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Sustainable Finance

Standpunkt

Versicherer müssen Naturleistungen schützen

Tobias M. Wildner, Sustainable-Finance-Experte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sowie bei der Value Balancing Alliance e.V.
Tobias M. Wildner, Sustainable-Finance-Experte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sowie bei der Value Balancing Alliance e.V. Foto: privat

Aufgrund ihrer systemischen Relevanz und doppelten Rolle als Investor und Versicherer hat die Branche eine besondere Verantwortung für den Schutz von Ökosystemen, meint Tobias M. Wildner, Sustainable-Finance-Experte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sowie bei der Value Balancing Alliance. Er kritisiert, dass insbesondere die deutschen Versicherer die mit dem Biodiversitätsverlust verbundenen Anlage-, Finanz- und Transformations-Risiken weithin vernachlässigen.

von Tobias M. Wildner

veröffentlicht am 13.10.2022

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Regelmäßig auftretende Jahrhundert-Fluten, -Dürren, -Hitzewellen, -Waldbrände, -Pandemien sowie immer deutlichere Anzeichen eines bevorstehenden Wandels Klima-bestimmender Ökosysteme, wie dem Amazonas-Regenwald oder der Tundra, machen Handlungsbedarf deutlich. Darum muss die Rolle von Ökosystemen und ihren Leistungen vermehrt in den gesellschaftlichen und politischen Mittelpunkt rücken. Mit dem Post-2020 Global Biodiversity Framework, soll Ende 2022 nach jahrelanger Verzögerung dem Wert und Schutz der Natur international verpflichtend Rechnung getragen werden. Umweltorganisationen, Forschende und einige Finanzakteure erhoffen ein „Paris Agreement for Nature“.

Doch während Finanzhäuser Klimarisiken bei Investitions- und Finanzentscheidungen inzwischen ansatzweise einbeziehen, vernachlässigen sie die Risiken durch den raschen Verlust von Biodiversität. Und dies, obwohl durch das Schwinden der natürlichen Lebensgrundlagen laut Weltbiodiversitätsrat IPBES erhebliche Kosten und Risiken auf Wirtschaft und Gesellschaft zukommen – zumal sich Erderhitzung und Biodiversitätskrise gegenseitig verstärken.

Biodiversitätskrise ist ein systemisches Risiko

Das Zögern der Branche ist unverständlich, wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts wesentlich vom Naturkapital abhängt. Die Covid-19-Pandemie sollte die ökonomischen Folgen des Verdrängens von Wildnis zudem für alle sichtbar verdeutlicht haben.

Gerade der Versicherungsbranche als zentralem Bestandteil der globalen Finanz- und Wirtschaftsmärkte kommt bei der Biodiversitätskrise als systemischem Risiko eine fundamental wichtige Rolle zu, sowohl in der Erfassung und Einwertung von Biodiversitätsrisiken, als auch dem Schutz der Natur und ihrer Leistungen. Allerdings findet das in der aktuellen Diskussion vor allem in Deutschland sehr wenig Beachtung – zu wenig. Obwohl doch der Verband unlängst behauptete, Biodiversität zum Zukunftsthema erhoben zu haben.

Einflussreiche Investoren

Die Versicherungsbranche zählt weltweit zu den größten und einflussreichsten institutionellen Investoren. In Deutschland beträgt ihr Investitionsvolumen mit rund 1,8 Billionen Euro mehr als 55 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts von 2021.

Neben dieser absoluten volkswirtschaftlichen Bedeutung ist im Hinblick auf Biodiversitätsrisiken vor allem das Investitionsprofil der Branche ausschlaggebend: Vergleichsweise konstant fließende Prämien-Einnahmen stehen grundsätzlich stark verzögerten Leistungsauszahlungen gegenüber. Dieser „insurance float“ an liquiden Mitteln steht langfristig zur Renditeerzielung zur Verfügung und ist essentieller Bestandteil des Geschäftsmodels der Branche – ein Prinzip, das Warren Buffet wie kein anderer verstanden hat. Dies sowie auf Grund der systemischen Bedeutung der Branche stark regulierte Solvenzvorgaben machen die Branche zu einem der am langfristigsten orientierten Investoren im Markt.

Deutsche Branche beachtet Anlagerisiko nicht angemessen

Festverzinsliche, bonitätsstarke Schuldverschreibungen insbesondere des Staats-, Primär- und Sekundärsektors bilden somit den Kern des Investmentportfolios der Branche. Eben diese Segmente der Volkswirtschaft sind allerdings sehr stark von der Natur und ihren Leistungen abhängig und somit in erheblichem Ausmaß von einem rasant fortschreitenden Biodiversitätsverlust betroffen, wie zahlreiche namhafte Studien belegen (u.a. Weltbank; Coalition of Finance Ministers for Climate Action). Hieraus ergibt sich für die Versicherungsbranche ein erhebliches, eventuell sogar systemisches Anlagerisiko.

Dies wird weder von der Industrie noch den Regulierungsbehörden angemessen berücksichtigt. Dass belegte auch eine Ende 2021 veröffentlichte UNDP SIF Studie des UN-Entwicklungsprograms. Darin stufen mehr als 80 Prozent der antwortenden Versicherer natur-basierte Risiken zwar kurz- bis mittelfristig als ein absolut signifikantes Investitionsrisiko ein. Allerdings reflektieren sie dies kaum in ihren Investitionsentscheidungen.

Die deutsche Versicherungsbranche scheint hier gerade im Vergleich zu niederländischen, französischen oder englischen Marktteilnehmern wenig interessiert. Somit vergibt sie eine große Chance, diese mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr signifikanten Risiken in ihren Portfolios proaktiv besser zu verstehen und ihre Investmentportfolios frühzeitig und kostengünstig entsprechend zu optimieren.

