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Sustainable Finance

Standpunkt

Wie die Textilbranche die Umwelt schonen kann

Isabelle Juillard Thompsen, Portfolio-Managerin von DNB Asset Management in Oslo
Isabelle Juillard Thompsen, Portfolio-Managerin von DNB Asset Management in Oslo Foto: DNB

80 Prozent der Verschmutzung gelangt über Flüsse und Wasserstraßen in die Ozeane. Unternehmen aus verschiedenen Branchen haben dies als Chance begriffen und Technologien zur Verringerung der Verschmutzung entwickelt, erklärt Isabelle Juillard Thompsen, Co-Portfolio Managerin des DNB Fonds Future Waves, in ihrem Standpunkt-Gastbeitrag für Tagesspiegel Background Sustainable Finance.

von Isabelle Juillard Thompsen

veröffentlicht am 19.05.2022

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60 bis 70 Millionen Menschen arbeiten in der Textilindustrie, deren Jahresumsatz laut McKinsey vor der Corona-Pandemie etwa 2,5 Billionen Dollar betrug. Laut WWF ist Baumwolle das weltweit am weitesten verbreitete Non-Food-Produkt, das mehr als 250 Millionen Menschen ernährt und sieben Prozent aller Arbeitskräfte in Entwicklungsländern beschäftigt.

Laut World Resources Institute (WRI) werden schätzungsweise fünf Billionen Liter Wasser für den Färbeprozess verbraucht, und schätzungsweise 48 Milliarden bis 144 Milliarden Quadratmeter Stoff aus Fabrikabfällen landen jedes Jahr auf der Mülldeponie. Für die Herstellung einer einzigen Jeans werden bis zu 10.000 Liter Wasser benötigt, für die Herstellung eines Baumwollhemds etwa 2500 Liter. Insgesamt ist die Industrie für 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung verantwortlich, das ist genug Wasser, um den Durst von 110 Millionen Menschen ein ganzes Jahr lang zu stillen.

Hoher Beitrag zu Treibhausgas-Emissionen

Abfall und Kreislaufwirtschaft sind zu einem wichtigen Thema geworden, da die Gesamtmenge der Textilabfälle seit 1960 um das Achtfache gestiegen ist, wobei nur 15 Prozent recycelt, jedoch 85 Prozent verbrannt oder auf Deponien entsorgt werden. Was die Kohlendioxidemissionen betrifft, so ist die Branche für etwa sieben bis zehn Prozent der jährlichen weltweiten Emissionen verantwortlich das ist mehr als alle internationalen Flüge und die Seeschifffahrt zusammen. (Allerdings heizen Flugzeuge das Klima zusätzlich durch ihre Kondensstreifen auf.) Bis 2030 werden die Treibhausgasemissionen der Textilbranche Prognosen zufolge um mehr als 50 Prozent ansteigen.

Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens bedeutet, dass die Klimaauswirkungen bis 2050 gegen Null gehen müssen, was wenig bis gar keinen Raum für Netto-Treibhausgasemissionen aus der Produktion, dem Transport, der Wäsche oder der Abfallbewirtschaftung von Textilien zulässt. Im Vergleich zu Sektoren wie Kunststoffe, Glas und Metall ist die Textilindustrie bei der Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft sehr spät dran. Weniger als ein Prozent aller Textilien weltweit werden zu neuen Textilien recycelt. Das bedeutet, dass sich die Branche stärker auf die Nachhaltigkeit konzentrieren muss. 

Schlüsselbereiche zur Verringerung der Umweltverschmutzung

Es gibt mehrere Beispiele für die Verringerung der Umweltverschmutzung und die Entwicklung einer umweltfreundlicheren Textilindustrie, die sich in vier Schlüsselbereiche unterteilen lassen:

1) Neue Geschäftsmodelle zur Verlängerung der Lebensdauer von Kleidungsstücken

2) neue Produktionstechnologien, wie beispielsweise 3D-Druck

3) neue Materialrecyclingtechnologien

4) Technologieentwicklung für die Rückverfolgbarkeit.

