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Sustainable Finance

Standpunkt

Politischer Paradigmenwechsel nötig

Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei Donner & Reuschel
Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei Donner & Reuschel Foto: Donner & Reuschel

Finanzwirtschaft und Politik können und müssen gemeinsam die Transformation zu nachhaltigem Wirtschaften entscheidend voranbringen, meint Carsten Mumm, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Donner & Reuschel.

von Carsten Mumm

veröffentlicht am 18.11.2021

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Nachhaltigkeit ist das Thema unserer Zeit. Dabei ist die Zielsetzung auf den ersten Blick klar umrissen: Es geht um den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen und damit den Erhalt von Wohlfahrt – auch für zukünftige Generationen. Jüngst hat sogar das Bundesverfassungsgericht die Politik angemahnt, stärker die Interessen und Freiheitsrechte zukünftiger Generationen zu berücksichtigen, sich also wesentlich langfristiger und nachhaltiger auszurichten.

Oft werden die Antworten auf Nachhaltigkeits- und Generationenfragen vor allem von der Klimapolitik erwartet. Um gesellschaftliche Zielkonflikte zu vermeiden, also Klima- und Umweltschutz nicht gegen heutigen Wohlstand auszuspielen, müssen aber auch andere politische Verantwortungsbereiche, unter anderem Technologie-, Industrie- und Außenpolitik, miteinbezogen werden.

Dieser Prozess ist eine komplexe Optimierungsaufgabe und bedarf daher eines politischen Paradigmenwechsels. Es müssen sich alle Fachbereiche eng koordinieren, um gemeinsam das übergeordnete Ziel der Klimaneutralität zu erreichen und zugleich gesellschaftliche, volkswirtschaftliche und unternehmerische Nebenziele zu berücksichtigen.

Konkret steht die neue Bundesregierung vor nachfolgenden Aufgaben, um notwendige Weichenstellungen entscheidend voranzutreiben:

        Einen Ordnungsrahmen und ein Anreizsystem für eine klimaneutrale Wirtschaft und Ressourcennutzung entwickeln, um über eine regulatorische Unumkehrbarkeit Planungssicherheit für private Klimaschutzinvestitionen herzustellen und trotzdem international wettbewerbsfähig zu bleiben.

        Einen Dreiklang aus CO2-Preis, Infrastrukturinvestitionen und Technologieförderung implementieren, um die Grundlagen für Verhaltensänderungen und technologische Innovationen zu schaffen.

        Die Verursacher von Emissionen oder anderen Externalitäten müssen diese künftig vollumfänglich in ihren Kostenkalkulationen berücksichtigen, während die Absorption von Emissionen, beispielsweise die Bindung von CO2, entlohnt werden sollte.

        Genehmigungsverfahren zum Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen.

        Private Initiativen zielgerichtet fördern, beispielsweise die Installation von dezentralen Stromerzeugungs- und Speicherkapazitäten.

        Die Verfügbarkeit der für die Energiewende notwendigen Rohstoffe sichern und internationale Stromaustausch- und Speicherungsplattformen initiieren.

        Der Landwirtschaft und der Ernährungsindustrie den Übergang zu nachhaltigeren Anbau- und Produktionsmethoden ermöglichen, sowie Konsumenten zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln und natürlichen Ressourcen anregen.

        Die wissenschaftliche Forschung für Klimaschutz ausbauen, und in der Politik besonders effiziente Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität priorisieren.

        Einen „Klimaclub“ anstoßen, um das Problem mangelnder internationaler Koordinierung unterschiedlicher Anstrengungen und Anreize in den Ländern zu lösen.

In einer Zeit der Umbrüche kommt es mehr denn je auf vorausschauende und nachhaltige Politik an, die nicht kurzatmig an Symptomen ansetzt, sondern an den Ursachen. Tut die Politik das nicht, wird sie weiter von Krise zu Krise taumeln, nachhaltige Politik immer stärker kurzfristigen Erfordernissen opfern, und sogar immer neue Krisen herbeiführen.

Die Rolle einer nachhaltigen Finanzbranche

Ähnliches gilt für die Finanzindustrie. Hier ergeben sich aus der zunehmenden Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten wichtige Implikationen. Auch die Regulatorik bezieht diese immer stärker mit ein. So werden mit der im März in Kraft getretenen EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) Kapitalanlageprodukte anhand definierter Kriterien erkennbar bezüglich ihrer ESG-Konformität klassifiziert.

Da aber keine konkreten Vorgaben, etwa zur Ausgestaltung von Anlagerichtlinien, bestehen, und auch die Finanzindustrie sich bisher auf keine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit einigen konnte, fehlt es für Anleger weiterhin an Transparenz und Vergleichbarkeit. Nach Angaben der Rating-Agentur Scope wurden bis Mitte September etwa 20 Prozent der in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen Fonds als nachhaltig gemäß Artikel 8 der SFDR qualifiziert – allerdings von den Anbietern selbst.

Gleichzeitig steigen auch ohne gesetzliche Vorgaben die Erwartungen an die Finanzindustrie und an Emittenten. Fehlende ESG-Konzepte sind ein gewichtiger Minuspunkt mit handfesten Auswirkungen, denn die Refinanzierungskosten nicht-ESG-konform agierender Unternehmen werden künftig steigen. Auf der anderen Seite werden Unternehmen, die sozial- und umweltgerechtes Verhalten nachweisen können, leichter an günstige Kredite und neues Eigenkapital kommen.

Die Finanzbranche könnte jedoch noch viel stärker zur notwendigen Transformation der Wirtschaft beitragen, wenn sie diese wichtige Lenkungsfunktion, die Allokation von Kapital, noch mehr mit konkreten Forderungen an die Emittenten verbinden würde. Im Sinne der Offenlegungsverordnung würde damit der Anteil der Artikel-9-Fonds, die ein klar definiertes Nachhaltigkeitsziel benennen müssen, beispielsweise die Reduktion von CO2-Emissionen, noch einmal deutlich ansteigen. Heute entsprechen gerade einmal 410 Fonds, etwa drei Prozent aller Fonds, diesem Anspruch.

Fazit

Wenn die Politik sich darauf fokussiert, Rahmenparameter und Anreizsysteme zu setzen, und die Erreichung der definierten Ziele weitgehend marktwirtschaftlichen Prozessen sowie unternehmerischen Initiativen überlässt, können zusammen mit der Finanzwirtschaft die entscheidenden Weichenstellungen für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland gelingen.

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