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Sustainable Finance

Standpunkt

Wir brauchen bessere ESG-Ratingagenturen

Isabelle Fritsche (Foto) und Finn Steinmann sind Senior Consultants bei der der Nachhaltigkeitsberatung Stakeholder Reporting
Isabelle Fritsche (Foto) und Finn Steinmann sind Senior Consultants bei der der Nachhaltigkeitsberatung Stakeholder Reporting Foto: Stakeholder Reporting

Der ESG-Ratingmarkt steht unter Druck. Kritikerinnen und Kritiker werfen den Ratingagenturen intransparente Methoden und Interessenskonflikte vor – und immer mehr Unternehmen scheuen die hohen Aufwände, die mit einer Ratingteilnahme verbunden sind. Isabelle Fritsche und Finn Steinmann von der Unternehmensberatung Stakeholder Reporting erklären in ihrem Standpunkt-Gastbeitrag, was sich ändern muss, damit ESG-Ratings angesichts von EU-Taxonomie, CSRD und Co. eine Zukunft haben.

von Isabelle Fritsche (Foto) und Finn Steinmann

veröffentlicht am 01.09.2022

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Schlechte Noten für ESG-Ratings – die hagelte es am 3. August, als die EU-Kommission die Ergebnisse einer mehrmonatigen Konsultation zu ESG-Ratings veröffentlichte. Die Ergebnisse fielen fast durch die Bank vernichtend aus: 84 Prozent der Befragten stellen die Funktionsfähigkeit des ESG-Ratingmarkt in seiner jetzigen Form in Frage. Die Hauptkritikpunkte: Ergebnisverzerrungen durch methodische Schwächen (91 Prozent), Intransparenz (83 Prozent) und Interessenskonflikte (mehr als 80 Prozent).

Tags zuvor war bereits ein Paper von Stanford-Wissenschaftlern mit dem vielsagenden Titel „ESG Ratings – a Compass without directionerschienen. Die Forscher kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass die Ratings in Bezug auf ihre Ziele, Methoden und Anreize erhebliche Mängel aufweisen.

Die beiden Publikationen sind nur die jüngsten Beispiele aus einer Welle der öffentlichen Kritik, die in der letzten Zeit über die ESG-Ratingagenturen hereinbrach: so etwa vom Institut der Wirtschaftsprüfer, das sogar das Wort „Greenwashing“ im Zusammenhang mit ESG-Ratings enthielt. Auch hinter den Kulissen, in den operativen Maschinenräumen der Nachhaltigkeitsabteilungen von Unternehmen, brodelt es: Die Aufwände für die Teilnahme an Ratings laufen aus dem Ruder, methodische Veränderungen führen zu Steuerungsproblemen und Ratings schlagen vermeintlich beliebig nach oben oder unten aus. Im Fall von Tesla sorgte der Rauswurf aus dem S&P 500 ESG Index im Mai für eine regelrechte Twitter-Schimpftirade von Elon Musk gegen die Ratinganbieter (Tagesspiegel Background berichtete).

Unterschiedliche Schwerpunkte, unterschiedliche Bewertungen

An Tesla lässt sich die mangelnde Vergleichbarkeit der Ratings gut veranschaulichen: Bei MSCI schneidet Tesla mit „A“ ab (Bewertungslogik von „schlecht“ zu „gut“: CCC bis AAA). Beim ISS ESG Corporate lautet das Rating hingegen „C+“ (Bewertungslogik von D- bis A+). Im S&P CSA erhält das Unternehmen hingegen nur 28 von möglichen 100 Punkten, weshalb es im S&P 500 ESG – wie von Musk auf Twitter beanstandet – nicht mehr vertreten ist.

Daher verwundert es nicht, dass die durchschnittliche Korrelation in den Ergebnissen der bekanntesten ESG-Ratings lediglich 0,54 beträgt, wie eine Studie zeigt. Zum Vergleich: Bei den etablierten Finanzratings der Finanzratingagenturen S&P und Moody’s liegt diese bei 0,99. Dies hat zur Folge, dass Investorinnen und Investoren von unterschiedlichen Nachhaltigkeitsratingagenturen unterschiedliche Einschätzungen zu nachhaltigen Anlageprodukten bekommen.

Ein Grund für die Abweichungen ist die unterschiedliche thematische Schwerpunktsetzung verschiedener Ratings: Beispielsweise konzentriert sich CDP Climate Change auf Klimathemen, während MSCI eine vordefinierte Auswahl von sechs relevanten Nachhaltigkeitsaspekte untersucht; ISS ESG wiederum versucht, das gesamte Nachhaltigkeitsspektrum abzubilden. Zu einem gewissen Grad liegt der schlechtere Korrelationsgrad von ESG- gegenüber Finanz-Ratings also in der „Natur der Sache“ und ist sogar zu begrüßen: Letztlich spiegeln die Unterschiede in den Ratings die facettenreiche Realität der Nachhaltigkeitsthemen wider.

Problematischer ist jedoch, dass nicht immer deutlich wird, was mit dem ESG-Score tatsächlich bewertet wird. Handelt es sich um eine Einschätzung der gesamten Nachhaltigkeitsperformance? Zeigt der Wert an, wie hoch das Nachhaltigkeitsrisiko ist, oder wird gar der Einfluss beziehungsweise ein Impact auf die Umwelt bewertet? Nur bei wenigen Ratings – beispielsweise beim ESG Risk Rating von Sustainalytics – ist dies auf den ersten Blick erkennbar. Überraschende Down- oder Upgrades von Unternehmen erschüttern das Vertrauen in die Ratings zusätzlich.

EU-Regulatorien – die besseren Ratings?

