Standpunkt Marktvertrauen statt EU-Ranking der Nachhaltigkeit

Wenn Emissionen einen angemessenen Preis haben, werden die Finanzmärkte die entsprechenden Risiken und Chancen berücksichtigen. Der klimapolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Lukas Köhler, hält transparente Nachhaltigkeits-Kriterien deshalb für die Hauptaufgabe der EU bei der Sustainable-Finance-Strategie. Überbordender Ehrgeiz könne dagegen sogar zur Gefahr für die Finanzmarktstabilität werden.

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Eine Billion Euro – spätestens, seit die EU-Kommission angekündigt hat, diese gigantische Summe im Rahmen des Green Deals mobilisieren zu wollen, muss auch dem staatsgläubigsten Etatisten klar sein, dass der Weg zu den Klimazielen nicht an privaten Investitionen vorbeiführt. Dem Kapitalmarkt in der EU als weltgrößtem Binnenmarkt und wichtigem Finanzstandort kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Mit einem einheitlichen Rahmen für die Beurteilung von Nachhaltigkeitskriterien kann die Politik transparente Regeln schaffen, die den Anlegern als Grundlage für informierte Entscheidungen dienen. Doch im Dickicht der regulatorischen Details lauern auch Fallstricke. Denn die Abgrenzung zwischen klimafreundlich und -schädlich ist oft gar nicht so leicht.

Und wenn es nicht nur um Klimaschutz geht, sondern um Nachhaltigkeit im umfassenden Sinne, sind Zielkonflikte programmiert. Diese werden kaum noch aufzulösen sein, wenn die EU nun beim Klimaschutz die ersten Pflöcke einschlägt und weitere Umweltaspekte, soziale Fragen und Governance-Kriterien vorerst unberücksichtigt lässt. Denn Nachhaltigkeit ist mehr als nur Klimaschutz. Das muss sich auch in der Taxonomie widerspiegeln.

Auch die Brüssel Bürokratie hat nicht die ultimative Formel

Mit der Taxonomie hat sich die EU-Kommission der Sisyphos-Aufgabe verschrieben, jede einzelne Wirtschaftsaktivität in gut, schlecht oder auch „transformativ“ einzustufen und entsprechend zu katalogisieren. Abgesehen von der Praktikabilität versagt sie unter politischem Druck nun jedoch genau dort, wo sie am meisten gefragt wäre: Den Transformationsprozess zu den Klima- und Nachhaltigkeitszielen zu unterstützen. Eine Sustainable-Finance-Strategie, die schwierige Debatten ausklammert, mit Teilschritten voranprescht und dennoch den Eindruck erweckt, die Brüsseler Bürokratie habe die ultimative Formel für Nachhaltigkeit entdeckt, kann den Weg zu den gesetzten Zielen sogar erschweren.

Doch bleiben wir zunächst beim Klimaschutz. Hier ist die Sache mit der Finanzierung – zumindest unter der Annahme eines perfekt transparenten Marktes – eigentlich einfach. In einem alle Sektoren umfassenden Emissionshandel legt die Politik ein stetig sinkendes CO2-Limit fest und der sukzessiv steigende CO2-Preis macht klimaschädliche Aktivitäten finanziell immer unattraktiver.

Investitionen in fossile Strukturen, die angesichts des vorgezeichneten Wegs in die Klimaneutralität in absehbarer Zeit nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können, lohnen sich nicht mehr. Und so wird beispielsweise die Finanzierung des neuen wasserstoffbasierten Stahlwerks ökonomisch deutlich sinnvoller, als Geld in eine kohlebasierte Anlage zu stecken. Zumindest unter der Annahme eines komplett transparenten Marktes, der auch die Umweltkosten internalisiert, lenkt die unsichtbare Hand die Finanzflüsse unabhängig von der persönlichen Motivation einzelner Anleger in die gewünschte Richtung.

Jede weitere Diskussion über Nachhaltigkeitskriterien wäre damit zumindest in Bezug auf den Klimaschutz vollkommen überflüssig. In Europa funktioniert das Prinzip durch den Emissionshandel in der Industrie und der Energiewirtschaft bereits sehr gut. Noch mehr Schlagkraft bekäme es durch die Ausweitung auf alle Verursacher von Treibhausgasen. Bestenfalls nicht nur in der EU, sondern weltweit.

Aber auch über die rein ökonomischen Kriterien hinaus – wenngleich davon natürlich nicht trennscharf zu unterscheiden – wächst das Interesse an klimafreundlichen Geldanlagen. Die Nachfrage nach Fonds, die beispielsweise Investitionen in Kohlekraftwerke ausschließen, steigt stetig. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass immer mehr private Anleger großen Wert darauf legen, mit ihrem Geld den Klimawandel nicht zu beschleunigen. Andererseits stehen die großen Finanzmarktakteure zunehmend unter Beobachtung einer kritischen Öffentlichkeit, sodass bestimmte Investitionen einen Imageschaden verursachen können. Wieder sind es also marktwirtschaftliche Mechanismen, die klimafreundliche Investitionen befördern.

