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Sustainable Finance

Standpunkt

Mit Stewardship einen gerechten Übergang zur Klimaverträglichkeit erreichen

Foto: Federated Hermes

Großanleger müssen sich aktiv bei Unternehmen einbringen und mit der Politik kooperieren, um effektiv dazu beizutragen, die Klima- und die Biodiversitätskrise zu bewältigen, meint Hans-Christoph Hirt, Leiter Stewardship Services (EOS) des britischen Vermögensverwalters Federated Hermes.

von Hans-Christoph Hirt

veröffentlicht am 03.02.2022

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Investoren müssen ein differenziertes, ganzheitliches Verständnis für die Herausforderungen von Unternehmen bei Umwelt, Sozialem und Governance (ESG) entwickeln, wenn auf dem Weg zu „Netto Null“, dem klimaneutralen Wirtschaften, der Klimawandel erfolgreich bekämpft werden soll. Im Vorfeld der Weltklimakonferenz COP26 haben wir gesehen, wie ehrgeizige Pläne zur Dekarbonisierung der Volkswirtschaften und zur Beschleunigung der Umstellung auf erneuerbare Energien durch den Widerstand derjenigen gefährdet werden könnten, die stark von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen abhängig sind.

Eine der zentralen Aufgaben für 2022 und darüber hinaus ist für Vermögensverwalter und Investoren, mit Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern zu kooperieren, um einen gerechten Übergang für die vom Strukturwandel am stärksten Betroffenen zu gewährleisten. Das ist eine wichtige Voraussetzung, damit die Bemühungen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, nicht ins Stocken geraten.

Netto-Null-Geschäftsmodell bei allen Unternehmen nötig

Wir sind uns bewusst: Diese komplexen ökologischen und sozialen Herausforderungen sind miteinander verknüpft. Und das Tempo des Wandels zu einer kohlenstoffarmen und absehbaren Netto-Null-Wirtschaft – und letztlich sein Erfolg oder Misserfolg – werden von dieser Zusammenarbeit abhängen.

Durch unser direktes Engagement und unsere Zusammenarbeit mit Climate Action 100+, bei der wir bei mehr als 25 Unternehmen für die Dialoge federführend oder mitverantwortlich sind, werden wir weiterhin Druck auf Unternehmen ausüben, sich an dem Pariser Abkommen auszurichten. Konkret heißt das: Alle Unternehmen müssen langfristig ein Geschäftsmodell entwickeln, das mit Netto-Null-Emissionen kompatibel ist und einen Transformationsplan vorlegen, der dies bis 2050 sicherstellt. Dieser mit den Pariser Klimaschutzzielen kompatible Plan muss dann in der Strategie umgesetzt und durch kurz- und mittelfristige, wissenschaftlich fundierte Kohlenstoffreduzierungsziele unterlegt werden. Das erwarten die Investoren der Climate Action 100+.

Bei Abstimmungen auf Hauptversammlungen zu Klimastrategien von Unternehmen, was es in einigen Märkten schon gibt, müssen die mit den Aktien verbundenen Rechte zielführend ausgeübt werden. Wir werden die Strategien der Unternehmen genau unter die Lupe nehmen und unseren institutionellen Investoren, Kunden und Fondsmanagern empfehlen, gegen Pläne abzustimmen, die den oben genannten Anforderungen nicht gerecht werden. Gegebenenfalls werden wir ebenso empfehlen, gegen den Vorsitzenden des Aufsichtsrats und andere relevante Verantwortungsträger zu stimmen.

Kapitaleigner und Vermögensverwalter müssen handeln

Auf diese Weise können die Aktionäre gezielt Umwelt- und Governance-Fragen miteinander verbinden. Die wesentlichen globalen und lokalen Finanzmarktakteure, einschließlich Banken und institutionelle Investoren, können und müssen aktiv bei der Erreichung der Zielsetzung des Pariser Abkommens mitwirken.

Eng verbunden mit der Klimaherausforderung ist die Biodiversitätskrise, die 2022 hohe politische Relevanz erhält und auch von Finanzakteuren beachtet werden sollte. In diesem Jahr wird die zweite Phase der Weltbiodiversitätskonferenz COP15 zum Schutz der biologischen Vielfalt in Kunming, China, stattfinden. Der Klimawandel ist eine der fünf Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt. Wenn wir, und damit sind auch die Kapitaleigner und Vermögensverwalter in Europa und der Welt gemeint, nicht handeln, könnte dies endgültig zum Überschreiten der Belastungsgrenze für unseren Planeten führen und entsprechend verheerende Folgen für unsere Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft haben.

Darum haben wir einen detaillierten Rahmen für unser Engagement entwickelt, um unsere Interaktionen mit Unternehmen im Bereich der biologischen Vielfalt zu steuern. Darin wird dargelegt, mit welchen Faktoren die zu entwickelnden und entwickelten unternehmensbezogenen Netto-Positiv-Ziele einhergehen sollten. Im Fokus stehen dabei eine starke Unternehmensführung und -kontrolle, eine wirkungsvolle Strategie mit klar definierten Zielen in Kombination mit einer effektiven Messung sowie einer regelmäßigen Offenlegung.

Den Selbstverpflichtungen müssen Taten folgen

Es ist positiv zu bewerten, dass die Thematik der Biodiversität inzwischen in der Finanzbranche angekommen ist. Dies wird daran deutlich, dass sich wesentliche institutionelle Investoren in Initiativen organisieren wie zum Beispiel Finance for Biodiversity, die heute Firmen mit 12,6 Billionen Euro verwaltetem Vermögen umfasst. Auf die öffentlichen Selbstverpflichtungen müssen jetzt aber auch Taten folgen.

Institutionelle Investoren müssen als Treuhänder für Millionen von Pensionären, Sparern und Versicherten ein ganzheitlicheres Verständnis für ESG-Themen und deren Zusammenspiel entwickeln. Dieses Verständnis ist von zentraler Bedeutung angesichts der Herausforderungen, die sich aus dem Ausgleich konkurrierender Interessen und Bedürfnisse im Kampf um die Abschwächung von Klima- und Biodiversitätskrise und die Anpassung an sie ergeben. Das Entwickeln eines solchen ganzheitlichen Verständnisses markiert einen entscheidenden nächsten Schritt – nicht nur im Hinblick auf einen gerechten Übergang zu effektivem Klimaschutz und Netto-Null, sondern auch bei der Entwicklung des verantwortungsbewussten Investierens.

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