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Sustainable Finance

Standpunkt

Warum wir bis 2025 entwaldungsfreie Portfolios brauchen

Emine Isciel (Foto), Leiterin Klima und Umwelt, und Jan Erik Saugestad, Vorstandsvorsitzender der Storebrand Asset Management
Emine Isciel (Foto), Leiterin Klima und Umwelt, und Jan Erik Saugestad, Vorstandsvorsitzender der Storebrand Asset Management Foto: Storebrand

Emine Isciel und Jan Erik Saugestad vom Vermögensverwalter Storebrand Asset Management erläutern, was die Finanzbranche tun muss, um Entwaldung zu bekämpfen. Die Vertreter des größten norwegischen Vermögensverwalters plädieren eindringlich für rasches Handeln und breite Kooperation.

von Emine Isciel, Leiterin Klima und Umwelt, und Jan Erik Saugestad, Vorstandsvorsitzender

veröffentlicht am 09.12.2021

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Zahl und Umfang von Finanzinitiativen zum Klimaschutz sind in den letzten Jahren rasant gewachsen. Es ist großartig zu sehen, dass jetzt riesige Kapitalsummen für Klimaneutralität, Rahmenwerke und Programme zur Bewältigung klimarelevanter Risiken und Chancen bereitgestellt werden.

Der Großteil konzentriert sich auf die Emissionssenkung in Sektoren mit hohem Schadstoffausstoß und der Produktion und dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Entscheidend ist, dass wir schnell dekarbonisieren, aber wir müssen auch große Mengen CO2 aus der Atmosphäre entfernen. Um das zu erreichen, dürfen wir als Anleger und Vermögensverwalter die bestehenden natürlichen Klimalösungen nicht vernachlässigen.

Ein Drittel der Pariser Lösung

Von den tropischen Wäldern Südamerikas bis zu den borealen Wäldern Russlands absorbieren und speichern die Bäume, Pflanzen und Böden unserer Biosphäre riesige Mengen Kohlenstoff. Wälder binden weltweit jedes Jahr 7,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid – 1,5 Mal so viel die USA emittieren. Dieser Prozess ist jedoch zunehmend bedroht, während wir schreiben, wüten Waldbrände auf der ganzen Welt. Der Amazonas ist kürzlich von einer Kohlenstoffsenke zur Kohlenstoffquelle geworden. Die tropische Entwaldung verursacht mehr Emissionen als die gesamte EU. Wäre die Abholzung der Tropenwälder ein Land, wäre es der drittgrößte Emittent weltweit.

Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir die Entwaldung beenden. Zusammen mit anderen natürlichen Klimalösungen – der nachhaltigen Nutzung der Natur – könnte dies zu einem Drittel dazu beitragen, das Pariser Klimaziel zu erreichen, mit weitreichenden Vorteilen für die biologische Vielfalt, die Ernährungssicherheit und die Menschenrechte.

Die Bekämpfung der Entwaldung erfordert keine teuren, nicht erprobten Technologien. Sie sollte für alle Finanzinstitute oberste Priorität haben, um bis 2030 echte und greifbare Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität zu erzielen, denn dahin müssen die Emissionen im Vergleich zu 2010 um 45 Prozent gesunken und der Verlust der biologischen Vielfalt gestoppt und umgekehrt sein, wenn wir eine Chance haben wollen, das Pariser Abkommen und das globale Ziel für die Natur zu erreichen.

Portfolios sind exponiert, aber das Bewusstsein ist gering

Trotz wachsenden Bewusstseins für den Klimaschutz haben die Finanzinstitute Maßnahmen gegen Entwaldung bisher vernachlässigt. Nur 14 Prozent – 33 von 235 – der Investoren, die die Amazonas-Feuer-Erklärung im letzten Jahr unterzeichnet haben, haben eine Entwaldungspolitik formuliert.

Dies ist überraschend, wenn man bedenkt, wie viele Produkte – Lebensmittel und Haushaltswaren, Autoteile, Textilien, Bekleidung und Luxusgüter – ein Abholzungsrisiko in ihren Lieferketten haben. So gefährdet die schwere Dürre in Brasilien, die durch die kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und der Abholzungen im Amazonas-Regenwald und der Cerrado-Savanne verursacht wurde, die Kaffee- und Zuckerexporte sowie die Stromerzeugung aus Wasserkraft. Das kann schwerwiegende finanzielle Folgen haben.

Wir müssen bis 2025 Portfolios ohne Abholzung anstreben

Projekte zum Schutz und zur Wiederherstellung von Ökosystemen wie Wäldern können nur dann ihre volle Wirkung für die Klimaziele entfalten, wenn sie in den nächsten 10 bis 15 Jahren angegangen werden. Das bedeutet, dass wir unsere Ziele zum Schutz der Wälder so schnell wie möglich erreichen müssen. Wir können uns den Luxus nicht leisten, über 2030er- oder sogar 2050er-Ziele zu sprechen. Änderungen müssen viel früher erfolgen!

