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Sustainable Finance

Standpunkt

Politische Geiselnahme diskreditiert eine hehre Idee

Michael Schmidt, Ex-Mitglied der High Level Expert Group on Sustainable Finance der EU und heutiger Investmentchef von Lloyd Fonds
Michael Schmidt, Ex-Mitglied der High Level Expert Group on Sustainable Finance der EU und heutiger Investmentchef von Lloyd Fonds Foto: Lloyd Fonds AG

Atomstrom und Gas in der EU-Taxonomie wären eine gefährliche Grenzüberschreitung, meint Michael Schmidt. Der „HLEG-Veteran“ – das einzige deutsche Mitglied der früheren High Level Expert Group on Sustainable Finance der EU-Kommission – stand an der Wiege des EU-Aktionsplans Sustainable Finance und der Taxonomie. Von 2019 bis 2021 wirkte das einstige Geschäftsführungsmitglied von Deka Investment und der heutige Investmentchef von Lloyd Fonds im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung mit.

von Michael Schmidt

veröffentlicht am 27.01.2022

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Die EU-Taxonomie hat es in die „Tagesschau“ geschafft – ein schöner Erfolg, was die Wahrnehmung von Sustainable Finance betrifft, aber leider aus den falschen Gründen. Die übereilte, einseitig von der EU-Kommission betriebene Anreicherung der Taxonomie mit den Zündstoffen Atom und Gas am Silvesterabend 2021 stellt eine gefährliche Grenzüberschreitung dar. Diese politische Geiselnahme eines experten- und wissenschaftsbasierten Prozesses untergräbt dessen Glaubwürdigkeit und führt in eine Sackgasse für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Die „große Transformation“ kann so nicht gelingen.

Die EU-Taxonomie war als objektives, von Multi-Stakeholder-Experten erarbeitetes Klassifizierungssystem wirtschaftlicher Aktivitäten hinsichtlich ihres Beitrags zu Nachhaltigkeitszielen gedacht. Zu Beginn vornehmlich für Klimaziele, gewissermaßen als Landvermessung. Sie sollte aber in sich selbst kein Standard und kein Label sein, sondern sachliche Orientierung geben für Unternehmen, Investoren und Öffentlichkeit. So zumindest lautete die klare Empfehlung der von der EU-Kommission eingesetzten „HLEG“ (High Level Expert Group on Sustainable Finance) in ihrem vor ziemlich genau vier Jahren vorgelegten Schlussbericht, der die Grundlage für den „EU-Aktionsplan – Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ und damit für die seitdem verabschiedeten europäischen Sustainable-Finance-Regulierungen bildete.

Die Taxonomie ist keine Nachhaltigkeitsbibel

Unverständnis und verkürzte Darstellungen haben in der politischen und öffentlichen Debatte aus der Taxonomie dann eine Art Nachhaltigkeitsbibel gemacht. Das ist sie nicht. Die Taxonomie muss auch erst noch wachsen, das ganze Nachhaltigkeitsland vermessen, nicht nur ein Schlaglicht auf ein paar dunkelgrüne Parzellen legen.

Die hitzige Debatte um Atom und Gas als Brückentechnologien auf dem Weg zur Erreichung der Klimaziele ist nötig und richtig. Aber das Ergebnis steht doch schon fest, wenn wir ehrlich sind: Beide Technologien müssen in der heute bekannten Form endlich sein. Bei fossilem Gas ist die Klimaschädlichkeit klar. Atomenergie mag CO2-frei sein, aber sie schädigt erheblich andere Umweltziele, wie die Experten der von der EU-Kommission eingesetzten Platform on Sustainable Finance hervorheben (Tagesspiegel Background berichtete). Sie stellt unter allen Energiequellen vermeintlich die größte potenzielle Gesundheitsbedrohung dar (will wirklich irgendjemand lieber einen Mini-Atomreaktor in seiner Nachbarschaft haben als ein Windrad?) und scheint auch ökonomisch über den Lebenszyklus unvorteilhaft, insbesondere unter Berücksichtigung der Kosten externer Effekte.

Gleichzeitig ist klar: Sowohl Atom als auch Gas sind für einige Jahre noch unverzichtbar für die Sicherung der Energieversorgung von Wirtschaft und Bevölkerung in Europa. Frankreich und Deutschland sollten sich daher trotz unterschiedlicher Startpunkte (Frankreich braucht Atom, Deutschland Gas) auf ein Datum für das konvergierende Endziel verständigen, beide Technologien auslaufen zu lassen, und durch klimafreundliche, weniger riskante Energieformen zu ersetzen. Das gäbe einen klaren Pfad für ganz Europa. Die Taxonomie aber muss dafür nicht missbraucht werden.

Breitere Definition von nachhaltigen Investitionen nötig

Für den Finanzsektor kann die Taxonomie in der heutigen Form ohnehin nur einen kleinen Ausschnitt der Wirtschaftswelt abdecken. Daher ist sie für Anlage- und Finanzierungsentscheidungen derzeit noch denkbar ungeeignet.

Wesentlich zielführender ist die Fokussierung auf die Umsetzung der breiteren Definition von „nachhaltiger Investition“, wie sie in Art. 2 Nr. 17 der EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) sehr gelungen dargelegt ist: „Eine Investition in eine wirtschaftliche Tätigkeit, die zur Erreichung eines Umweltziels…oder…eines sozialen Ziels beiträgt“, mit den Nebenbedingungen, dass solche Investitionen diese Ziele nicht erheblich beeinträchtigen und die investierten Unternehmen eine gute Corporate Governance aufweisen. Damit sind die drei Nachhaltigkeitssäulen des Kürzels ESG (Umwelt, Soziales, Governance) zukunfts- und zielorientiert erfasst.

Als bestmögliches Zielsystem bieten sich für die Umsetzung die UN Sustainable Development Goals (SDGs) an, die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Nun mag man einwenden, dass hier die operative Konkretisierung in der Regulierung fehlt, die doch die Taxonomie bringen soll. Aber solange die Taxonomie unvollständig und politisiert ist, tun wir besser daran, statt Mikromanagement einem Ideenwettbewerb Raum zu geben, diese Ziele passend zum jeweiligen Geschäftsmodell überhaupt erst konkret zu setzen, sie ambitioniert auszugestalten und ernsthaft zu verfolgen. Dabei gibt es sicher Unsicherheiten und Fehler. Halbherzigkeit und Nichtstun oder das Warten auf Perfektion sind aber keine Alternativen. Entscheidend sind ein fundiertes Verständnis der SDGs und das ernsthafte tägliche Arbeiten an deren Erreichung. In den Unternehmen ebenso wie bei denen, die sie finanzieren. Damit wird viel schneller viel mehr Wirkung in der Breite erreicht, sodass die Transformation zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft tatsächlich gelingen kann.

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