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Sustainable Finance

Standpunkt

Nachhaltigkeit ist die Chance des 21. Jahrhunderts

Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen und stellvertretende Vorsitzende des Finanzausschusses
Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen und stellvertretende Vorsitzende des Finanzausschusses Foto: Christine Fiedler

Deutschland soll zum führenden Standort nachhaltiger Finanzierung werden, das hat die Ampel sich vorgenommen, schreibt Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen. Dafür werde unter anderem eine kluge Politik benötigt, die bessere Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen für privates Kapital setzt. Der im Juni startende Sustainable-Finance-Beirat spiele dabei eine entscheidende Rolle und solle Gehör finden.

von Katharina Beck

veröffentlicht am 02.06.2022

aktualisiert am 03.06.2022

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Deutschland soll zum „führenden Standort nachhaltiger Finanzierung“ werden. Das haben wir als Ampel im Koalitionsvertrag verankert. Vor uns liegt eine extrem spannende Aufgabe. Denn es geht nicht einfach darum, Marktanteile von ESG-Produkten zu erhöhen, sondern den Wandel hin zu einem neuen, nachhaltigen Wohlstand insgesamt zu gestalten. Und der Finanzsektor spielt dabei eine essenzielle Rolle – als Ermöglicher und Beschleuniger.

Die Nachfrage nach Nachhaltigkeit an den Kapitalmärkten ist riesig. Bloomberg Intelligence schätzt, dass bis 2025 rund ein Drittel aller Anlagen nachhaltig angelegt sein könnten. Es könnte sogar deutlich mehr werden, denn die Staaten der Welt haben sich mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und den Pariser Klimazielen eine klare Strategie der Nachhaltigkeit gegeben: Auf dem einen Planeten, den wir haben, gut und friedlich zu leben und prosperierend zu wirtschaften. Nahezu alle großen Unternehmen haben sich dazu bereits ebenfalls ernsthaft bekannt. Positiver Gestaltungswille ist zuhauf vorhanden.

Der Klimawandel ist das Hauptrisiko für die Weltwirtschaft

Die Notwendigkeit zu handeln ist tatsächlich groß. Die TOP-3 der Risiken für die Weltwirtschaft, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) jährlich herausgibt, sind in 2022: Klimawandel, extreme Wetterereignisse, Verlust an Biodiversität. Es ist bemerkenswert: Das sind nicht Risiken, die ein Naturschutzverband oder die Grüne Partei benennt, sondern Risiken aus Sicht der Wirtschaft. Sichtbar sind aktuell Probleme wie labile Lieferketten, explodierende (Energie-)Preise, wachsende soziale Spaltung – Folgen auch der Pandemie und des Einmarschs Russlands in die Ukraine.

Weiterzumachen wie bisher ist riskanter und teurer, als beherzt die positive und notwendige Veränderung anzugehen. Sustainable Finance und die Transformation zu einer klimapositiven Kreislaufwirtschaft sind die Lösung. Dafür eröffnen bereits das Osterpaket und der stark beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren Energien große Chancen. Massive Investitionen in neue Geschäftsmodelle in diversen Industrien stehen an, damit Deutschland und Europa in Zukunft führend und wettbewerbsfähig sind – und ein gutes Leben für alle möglich ist.

Privates Kapital ist dafür ein zentraler Hebel. Damit er gut funktionieren kann, braucht es eine kluge Politik, die bessere Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen setzt. Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken sind Finanzrisiken. Sie müssen konsequent in Risikomanagement und Aufsicht integriert werden. Wie wichtig das ist, um das Finanzsystem auch insgesamt für künftige Krisen zu wappnen, betont die Bundesbank in ihrem Finanzstabilitätsbericht.

