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Sustainable Finance

Standpunkt

Sustainable Finance – (noch) auf dem Pfad der Tugenden?

Henry Schäfer, Finanzprofessor a.D. der Universität Stuttgart
Henry Schäfer, Finanzprofessor a.D. der Universität Stuttgart Foto: privat

Henry Schäfer, der sich seit Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit auf dem Kapitalmarkt befasst, bezweifelt, dass nachhaltige Geldanlagen die erhofften sozialen und ökologischen Wirkungen erzielen und der Finanzmarkt die Welt retten kann. Er plädiert für eine strengere und effektiver Umweltschutzregulierung der Realwirtschaft.

von Henry Schäfer

veröffentlicht am 16.12.2021

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Unisono wird heute in politischen und zivilgesellschaftlichen Kreisen der Standpunkt vertreten, nachhaltige Geldanlagen würden Finanzmittel von gesellschaftlich ungewollten (braunen) zu ökologisch und sozial sinnvollen sowie die gute Unternehmensführung fördernden (grünen) Investitionen umleiten. Von nachhaltigem oder grünem Geld wird eine positive Lenkungswirkung erwartet und unzweifelhaft als möglich erachtet.

Gesellschaftlich positive Wirkungen, auf Neudeutsch „ESG-Impact“, zu erzeugen, wird immer mehr als der zentrale Grund für nachhaltige Anlagen postuliert und ist zentraler Eckpfeiler der Sustainable-Finance-Strategie von EU-Kommission und EU-Parlament. Immer mehr aus dem Blickfeld rückt dabei, dass seit Dekaden nachhaltige Anlagen von einer Ethik des „guten Gewissens“ und weniger von einer Wirkungsethik angetrieben werden.

So verführerisch die Vorstellung eines ESG-Impacts ist, bisherige wissenschaftliche Studien können unter anderem aufgrund der komplexen und noch nicht hinreichend verstandenen Übertragungswege vom Finanz- in den Realsektor nicht mit Bestimmtheit sagen, wie schnell, in welchem Umfang, in welchen Regionen und mit welcher Treffsicherheit grünes Geld zum Beispiel Treibhausgasemissionen senken oder Arbeitnehmerrechte in Lieferketten sichern kann. Studien wie die für den Verbraucherzentrale Bundesverband oder von einer durch die Goethe-Universität angeführten Forschergruppe nähren Zweifel an politisch erhofften, durchschlagenden positiven Wirkungen von Sustainable Finance, respektive grünen Geldanlagen.

Zweifel an wissenschaftlichen Studien

Gebetsmühlenartig wird für die Investorenseite ferner behauptet, grünes Geld schade nicht der finanziellen Rendite und erhöhe auch nicht das Anlagerisiko, es gäbe sogar genügend Potenzial für eine überdurchschnittliche Rentierlichkeit. Die Erkenntnisse beruhen auf sogenannten Meta- oder „Überblicks“-Studien, denen höchst unterschiedliche Einzelstudien von Wissenschaftlern und Praktikern zugrunde liegen. Mittlerweile werden diese Ergebnisse auch wohlfeil von Finanzvertrieben eingesetzt, um skeptische Anleger für grüne Produkte gefügig zu machen.

Dabei können die Studienergebnisse oft gar nicht auf die konkreten Anlagensituationen von Privatanlegern, Stiftungen oder Pensionskassen übertragen werden. So weichen beispielsweise die Anlageziele von Altersversorgungseinrichtungen in der Regel von denen der in den (meist angelsächsischen) Studien erfassten Investorengruppen ab; zudem bleiben die für Altersversorger so zentralen aufsichtsrechtlichen sowie satzungsmäßigen Vorgaben unberücksichtigt. Oft fehlt es in den Studien auch an der Integration der überdurchschnittlich hohen (Transaktions-)Kosten grüner Geldanlagen im professionellen Vermögensmanagement. Untersuchungen zu Rendite und Risiko grüner Geldanlagen produzieren daher eher Laborergebnisse, die für die Praxis nur eingeschränkt taugen.

So stimmen denn auch die in der Praxis bislang beobachtbaren Renditerückgänge bei grünen Anlagemöglichkeiten nachdenklich. Offen wird in Finanzkreisen mittlerweile von einem „Greemium“ gesprochen, also einem Kursaufschlag bei grünen Anleihen (Green und Climate Bonds). Die hohe regulierungsbedingte Nachfrage und die immer noch überschaubare Zahl an investierbaren grünen Anleihen lassen deren Kurse in die Höhe schnellen – zum Leid der Anleger (weil Renditen sinken) und zur Freude der Emittenten (wegen sinkender Finanzierungskosten).