Erhebliche Risiken in Versicherungssparten und mangelhaftes Bewusstsein

Neben erheblich unterschätzten Biodiversitätsrisiken im Anlageportfolio führt der ungehindert fortschreitende Verlust von Biodiversität in nahezu allen Geschäftsaktivitäten der Branche zu teilweise beträchtlichen Versicherungsrisiken. Studien etwa der UNDP SIF, des Zentralbankennetzwerks NGFS, des Weltwirtschaftsforums WEF, des Swiss Re Institute oder des Cambridge Institute for Sustainability Leadership (CISL) betonen, dass bis zu 90 Prozent des gesamten Nicht-Lebens-Geschäfts, insbesondere Sachversicherungen, solche Branchen versichert, die von zahlreichen Ökosystemleistungen und somit direkt den Folgen von Biodiversitätsverlust abhängig sind.

Diese Studien belegen überdies, dass die Versicherungsbranche sich der enormen Abhängigkeit zwar zunehmend bewusst ist, die Konsequenzen hieraus aber weder innerhalb des Risikomanagements noch der allgemeinen Geschäftsstrategie nennenswert beachtet.

Die verstärkt auch in Deutschland sichtbare Verbindung und gegenseitige Verstärkung von Klima- und Biodiversitätsrisiken – siehe Ahrtal-Katastrophe – lässt bereits erahnen, dass die tatsächlichen Abhängigkeiten möglicherweise weitaus gravierender sind, als dies aktuell von der Wissenschaft belegt werden kann. Wie unter anderem die Finanzaufsicht Bafin während ihrer Sustainable Finance Konferenz am 13.09.2022 bestätigte, trifft dieses mangelhafte Bewusstsein im Besonderen auf die deutsche Finanz- und Versicherungsbranche zu.

Herausragende gesellschaftliche Verantwortung

Charakteristisch für die gesamte Finanzindustrie und auch die Versicherungsbranche ist der relativ geringe direkte Fußabdruck hinsichtlich etwa von CO2-Emissionen, Landnutzung oder Ressourcenausbeutung. Betrachtet man gesamtwirtschaftlich allerdings indirekte Auswirkungen auf Natur, Klima und andere Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte (ESG), so trägt die Versicherungsbranche auf Grund ihrer dualen Rolle als Investor und Versicherer eine herausragende Verantwortung innerhalb eines nachhaltig handelnden Wirtschaftssystems.

Aus ihrer systemischen Relevanz als Risikobewerter, -manager und -träger innerhalb der Volkswirtschaft, ergibt sich zudem gerade für höchst komplexe Themen wie etwa den Biodiversitätsverlust und seine Auswirkungen eine Experten- sowie Wissensvermittlerrolle, die bis dato allerdings vor allem in Deutschland kaum wahrgenommen wird.

Neben signifikanten Finanzrisiken setzt sie sich somit unnötig transitorischen Risiken aus, zum Beispiel im Wettbewerb mit Anbietern aus Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden, die die doppelte Materialität von ESG-Aspekten auch im Bezug auf Biodiversitätsrisiken bereits aktiv berücksichtigen.

Chancen für die Branche erkennen

Während ESG-Aspekte oftmals nahezu ausschließlich mit Risiken und Verlusten in Verbindung gebracht werden, so ergeben sich gerade aus Ökosystemleistungen und Naturkapital erhebliche Chancen für die Versicherungsbranche.

Viele internationale Studien und Initiativen (unter anderem vom Weltklima- und Weltbiodiversitätsrat IPCC-IPBES, der Weltbank, der Internationalen Naturschutzunion, IUCN, der Umweltorganisation WWF, dem UNDP SIF, der europäischen Umweltagentur EEA oder dem CISL) betonen das enorme Potential diverser Ökosystemleistungen oder naturbasierter Lösungen (Nature-Based-Solutions), gerade im Bezug auf eine effektivere Absicherung und Versicherung der Gesellschaft.

Exemplarisch dienen artenreiche und somit resiliente Wälder nicht nur dem Schutz vor Lawinen oder Erdrutschen, sie spielen auch eine zentrale Rolle im Bereich des Überschwemmungsschutzes, der lokalen Klimaregulierung bei Hitzewellen oder der Sicherung der Bodenqualität und -beschaffenheit. Diese direkten und oftmals lokal bereits gut messbaren Vorteile nahezu kostenfrei von der Natur zur Verfügung gestellter Dienstleistungen sollten sowohl in der Risikobewertung als auch im aktiven Risikomanagement der Versicherungsbranche eine zentrale Rolle spielen – auch und gerade in Deutschland.

Die Versicherungsbranche ist auch im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen signifikant abhängig von Ökosystemleistungen, Naturkapital und dem unvermindert fortschreitenden Verlust von Biodiversität. Während einige wenige ausländische Vorreiter die sich hieraus ergebenden Risiken und Chancen bereits aktiv adressieren und bewerten, so gilt dies kaum für die deutsche Versicherungsbranche. Sowohl aus wirtschaftlicher als auch politischer Sicht ist dies besonders bedauernswert. Die große internationale Bedeutung des deutschen Marktes und seiner Anbieter könnte und müsste gerade im Kontext des bevorstehenden Beschlusses des Post-2020-Rahmenwerks zum Schutz der Biodiversität eine zentrale Rolle spielen – aus Verantwortung der Branche gegenüber der Gesellschaft, aber auch aus rein wirtschaftlichem Eigeninteresse.

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