Bilanzen erhalten ein Update für das 21. Jahrhundert

Voraussetzung hierfür sind Transparenz über die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen und klare Standards. Mit der Corporate Sustainbility Reporting Directive (CSRD) steht ein Meilenstein auf dem Weg hin zu mehr Transparenz und Langfristigkeit in der EU kurz vor dem Abschluss: Erstmals sollen auch zukunftsgerichtete Daten und Strategien Teil der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen werden, und, wichtig: integriert, und damit gleichwertig in den regulären Lagebericht. Durch die Ansiedlung des International Sustainability Standards Board (ISSB) in Frankfurt haben wir die Chance, diese Prinzipien auch global zu verankern. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie sich die Taxonomie reformieren und zu einem funktionierenden Transformationsinstrument weiter entwickeln lässt.

Schon eine Weile überfällig ist auch ein Update der Messung von Wohlstand und Erfolg für das 21. Jahrhundert. Auf unternehmerischer Ebene ist eine der besten politischen Innovationen, die wir im Koalitionsvertrag verankert haben, dass wir durch die Änderung von Stellschrauben in Rechnungslegungsstandards, das heißt HGB und IFRS, CO2 zukünftig in die Bilanzen integrieren werden. So wird sich klimapositives Wirtschaften endlich finanziell lohnen.

Von der neuen deutschen Sustainable-Finance-Agenda wünsche ich mir, dass sie dem transformativen Anspruch eines grundsätzlichen Wandels gerecht wird und dass wir künftig den internationalen Vergleich nicht mehr zu scheuen brauchen. Denn viele Länder sind in den vergangenen Jahren mutig vorangegangen: Der norwegische Staatsfonds hat bereits 2005 begonnen, Aktienpakete aus ökologischen und sozialen Gründen abzustoßen und als aktiver Aktionär Unternehmen im Dialog zu nachhaltigerem Wirtschaften zu bewegen. Frankreich gilt seit 2015 als Vorreiter in Sachen ESG und auch aus den USA kommen nun Vorschläge, Treibhausgasemissionen von an US-Börsen notierter Unternehmen deutlich präziser veröffentlichen zu lassen. Das sind nur einige Beispiele, an denen sich Deutschland messen lassen muss, wenn es zu einem führenden Standort aufsteigen möchte. Nun gilt es die deutsche Sustainable-Finance-Strategie weiterzuentwickeln – und vor allem umzusetzen – um unserem Führungsanspruch gerecht zu werden.

Der Beirat soll Gehör finden

Wertvolle Unterstützung erhoffe ich mir vom neuen Sustainable-Finance-Beirat. Ich freue mich außerordentlich, dass er am 10. Juni seine Arbeit aufnehmen wird. Das Gremium der vergangenen Legislatur konnte wichtige Impulse setzen: Mit den 31 Maßnahmen aus dem Abschlussbericht liegen viele gute Vorschläge auf dem Tisch, an denen sich bei der Weiterentwicklung der deutschen Sustainable-Finance-Strategie anknüpfen lässt. Der neue Beirat bringt 34 inspirierende Persönlichkeiten der Finanz- und Realwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, die ihre Leidenschaft für das Thema Nachhaltigkeit verbindet. Sie werden uns als Ampel auf dem Weg zur transformativen Kraft des Finanzsektors voranbringen. Wichtig ist, dass der Beirat und seine Ideen bei den relevanten Entscheidungsträger:innen echtes Gehör findet. Hierzu zählen für mich die Top-Ebene aus der Regierung, Expert:innen aus den Ministerien und auch das Parlament – damit wir schnell und umfassend Wirkung erzielen können.

Ich hoffe, dass es mit guter Sustainable-Finance-Politik gelingt, noch mehr Begeisterung für das Thema Nachhaltigkeit im Finanzsektor zu entfachen – in den Chefetagen der großen Dax-Konzerne und flächendeckend: von der Sparkasse vor Ort, über die Großmutter auf der Suche nach einer sicheren Anlage für ihr Enkelkind bis hin zum mittelständischen Autozulieferer auf der Schwäbischen Alb. Denn eins ist klar: Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern die große Chance des 21. Jahrhunderts.

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