Dabei ersetzen grüne Anleihen teilweise einfach nur herkömmliche, ohnehin geplante Anleihen wie beispielsweise solche zur Finanzierung von Mehrfamilienhäusern durch eine Wohnungsbaugenossenschaft: Hier müssen ohnehin die Vorgaben des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) eingehalten werden und als Genossenschaft liegen deren Mieten grundsätzlich unterhalb des Marktniveaus. In solchen Fällen wären ökologische oder soziale Wirkungen von Investitionsmaßnahmen auch ohne den „Grünanstrich“ der Finanzierung durchgeführt worden.

Stellhebel sind bekannt und wirken über Umweltpolitik

Impact über Finanzmärkte kann es geben, wenn Unternehmen von externen Finanzquellen in hohem Maße abhängig sind. Viele im Umweltbereich innovative und zudem prächtig verdienende Mittelständler, aber auch Großunternehmen haben jedoch enorm hohe eigene Finanzpolster. Zudem offenbaren die Bundesbank-Statistiken, dass über Jahrzehnte hinweg die Hauptfinanzquellen deutscher Unternehmen aus der internen und interindustriellen Finanzierung bestehen. Verfügen Unternehmen über solche eigenen Finanzierungsquellen, werden grüne Geldanlagen nicht gebraucht, können also auch keinen Impact erzeugen.

Betrachtet man zudem die vergangenen 50 Jahre deutscher Umweltpolitik, so bedurfte es nie eines Green oder Climate Bonds oder Brüsseler Taxonomien, damit Unternehmen ressourcenschonende und emissionsmindernde Investitionen nach dem neuesten umwelttechnischen Stand (und oft darüber hinaus) tätigten. Auch heute würde dies (noch besser) funktionieren, wenn (strengere) umweltpolitische Vorgaben für Unternehmen, Privathaushalte und staatliche Einrichtungen bestünden. Privates Geld würde automatisch seinen Weg zur Finanzierung gesellschaftlich und politisch gewünschter Investitionen und Maßnahmen finden – auch ohne Grünanstrich und zu vernünftigeren Konditionen.

Und das führt zum eigentlichen Problem von nachhaltigen Geldanlagen im Konzept von Sustainable Finance. Es ist hinlänglich durch die Gutachten des Weltklimarates bekannt, wo die Stellhebel für die dringend benötigte kurzfristige Reduktion des Treibhauseffekts und einer nachhaltigeren Welt liegen: konsequente und durchgängige CO2-Bepreisung durch ein reformiertes EU-Emissionshandelssystem, radikales klimafreundliches Umschwenken im privaten Konsum, Abbau bürokratischer Hemmnisse und rechtlicher Einspruchsmöglichkeiten für den Ausbau erneuerbarer Energien und benötigter Netze, Abbau von rechtlichen Einwänden bei der CO2-Sequestrierung und anderes Konkretes mehr.

Eines haben solche Maßnahmen gemeinsam: Sie erfordern eine effektivere Regulierung vieler Wirtschaftssektoren und Gesellschaftsbereiche als bisher – am wenigsten aber des Finanzsektors! Der derzeit populäre Standpunkt, mit grünem Geld könne die Welt gerettet werden, zeigt denn auch bei genauerem Hinsehen immer mehr die Nähe zu einem Glaubensbekenntnis.

Den Teufel nicht vor den Pflug spannen

Abschließend sei auf die zwiespältige Rolle des Finanzsektors hingewiesen. Ausgerechnet dem für Instabilitäten und Krisen bekannten Finanzmarkt-Kapitalismus wird die Hauptverantwortung für die Transmission zur Green Economy zuteil. Es kommt einem der ehemalige tschechische Wirtschaftsberater, Tomáš Sedláček, in den Sinn, der vom „Teufel vor den Pflug spannen“ fabulierte.

Auch wenn für den „diabolischen Finanzsektor“ das anzulegende Nachhaltigkeitsgeschirr von der EU-Kommission stammen dürfte, bleibt die Frage offen, ob eine derartige „Lenkung des Bösen zum Guten“ gelingen kann. Zweifel werden unter anderem genährt durch Insiderstimmen wie „The Secret Diary of a Sustainable Investor“ des ehemaligen Blackrock-Mitarbeiters Tariq Fancy – fast schon ein Drehbuch für einen Nachfolger des Finanzkrisenfilms „Wall Street II“. Die jüngsten Warnungen von Forschern der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vor einer drohenden grünen Finanzblase könnten durchaus auch als Vorboten einer neuerlichen Finanzkrise gedeutet werden.

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