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Sustainable Finance

Standpunkt

Schadenversicherer müssen sich transformieren

Marcus Reichenberg, Gründer der Greensurance Stiftung
Marcus Reichenberg, Gründer der Greensurance Stiftung Foto: Greensurance Stiftung

Es reicht nicht, wenn Versicherungsgesellschaften ihre Kapitalanlagen nachhaltiger ausrichten. Sie sind gefordert, ihr Kerngeschäft umzustellen, die Risikoeinschätzung, das Produktangebot und die Schadensregulierung, sagt der Versicherungsfachwirt Marcus Reichenberg, Gründer der gemeinnützigen Greensurance Stiftung. Sie veröffentlichte kürzlich mit der Hochschule für Technik Stuttgart das erste Nachhaltigkeitsrating für Sachversicherer.

von Marcus Reichenberg

veröffentlicht am 31.03.2022

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Im Wendejahr 2015 zur nachhaltigen Entwicklung haben die Vereinten Nationen die Agenda 2030 und das Pariser Klimaabkommen vereinbart. Das Ziel ist, eine enkeltauglichere Welt zu schaffen, die friedlich ist, in einer Balance mit den natürlichen Ressourcen steht und die Erde wieder heilen soll.

Niemand soll bei dieser großen Reise des Paradigmenwechsels zur Nachhaltigkeit zurückgelassen werden. Dafür braucht es eine aufgeklärte Bevölkerung, weitsichtige politische Entscheidungen und ein auf Nachhaltigkeit basierendes Wirtschaftssystem.

Die Versicherungsbranche ist ein wichtiger Pfeiler des transformativen Prozesses. Allein der Kapitalanlagebestand der deutschen Assekuranz beläuft sich auf knapp 1.800 Milliarden Euro. Die Anlage dieses Kapitals entfaltet eine große Wirkung. Es macht einen Unterschied, ob Investitionen in Rüstungsgüter, atomare und fossile Energieerzeugung, die grüne Gentechnik, autokratische Länder fließen – oder aber in enkeltaugliche Anlagen, wie die erneuerbaren Energien, deren Speicherung, Zukunftstechnologien, Trinkwasserversorgung und Armutsbekämpfung.

In Politik und Wirtschaft sprechen alle über Sustainable Finance, also ein nachhaltiges Finanzwesen, um die Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums zu unterstützen. Die Europäische Union bekennt, dass öffentliche Mittel allein nicht ausreichen, um die gesetzten Transitionsziele zu erreichen. Deshalb werden Anreize und Regularien geschaffen, um private Investitionen in grüne Projekte zu lenken – womit auch die Versicherungsgesellschaften als Treuhänder von viel Vermögen angesprochen sind. Was als nachhaltige Wirtschaftstätigkeit bezeichnet werden darf, wird in einem längst überfälligen Prozess vielschichtig erörtert und in der EU-Taxonomie definiert. Randbemerkung: Kernspaltung und Erdgasverbrennung darin als Übergangstechnologie zu bezeichnen und womöglich für das künftige EU-Ökosiegel akzeptabel zu machen, ist parteipolitisch motiviert, lobbygesteuert und riskant. Dem müssen strengere privatwirtschaftliche ESG-Siegel entgegen wirken.

Im Fokus der EU-Regulierung stehen die Neuausrichtung der Kapitalflüsse sowie die Einbettung der Nachhaltigkeit in das Risikomanagement von Kapitalgebern – Banken, Investoren und auch Versicherern. Diese Herausforderungen zu bewältigen, ist Sache der Geschäftsführung, die bestenfalls eine Nachhaltigkeitsfunktion in ihr Governance-System einführt. Auf Produktebene sind zurzeit vor allem Anbieter von Versicherungsanlageprodukten wie Lebensversicherungen gefordert, die Nachhaltigkeitserfordernisse zu erfüllen.

Würden jedoch nur Lebensversicherer ihre Strategie ändern, wäre es eine vertane Chance. Denn Schadenversicherer haben neben ihren Kapitalanlagen einen weiteren großen Transformationshebel, um die Zukunft nachhaltiger zu gestalten. Im Jahr 2020 wurden knapp 43 Milliarden Euro an Versicherungsleistungen an versicherte Kunden ausbezahlt. Auch hier macht es einen großen Unterschied, ob diese Leistungen im Sinne der Nachhaltigkeit erbracht werden oder nicht. Beispielsweise ob nach einem Elementarschaden die zerstörte Heizung wieder auf Basis fossiler Rohstoffe oder besser erneuerbarer Energien eingebaut wird.

Damit das Schadenmanagement nachhaltig werden kann, müssen Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen sind die Produkte versicherungsmathematisch neu zu bewerten, das heißt, nachhaltige Zusatzleistungen müssen eingepreist werden. So wie Bio-Lebensmittelprodukte aufgrund sozialerer und ökologischerer Anbaumethoden derzeit teurer als konventionelle Produkte sind, muss es auch für Versicherungsprodukte, die „Mehrleistungen für nachhaltigen Schadenersatz“ bieten, eine andere Preispolitik geben. Zum anderen sollte Kundenverhalten zu einem Nachhaltigkeitsbonus führen. Denn es ist davon auszugehen, dass nachhaltig denkende und handelnde Menschen weniger Schäden anrichten, somit die Versicherer weniger Leistung erbringen müssen, als bei Kunden, die nachhaltiges Handeln nicht wesentlich interessiert. Beispiele für nachhaltige Kundenbedürfnisse sind Reparatur statt Neuanschaffung oder Second Hand statt Neuwertersatz. So ist die Preisfindung von nachhaltigen Versicherungsprodukten eine spannende Aufgabe.

Ein enkeltauglicher Schadenversicherer lenkt aber nicht nur Produkt, Preis und Schaden im Sinne der Nachhaltigkeit, sondern schärft auch seine Zeichnungspolitik. Durch eine Risikoinventur sollten unter Berücksichtigung eines langfristigen Zeithorizonts die Risikoverantwortlichen ermittelt werden. Was zu hohe Risiken birgt, ist mit einem Malus zu belegen, und Neuverträge mit hohen Nachhaltigkeitsrisiken sollten grundsätzlich nicht mehr gezeichnet werden. Zu einem nachhaltigen Schadenversicherer passt es nicht, spritfressende SUVs in gleicher aktuarischer Wertigkeit zu versichern wie emissionsarme Fahrzeuge, oder einen Versicherungsschutz ohne Bonus zu bieten für Unternehmen mit Nachhaltigkeitsrisikomanagement.

Wie viel Luft nach oben ist und wie zahlreich die Handlungsmöglichkeiten sind, zeigt unser erstmaliges, wissenschaftlich fundiertes Native-Rating für die Branche. Mit der Hochschule für Technik Stuttgart wollen wir die Schadenversicherer auf ihrem transformativen Weg unterstützen, Verbrauchern die Nachhaltigkeitsleistungen der Sachversicherer transparent aufzeigen und Versicherungsberatern eine Hilfestellung zur Entscheidungsfindung geben. Denn es ist auch für die eigene Zukunftsfähigkeit der Institute relevant, nicht nur auf die Kapitalanlage abzuzielen, sondern auch auf die Unternehmensführung und das Kerngeschäft: die Risikoabschätzung (Underwriting), das Produktangebot und die Schadensregulierung. Je eher, desto besser.

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