorgen für Arbeit. „Wenn eine Bank besonders viele Anreize setzt, müssen die Standards dafür auch verteidigt werden“, erklärt Eigendorf. Wenn das Ziel laute, einen möglichst hohen Anteil an ESG-konformem Geschäft zu erreichen, „müssen Sie auch sicherstellen, dass dahinter auch wirklich ESG steht“.

Dass es mit der Etablierung von Geschäftsroutinen nicht getan ist, weiß Eigendorf. „Meine Hauptaufgabe ist es, wichtige Themen zu identifizieren und zu sehen, mit wem managen wir das über alle Bereiche unserer Bank hinweg“, sagt er. Die Diskussion um eine Erweiterung des EU-Taxonomie-Katalogs von nachhaltigen Geschäftstätigkeiten um Atom und Gas (Tagespiegel Background berichtete mehrfach) zeigt, wie volatil ESG-Maßstäbe sein können. „Wenn wir Methan-Leckagen bei Förderung und Transport verhindern, und wir Öl und Kohle durch Gaskraftwerke ersetzen würden, könnten wir CO2-Emissionen in großem Umfang vermeiden“, sagt Eigendorf. Und weiter: „Haben wir uns einen Gefallen damit getan, Atomkraft so ideologisch anzugehen?“

„Am Ende muss vieles über den Preis funktionieren“

Solche Fragen beschäftigen den Banker. Und auch diese: Was bedeutet eine vernünftige Transformation der Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität? Die Diskussion darüber gewinne an Intensität, sagt er. Die großen Banken legen erstmals 2022 eine Hochrechnung der Klima-Fußabdrücke ihrer Kreditportfolien vor. Das macht sie untereinander vergleichbarer. Und von nächstem Jahr an auch anhand ihrer Fortschritte vergleichbar.

Allerdings wird diese Transparenz Banken auch vor große Herausforderungen im Dialog mit der Öffentlichkeit stellen: „Es ist auch möglich, dass der CO2-Fußabdruck einer Bank erst einmal nach oben geht – wenn sie zum Beispiel das Geschäft mit einem CO2-intensiven Unternehmen ausweitet, das eine schlüssige Transformationsstrategie hat.“ Das müsse gut erklärt werden, so Eigendorf.

„Wir müssen Veränderungen antreiben, nicht Ausschluss“, sagt er. Das klimafreundliche Umsteuern, davon ist Eigendorf überzeugt, können die Banken nicht alleine meistern. Es gehe auch um Verhaltensänderungen bei den Bürgern, beim Verbrauch fossiler Energien genauso wie etwa beim Fleischkonsum. „Am Ende muss vieles über den Preis funktionieren“, sagt er. Mit einer angemessenen CO2-Steuer wären viele dieser nötigen Verhaltensänderungen leichter zu erreichen, glaubt er. Die stärksten Hebel habe letztlich die Politik in der Hand. „Wir Banken werden schließlich die Menschen nicht dazu bringen, auf E-Autos umzusteigen oder zu Vegetariern zu werden.“ Thomas Wendel

Wie nachhaltig legen Sie Ihren persönlichen Spargroschen an?

Der größte Teil meines Spargroschens liegt in Beton und Mörtel. Und das versuchen meine Frau und ich, so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Wer in der Finanzwelt hat Sie beeindruckt?

Larry Fink, weil er als Chef des größten Vermögensverwalters weltweit den Weg für ESG-Investments mitgeebnet hat.

Ist eine nachhaltige Wirtschaft möglich, solange Wachstum oberstes Ziel ist?

Ja, denn nur mit Innovationen werden wir es schaffen, umweltschonend und sozial zu wirtschaften.

Wenn Sie Finanzminister oder Zentralbankchef wären, was würden Sie ändern?

Schwierige Frage. Ich würde grundsätzlich alles dafür tun, das Vertrauen in die Geldwertstabilität zu stärken. Stabiles Geld ist die Basis einer gesunden Marktwirtschaft. Aber über den richtigen Weg dahin kann man trefflich streiten.

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