Als wäre diese Kritik nicht genug, zeichnen sich – vor allem in der EU – zunehmend ernsthafte Alternativen zum Geschäftsmodell der ESG-Rater ab. Immerhin werden derzeit mit der EU-Taxonomie, der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) regulatorische Instrumente und Rahmenwerke aufgebaut, die ebenfalls zum Ziel haben, die Transparenz, Belastbarkeit und Vergleichbarkeit von ESG-Daten zu verbessern. Auch wenn es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis flächendeckend Berichte gemäß den neuen Anforderungen veröffentlicht werden, bedrohen die neuen Vorgaben mittelfristig das Geschäftsmodell der Ratingagenturen. Dank immer besserer Ausgangsdaten und der anstehenden Maschinenlesbarkeit wird es für Finanzinstitute und andere Rating-Kundinnen und -Kunden zunehmend leichter, eigene ESG-Research- und -Rating-Strukturen aufzubauen.

Nicht zu unterschätzen ist auch, welche indirekten Auswirkungen die regulatorischen Eingriffe bereits auf die Teilnahme an ESG-Ratings haben. Die Auseinandersetzung mit Taxonomie, CSRD und Co. beansprucht derzeit in den Unternehmen erhebliche Ressourcen. Als Nachhaltigkeitsberaterinnen und -berater erleben wir in unserer täglichen Arbeit, dass die Teilnahme an mehreren Ratings die verantwortlichen Abteilungen zunehmend überlastet. So entscheiden sich einige Unternehmen bereits dagegen, beim renommierten S&P CSA mitzumachen. Der Aufwand ist ihnen schlicht zu hoch. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Unternehmen sich bei der Bewertung der eigenen ESG-Performance oder der Ausrichtung ihres Lieferketten-Risikomanagements an ESG-Ratings orientieren. Häufige Veränderungen der Rating-Methodiken stellen diese Unternehmen also vor zusätzliche Herausforderungen bei der Beantwortung und der Anpassung von Managementansätzen.

Und dennoch: Trotz des zunehmenden Drucks von allen Seiten ist es unserer Ansicht nach zu früh, in einen grundsätzlichen Abgesang auf ESG-Ratings einzustimmen.

Nachfrage nach ESG-Daten hoch wie nie

Klar ist, dass die Nachfrage nach ESG-Bewertungen derzeit so hoch ist wie nie zuvor – und weiter steigen wird. Im Zuge von „Mifid II“ sind Banken und Versicherungsvermittlungen beispielsweise seit dem 2. August verpflichtet, Kundinnen und Kunden zu fragen, ob sie „grün“ investieren wollen und welche Präferenzen sie haben. Um die Vorgaben umzusetzen, müssen sie auf verfügbare ESG-Daten zurückgreifen können. Und diese Daten werden zumindest in den nächsten Jahren noch vorrangig von ESG-Ratingagenturen zur Verfügung gestellt.

Durch ihre unterschiedliche Schwerpunktsetzung können Ratings zudem relevante Informationen für spezialisierte Investorinnen und Investoren bereitstellen, die sich beispielsweise ausschließlich für die Menschenrechts- oder Biodiversitätsperformance interessieren. Mit ihrer thematischen Diversität können die ESG-Ratingagenturen also die vielen gesellschaftlich-ethischen Facetten und unterschiedlichen Blickwinkel auf das Thema Nachhaltigkeit gut abbilden. Auch dem Ergebnisbericht der EU-Konsultation ist zu entnehmen, dass 74 Prozent der Befragten diese Rating-Diversität positiv bewerten.

Zum anderen haben die neuen EU-Regularien bekannte Schwächen: Dass ihre Bewertungen stark politisch motiviert sind, hat zuletzt die Einstufung von Gas und Atomenergie in der EU-Taxonomie gezeigt, die zurecht auf große Kritik gestoßen ist. Hinzu kommt, dass Anpassungen durch die langwierigen politischen Prozesse nicht einfach möglich sind, wodurch der gesellschaftliche Diskurs und der wissenschaftliche Kenntnisstand nur stark verzögert abgebildet werden.

Klarer Vorteil der Ratings ist ebenfalls, dass sie auch Unternehmen außerhalb der EU einbeziehen. Dank ihrer globalen, marktwirtschaftlichen Perspektive können sie Bedürfnisse der internationalen Finanzmarktakteure oft besser erfüllen.

Für eine nachhaltige Transformation: Eingriffe in Ratingmarkt gefordert

Folgerichtig gehen auch die in der EU-Konsultation befragten Organisationen bei aller Kritik davon aus, dass der ESG-Rating-Markt weiter wachsen wird – getrieben insbesondere durch die Nachfrage der Investorinnen und Investoren, aber auch die zunehmende Standardisierung von ESG-Daten auf Unternehmensseite.

Um Vertrauen zurückzugewinnen, sind die Ratingagenturen allerdings gut beraten, an ihren Schwächen zu arbeiten. Ratings, die ihre Methodik sowie die Einflüsse unterschiedlicher Themen auf die Bewertung transparent offenlegen, können sich hier positiv hervortun. Auch die Komplexität der Ratingteilnahme sollte reduziert werden, da der Teilnahmeaufwand für Unternehmen ein zunehmend wichtiges Entscheidungskriterium wird.

Eine freiwillige Initiative der Ratingagenturen allein wird jedoch nicht ausreichen, um die von der EU geforderten Qualitätsstandards zu erfüllen. Hier sollte die EU-Kommission dem deutlichen Appell der Befragten folgen und regulatorisch in den ESG-Ratingmarkt eingreifen (94 Prozent Zustimmung unter den Befragten). Denn nachhaltige Transformation kann nur mit einer verlässlichen Datenbasis gelingen. Mit mehr Transparenz, Rechenschaft und Konstanz können Ratings auch künftig in der ESG-Informationslandschaft eine wichtige Rolle spielen.

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