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Sustainable Finance

Standpunkt

Ökosozialem Marktversagen aktiv entgegentreten

Steve Waygood, Chief Responsible Investment Officer beim Vermögensverwalter eines großen britischen Versicherers,  Aviva Investors
Steve Waygood, Chief Responsible Investment Officer beim Vermögensverwalter eines großen britischen Versicherers, Aviva Investors Foto: Aviva Investors

Vermögensverwalter haben nach Ansicht von Steve Waygood, Chief Responsible Investment Officer bei Aviva Investors, den Auftrag, aus nicht nachhaltigem Handeln entstandenes Marktversagen zu korrigieren und das Finanz- und Wirtschaftssystem auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen. Dafür sei Makro-Stewardship der beste Ansatz, schreibt Waygood in seinem Standpunkt-Gastbeitrag für Tagesspiegel Background Sustainable Finance.

von Steve Waygood

veröffentlicht am 25.08.2022

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Im Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns steht zumeist nach wie vor eine ganz bestimmte Interessensgruppe: Aktienbesitzer. Dabei ist es höchste Zeit, dass wir das Primat der Aktionäre hinter uns lassen. Denn Umwelt- und Sozialfragen können wir nur angehen, wenn auf den Märkten und in Unternehmen eine Multi-Stakeholder-Mentalität verankert wird, für die auch andere Anspruchsgruppen relevant sind. Doch das Modell des Stakeholder-Kapitalismus hat es nicht leicht, Fuß zu fassen. Teil des Problems: Transparenz und Rechenschaftspflicht.

Und genau hier kommt das Konzept der „Makro-Stewardship“ ins Spiel. Die bisherige Auffassung von Stewardship (Verantwortung) ist kleinteilig und wird meist durch die Unternehmensbrille betrachtet – ohne dass dabei eine Auseinandersetzung mit dem System selbst inklusive Systemänderungen in Frage käme.

Wir definieren auf Nachhaltigkeit bezogenes Makro-Stewardship folgendermaßen:

„Aktive Einbindung von Regierungen, politischen Entscheidungsträgern, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Akademikern und anderen wichtigen Meinungsführern, um eine solche Regierungspolitik und solche Marktpraktiken voranzutreiben, die wesentliches Marktversagen bei Nachhaltigkeitsthemen korrigieren.“

Makro-Stewardship zielt also darauf ab, die Anreize im Finanzsystem zu ändern und die allgemeine Gewinnorientierung für nachhaltigere Ergebnisse zu nutzen. Dabei befasst sich der Ansatz mit Themen, die sowohl für die Erreichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) als auch für das langfristige Wirtschaftswachstum im Sinne des BIPs von Bedeutung sind. Mit anderen Worten: Es geht um die Förderung einer langfristig nachhaltigen Entwicklung.

Nicht hinter Branchenverbänden verstecken

In der Praxis steht die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Finanzwesen und in der Realwirtschaft im Mittelpunkt. Dabei gibt es proaktive und auch reaktive Elemente. Ein gelungener Makro-Stewardship-Ansatz sollte darüber hinaus auch Finanzinitiativen integrieren, bei denen die jeweiligen Vermögensverwalter eine klare Führungsrolle beansprucht haben – Trittbrettfahren oder sich hinter der Position von Branchenverbänden zu verstecken, passt nicht dazu.

Es sollte außerdem versucht werden, die Wirksamkeit und den positiven Impact der jeweiligen Aktivitäten zu messen. Dabei ist die Frage zu beachten, wie Interventionen von Finanzakteuren bei Unternehmen oder Regulierern die Bedürfnisse heutiger Menschen erfüllen, ohne die langfristige Erfüllung der Bedürfnisse künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Dazu gehört auch ein nachweisliches Verständnis dafür, unbeabsichtigte Folgen zu vermeiden.

Natürlich gibt es Szenarien, in denen die diplomatischen Vorgänge unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen sollten, doch prinzipiell gilt es, die größtmögliche Transparenz anzustreben. Ebenso sind Mechanismen der Rechenschaftspflicht gegenüber Kunden und allen Stakeholdern im weiteren Sinne gefordert.

Makro-Stewardship als bestes Mittel gegen Klimawandel

Im Falle von Marktversagen – was beispielsweise der Klimawandel ist – ist Makro-Stewardship wohl das beste Mittel, um die wesentlichen negativen Nachhaltigkeitsauswirkungen der Wertpapiere in einem Portfolio abzumildern.

Der Makro-Stewardship-Ansatz trägt außerdem dazu bei, dass Finanzinstitute ihrer gesetzlichen Pflicht, die Marktintegrität zu wahren, auch nachkommen. So entspricht der Ansatz der im britischen Recht verankerten Verordnung des sogenannten Stewardship Codes, „marktweite und systemische Risiken zur Sicherung eines gut funktionierenden Finanzsystems zu erkennen und darauf zu reagieren. Die Unterzeichner sollten eine Bewertung ihrer Effektivität bei der Erkennung von und Reaktionen auf marktweite (einschließlich geopolitischer Fragen) und systemische Risiken (wie den Klimawandel) sowie bei der Förderung gut funktionierender Finanzmärkte offenlegen.“

In Europa weht der Wind des regulatorischen Wandels in eine ähnliche Richtung. Gemäß dem EU-Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem müssen die Finanzmarktteilnehmer im Rahmen der Offenlegungsverordnung SFDR ihre Maßnahmen zur Abschwächung der „wichtigsten nachteiligen Auswirkungen“ darlegen (oder ihr Handeln begründen, falls sie keine Maßnahmen ergreifen). Gleichzeitig müssen sie erklären, wie sich „Nachhaltigkeitsrisiken“ in ihren Investitionsentscheidungen niederschlagen.

Negative Effekte noch nicht hinreichend eingepreist

Während es bei „Nachhaltigkeitsrisiken“ im SFDR-Regelwerk um die tatsächliche oder potenzielle Bedeutung von Investitionen in finanzieller Hinsicht geht, umschreiben die „wichtigsten nachteiligen Auswirkungen“ die Folgen für Umwelt und Gesellschaft. Die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen beziehen sich also oft auf negative externe Effekte, die noch nicht hinreichend in Märkten und Bewertungsmodellen eingepreist sind. Dazu gehören die tatsächlichen Kosten von Kohlenstoff, die Gefahr von Antibiotikaresistenzen, Wasser- und Luftverschmutzung sowie die versteckten Kosten bei Unzulänglichkeiten hinsichtlich Vielfalt und Integration, was zu suboptimaler Talentakquise und -förderung führen kann.

Die Signale seitens der Regulatoren sowie die wachsende Nachfrage bei Endanlegern nach effektiveren und ehrgeizigeren Aktivitäten ihrer Asset Manager verdeutlichen unsere Pflicht, jetzt zu handeln. Makro-Stewardship ist ein Dosenöffner für funktionierenden Stakeholder-Kapitalismus. Wir haben das Wissen und den Auftrag, Marktversagen zu korrigieren und das Finanz- und Wirtschaftssystem auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen. Deshalb ist es an der Zeit, unsere Denkweise auf eine andere Ebene zu heben. Es ist an der Zeit, wirklich groß zu denken.

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