 

Bei den neuen Geschäftsmodellen zur Verlängerung der Lebensdauer von Kleidungsstücken finden wir Konzepte wie Mieten/Leasing, Wiederverkauf und Redesign. Das Interesse am Second-Hand-Shopping ist vor allem bei der Generation der 20- bis 30-Jährigen gestiegen. Da die Produktion von Kleidungsstücken die bei weitem größte Auswirkung auf das Klima im gesamten Lebenszyklus eines Kleidungsstücks hat, werden diese Modelle zu einer Kreislaufwirtschaft beitragen und somit die Umweltverschmutzung verringern. Es wird erwartet, dass der Second-Hand-Einkauf bis 2028 auf das 1,5-fache der Größe von Fast Fashion wachsen wird.  Ein Unternehmensbeispiel ist Thredup, ein Marktplatz, auf dem der Kauf und Verkauf von Second-Hand-Kleidung intelligenter und einfacher wird.

Eine Möglichkeit, die Umweltverschmutzung zu verringern, sind neue Materialrecyclingtechnologien. Alle auf dem Markt befindlichen Materialien sollten idealerweise aus Recyling oder erneuerbaren Quellen stammen, und neue Technologien zum Färben von Textilien, die den Einsatz von Wasser und Chemikalien reduzieren, sollten entwickelt und genutzt werden.

Bis 2025 wird die Abfallrichtlinie des EU-Pakets zur Kreislaufwirtschaft vollständig umgesetzt sein. Die Richtlinie schreibt vor, dass alle EU-Mitgliedstaaten bis zu diesem Zeitpunkt die Sammlung, Sortierung und das Recycling von Textilien eingeführt haben müssen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es elektronisch lesbarer Etiketten für die automatische Hochgeschwindigkeitssortierung und für die Rückverfolgbarkeit, aber auch neuer Produktionstechnologien wie beispielsweise der Textilrecyclingtechnologie von Renewcells. Das schwedische Unternehmen wendet eine Technologie an, bei der es Rohstoffe in Form von Textilabfällen in Zellstoff auflöst und in Circulose umwandelt. Circulose ist sozusagen ein großes weißes Blatt, aus dem Hersteller neue Stoffe spinnen können, die frisch gepflückte Baumwolle ersetzen können. Renewcell kann mit seiner Technologie das Material siebenmal recyceln, bevor es an Qualität verliert.

Textilien aus Holz und Abfällen: Auch H&M und Adidas machen mit

Das finnische Unternehmen Spinnova beispielsweise hat eine bahnbrechende Technologie zur Herstellung von Textilfasern aus Holz oder Abfällen entwickelt, bei der diese nicht aufgelöst werden und auch keine schädlichen Chemikalien zum Einsatz kommen. Seine Technologie kann verschiedene Rohstoffe wie Holz, Leder, Agrarabfälle und Textilabfälle zu Fasern und neuer Kleidung verarbeiten. Die CO2-Emissionen von Spinnova sind im Vergleich zu Alternativen um 40 bis 65 Prozent geringer. 

Im ersten Halbjahr 2021 traten sowohl die H&M Group als auch Adidas der Gruppe der engagierten Markenpartner von Spinnova bei. Die H&M Group sieht in Spinnova ein großes Potenzial zur Bewältigung mehrerer ihrer eigenen Nachhaltigkeitsherausforderungen. Auch The North Face ist eine Partnerschaft mit Spinnova eingegangen und könnte einen wichtigen Beitrag zum Markteintritt der Finnen leisten.

Von Anfang an hat Spinnova mit verschiedenen Unternehmen sowohl im Einzelhandel als auch in der Produktion zusammengearbeitet. So beispielsweise mit dem norwegischen Unternehmen Bergans und dem britischen Unternehmen Hally Stevensons, die mehr als 150 Jahre Erfahrung mit Wachsbaumwolle und wetterfesten Stoffen haben.

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