Märkte sind nicht perfekt, es braucht zielgenaue Informationen

Doch in der Realität sind Märkte leider niemals perfekt transparent. Vor diesem Hintergrund ist die Idee durchaus sinnvoll, Nachhaltigkeitskriterien in einer EU-Taxonomie zu definieren, um so die Transparenz durch eine mögliche Interpretation von Sustainable Finance zu erhöhen. Einer effizienten Ressourcenverteilung liegt eine zielgenaue Informationsbasis zugrunde; die rasant steigende Nachfrage nach nachhaltigen Anlagen und der grenzüberschreitende Kapitalverkehr in Europa erfordern einheitliche Standards, um das gemeinsame Verständnis von Nachhaltigkeit zu schärfen.

Ob und inwiefern Anleger diesem Trend folgen wollen, muss jedoch jedem selbst überlassen bleiben. Wenn persönliche Präferenzen in Bezug auf die Nachhaltigkeitskriterien oder auch das jeweilige Vertrauen in private Anbieter und staatliche Institutionen dazu führen, dass nachhaltige Investitionen auf einer anderen Basis als der EU-Taxonomie getroffen werden, ist das weder per se besser noch schlechter.

Deshalb ist es auch falsch, die Tätigkeiten von Unternehmen verpflichtend auf die Nachhaltigkeitskriterien der Taxonomie hin zu überprüfen. Die Taxonomie sollte ein Informationsangebot sein, das Anlegern hilft, informierte Entscheidungen auf Grundlage ihrer persönlichen Präferenzen zu treffen. Sie darf aber kein staatliches Ranking werden, das Unternehmen und Finanzprodukte in Gut und Böse einteilt. Und erst Recht müssen auch für Taxonomie-konforme Finanzprodukte dieselben Kapitalmarktregeln gelten wie für alle anderen. Eigenkapitalanforderungen oder Zinssätze müssen auch weiterhin allein das finanzielle Risiko einer Investition wiederspiegeln. Klimarisiken sind darin auch  heute schon abgebildet. Alles andere wäre eine erhebliche Gefahr für die Finanzmarktstabilität und damit ein absolutes No-Go.

Vertrauen in Nachhaltigkeitskriterien ist entscheidend

Entscheidend für die Wirkmächtigkeit transparenter Kriterien muss Vertrauen sein. Wenn Anleger davon ausgehen, tatsächlich nachhaltig investieren zu können, wird die Nachfrage nach entsprechend zertifizierten Finanzprodukten automatisch steigen – und wer dann nicht dabei ist, hat einen Nachteil am Markt. In der Realität zeigt sich, dass genau dieser Effekt bereits eintritt. Da die großen institutionellen Anleger ihre Geschäfte bereits an den neuen EU-Kriterien ausrichten, spielen diese eine immer zentralere Rolle in der Unternehmensfinanzierung. Die richtige Ausgestaltung ist daher nicht zuletzt für das Erreichen der Klimaziele entscheidend.

Dass diese keineswegs trivial ist, lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Einer der großen Streitpunkte im bisherigen Taxonomie-Prozess ist die Frage, ob Investitionen in Gasinfrastruktur klimafreundlich sein können. Schlichte Gemüter machen es sich einfach und verneinen das mit Verweis auf die zweifellos klimaschädliche Wirkung der Erdgasverbrennung. Diese Sichtweise ist allerdings nicht nur unterkomplex, sondern auch gefährlich.

Denn ein Gaskraftwerk, das ein Kohlekraftwerk ersetzt, trägt zur Verringerung der Gesamtemissionen bei. Wenn aber niemand mehr in Gaskraftwerke investiert, weil Gas aus der Taxonomie ausgeschlossen wurde, kann dies zu längeren Laufzeiten der Kohlekraftwerke führen. Schon daran zeigt sich, dass die Dinge nicht ganz so einfach sind, wie einige das gerne hätten. Und von der Nutzung erneuerbarer Gase oder CCS-Technologien war noch nicht mal die Rede.

Noch komplizierter wird es mit Blick auf Atomenergie oder Elektromobilität. Atomenergie ist klimafreundlich, aber angesichts des Atommülls nicht nachhaltig. Elektromobilität kann je nach Strommix klimafreundlich sein – ob sie aber wirklich nachhaltig ist, hängt auch von sozialen und Umweltstandards in den Lieferketten der Rohstoffe ab. Eine simple schwarz/weiß-Betrachtung ist also nicht zielführend. Eine Taxonomie, die Nachhaltigkeit vorerst nur auf Klimaschutz reduziert, ist jedenfalls keine geeignete Basis für eine echte Sustainable-Finance-Strategie. Gründlichkeit muss hier vor Schnelligkeit gehen. Nur dann kann aus der Idee eine echte Chance für mehr Transparenz an den Finanzmärkten werden.

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