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Sustainable Finance

Standpunkt

Warum auch der Kauf einer Tesla-Aktie nachhaltig ist

Christian Klein, Professor für Sustainable Finance der Universität Kassel
Christian Klein, Professor für Sustainable Finance der Universität Kassel Foto: Photoresque

Was ist wirklich nachhaltig, wenn es um nachhaltige Geldanlage geht? Sind es Investments, bei denen ESG-Kriterien berücksichtigt werden, oder nur sogenannte Impact-Investitionen, die gezielt Wirkungen erzeugen? Beides, schreibt Christian Klein, Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel. Und zeigt auf, wie vor allem drei große Missverständnisse bei der Diskussion um das Für und Wider der beiden nachhaltigen Anlagestrategien zu aufgeheizten Debatten führen.

von Christian Klein

veröffentlicht am 29.07.2021

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Sustainable Finance ist im Mainstream angelangt, die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen wächst enorm, teilweise im dreistelligen Prozentbereich. Sustainable Finance ist jetzt ganz offensichtlich kein Nischenphänomen mehr, folglich melden sich immer mehr Akteure aus Wissenschaft und Praxis zu Wort, die sich neu mit dem Thema befassen. Und das durchaus auch kritisch.

Ich persönlich bin froh über diese Diskussionen. Wenn Nachhaltigkeit auf den Finanzmärkten die neue Selbstverständlichkeit werden soll, ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, auch selbstkritische Betrachtungen anzustellen und unbequeme Fragen zu diskutieren. Denn wenn wir wirklich wollen, dass Sustainable Finance einen Beitrag dazu leistet, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen, müssen wir auch begründen können, wie das überhaupt funktionieren soll.

Drei Missverständnisse, die eine Diskussion über nachhaltige Anlagen aufheizen

Diese Diskussion wird nach meiner Wahrnehmung teilweise sehr emotional und aufgeregt geführt. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Ursache für diese Aufgeregtheit oft darin begründet liegt, dass wir noch nicht ganz dieselbe Sprache sprechen – es kommt zu Missverständnissen, und zwar vor allem um drei zentrale Missverständnisse:

Missverständnis 1: Wenn wir von „nachhaltigen Geldanlagen“ sprechen, meinen wir alle das Gleiche

Aus meiner Sicht gibt es zwei grundverschiedene Ansätze, mit welcher Idee eine nachhaltige Geldanlage konzipiert werden kann. Ich will das am Beispiel des Klimawandels verdeutlichen:

Idee 1: Ich berücksichtige bei der Zusammenstellung des Portfolios die Auswirkungen des Klimaschutzes auf die Finanzwirtschaft und wähle gezielt Anlagemöglichkeiten, die nicht im Widerspruch zu dem Pariser Klimaschutzabkommen stehen. Ich kaufe also beispielsweise am Sekundärmarkt Tesla-Aktien. Zur Vereinfachung werde ich in der weiteren Argumentation diesen Ansatz „ESG-Investing“ nennen.

Idee 2: Ich will die Möglichkeiten des Kapitalmarktes gezielt nutzen, um Klimaschutz zu betreiben. Hier wird es komplizierter. Ich möchte mit einem Investment erreichen, dass der Klimawandel begrenzt wird, also dass die Emission von Treibhausgasen durch meine Investition direkt reduziert wird. Lassen Sie uns diesen zweiten Ansatz „Impact“ nennen.

Dies sind zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze, leider wird das bei Diskussionen oft vermengt. Wichtig ist dabei zu betonen, dass beide Ansätze richtig und wichtig sind. Und beide haben ihre Existenzberechtigung.