Darum hatte der COP26-Vorsitz die Finanzwelt aufgefordert, sich vor der Klimakonferenz im November zu Null-Abholzung-Portfolios bis 2025 zu verpflichten. 30 Finanzakteure mit fast neun Billionen Dollar Vermögen gaben ein solches Versprechen ab. Mit Gesetzen zu Sorgfaltspflichten gegen Entwaldung wie in Großbritannien und Prüfkriterien der EU-Taxonomie, die festlegen, welche forstwirtschaftlichen Tätigkeiten als nachhaltig gelten, müssen sich aber alle Finanzinstitute dieser Herausforderung stellen.

Den notwendigen Wandel vorantreiben

Wie kann unsere Branche die Entwaldung so bekämpfen, dass sowohl das Kapital erhalten bleibt als auch ein echter Wandel stattfindet? Die Aufgabe, die vor uns liegt, besteht darin, weiter in Sektoren zu investieren, die mit Entwaldung verbunden sind, und unseren Einfluss als engagierte Aktionäre zu nutzen, um einen Übergang zu nachhaltigen Produktions- und Lieferketten zu fordern und zu unterstützen.

Wir müssen jetzt dort ansetzen, wo wir am meisten bewirken können, wo die Verstöße am gravierendsten sind und wo wir über die besten Daten und Instrumente verfügen, zum Beispiel bei Holz, Soja, Rindern, Palmöl sowie bei der indirekten Finanzierung durch Banken.

Wir brauchen eine nachhaltige Beschaffungspolitik, die Wälder schützt und mit globalen Sozial- und Umweltstandards übereinstimmt. Wir brauchen wirksame Überwachungs- und Überprüfungssysteme, die es Unternehmen ermöglichen, ihre Lieferanten zur Rechenschaft zu ziehen. Wir brauchen auch eine konsequente Umsetzung von Gesetzgebungen gegen Entwaldung sowie eine transparente und regelmäßige Berichterstattung, die eine angemessene Bewertung der Risiken ermöglichen.

Bei Storebrand haben wir seit 2019 eine Anti-Entwaldungspolitik und ein Null-Abholzungs-Ziel, und sehen erste Anzeichen für einen Wandel: Die brasilianischen Sojalieferanten für die Lachsindustrie, CJ Selecta, Caramuru und Imcopa, haben eine abholzungsfreie Wertschöpfungskette eingeführt, in der kein Soja gehandelt werden darf, das auf nach 2020 abgeholzten Flächen angebaut wurde. Dieser mutige Schritt setzt einen neuen Maßstab für globale nachhaltige Lieferketten, und wir müssen sehen, dass andere folgen, wenn unser Ziel für 2025 Wirklichkeit werden soll.

Zusammenarbeit ist entscheidend

Es gibt viel zu tun. Zwar wächst die Zahl von Instrumenten wie Trase, Encore und Spott sowie Datensätze wie CDP und Forest 500, um die Entwaldung zu bekämpfen, jedoch fehlen uns noch die Informationen, die wir für eine detaillierte Analyse und ein effektives Engagement benötigen, insbesondere in nicht-landwirtschaftlichen Sektoren wie Bergbau und Infrastruktur.

Es bedarf branchenweiter Kooperation, die klima- und ESG-bezogene Investoreninitiativen, -gruppen und -rahmen zusammenbringt, um Ziele festzulegen, Richtlinien zu erarbeiten, Daten zu bündeln, Lösungen zu entwickeln, damit die Akteure Entwaldung in die täglichen Entscheidungsprozesse integrieren. Auf der COP26 sind neue Leitlinien mit einem Zeitplan veröffentlicht worden, die Finanzinstitute auf ihrem Weg zu entwaldungsfreien Portfolios bis 2025 unterstützen sollen. Jedoch können wir die notwendigen Veränderungen nur dann in großem Maßstab erreichen, wenn sich genügend Finanzinstitute daran beteiligen – weitere Häuser müssen uns jetzt folgen.

Unsere Branche muss alles in ihrer Macht Stehende tun, um gegen die Entwaldung vorzugehen. Klima-, natur- und menschenrechtsbezogenen Risiken müssen wir minimieren. Aber wir können nicht im luftleeren Raum agieren – dies ist eine gemeinsame Verantwortung. Wir brauchen Aufsichtsbehörden und Unternehmen, die ihren Teil dazu beitragen. Nur wenn wir zusammenarbeiten, können wir den notwendigen Wandel herbeiführen, bevor es zu spät ist.

Es bleibt nur sehr wenig Zeit, um bis 2025 auf entwaldungsfreie Portfolios umzustellen. Wir müssen mutig handeln. Vor einem Jahr galt das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 als gewagter Akt. Jetzt wird von uns erwartet, das Ziel einzuhalten. Wir haben als Branche einen langen Weg zurückgelegt, um den Klimawandel und damit verbundene Herausforderungen aktiv anzugehen. Jetzt ist die Bekämpfung der Entwaldung der entscheidende nächste Schritt. Es ist höchste Zeit dafür.

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