Missverständnis 2: Nachhaltige Geldanlagen retten die Welt und haben eine höhere Rendite

Korrekt ist: Zahlreiche Studien (zum Beispiel Friede et al (2015) oder von Wallis und Klein (2015)) liefern Hinweise, dass in der Vergangenheit nachhaltige Geldanlagen im Mittel eine mindestens so gute finanzielle Performance hatten wie konventionelle Geldanlagen. Daraus zu folgern, dass zukünftig nachhaltige Investments einen Impact erzielen und gleichzeitig ein besseres Rendite/Risiko-Verhältnis haben werden, ist jedoch aus meiner Sicht nicht haltbar, und es ist unverantwortlich, diese Aussage für Marketingzwecke zu verwenden.

Die hier genannten Studien differenzieren nicht zwischen „ESG-Investing“ und „Impact“. Man könnte die bessere Performance in der Vergangenheit also wieder am Beispiel des Klimawandels so erklären, dass bei der Zusammenstellung des Portfolios faktisch eine Wette eingegangen wurde, dass die Welt versuchen wird, das Pariser Klimaschutzabkommen zu erfüllen. Und anscheinend ist diese Wette aufgegangen. Es war eine gute Idee, Tesla-Aktien zu kaufen, da die Welt zunehmend auf E-Mobilität setzt.

Missverständnis 3: Wissenschaftler behaupten, dass nachhaltige Geldanlagen keine Wirkung haben und „Greenwashing“ sind

In den letzten Wochen und Monaten haben sich mehrere Wirtschaftswissenschaftler kritisch zur Frage der Wirksamkeit nachhaltiger Geldanlagen in der Presse oder in Gutachten (beispielsweise im Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Finanzministeriums oder im Gutachten für den Verbraucherzentrale Bundesverband) geäußert. Von der (zum Teil geschockten) Sustainable-Finance-Community wurde dies auch als Vorwurf verstanden, dass nachhaltige Geldanlagen keine Wirkung hätten. Aus meiner Sicht ist das ein Missverständnis: Vielmehr diskutieren die Autoren, mit welchen Wirkungskanälen des Kapitalmarkts ein „Impact“ erzielt werden kann. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Allein dadurch, dass ich am Sekundärmarkt eine Tesla-Aktie kaufe, werde ich kaum direkt bewirken können, dass auch nur ein Gramm CO2 weniger ausgestoßen wird. Zudem wird in den meisten dieser Beiträge darauf hingewiesen, dass aus theoretischer Sicht nicht erklärt werden kann, wie eine Investition gleichzeitig und dauerhaft Impact und eine finanzielle Überperformance liefern könnte. Und das hört die Branche anscheinend nicht gern. 

Beim „Impact“-Ansatz gelten unsere empirischen Erkenntnisse nicht mehr

Offensichtlich befinden wir uns an einem wichtigen Punkt in der Evolution von dem, was wir als „Sustainable Finance“ bezeichnen: von Sustainable Finance 2.0 zu Sustainable Finance 3.0 (vergleiche Busch et al (2021)). Neben den Produkten, welche die „ESG-Investing“-Idee verfolgen, werden vermehrt Akteure versuchen, den „Impact“-Gedanken umzusetzen. Das ist aber ein völlig anderer Ansatz, die empirischen Erkenntnisse aus der Vergangenheit gelten wohl nicht mehr, und vor allem müssen wir uns über Wirkungskanäle unterhalten, nämlich darüber, wie eine direkte Wirkung überhaupt erzeugt werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass nachhaltige Geldanlagen, die „ESG-Investing“ umsetzen, keine positive Wirkung auf Nachhaltigkeitsziele haben. Die Wirkung ist nur nicht direkt.

Wenn ich eine Tesla-Aktie am Sekundärmarkt kaufe, wird dies wohl keine direkte Auswirkung auf CO2-Emmissionen haben. Doch allein dadurch, dass ich mich als Investor für Nachhaltigkeit interessiere und beispielsweise als Folge Nachhaltigkeitsratingagenturen Unternehmen unter die Lupe nehmen, wird der Fokus auf die Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen gerückt. Und dies kann dazu führen, dass diese hier ihre Anstrengungen erhöhen. Wir sprechen hier von „indirekten Wirkungen“ und dieser Effekt wird wahrscheinlich massiv unterschätzt.

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