Standpunkt Verheizter Klimaschutz

Die Deutschen müssen weniger heizen, wenn die Klimaschutzziele der Bundesregierung erreicht werden sollen. Aber noch fehlen die richtigen Anreize zum Energiesparen, schreibt Thomas Zinnöcker, CEO des Energiedienstleisters ista, in seinem Standpunkt. Er plädiert unter anderem für eine CO2-Abgabe, die als Dividende wieder an die Bürger ausgeschüttet wird.

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Die Deutschen heizen zu viel. Der Energieverbrauch in Mehrfamilienhäusern war 2017 laut einer Studie des DIW Berlin wieder so hoch wie 2010, obwohl in der Zwischenzeit viele Gebäude energetisch saniert wurden. Ein Grund sind die niedrigen Energiepreise. 2017 sanken sie zum vierten Mal in Folge, diesmal um knapp sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Ergebnis: Es wird mehr geheizt und trotzdem gespart.


Für den Einzelnen ist das auf den ersten Blick gut, weil er weniger Kosten hat. Für das Klima ist diese Entwicklung hingegen schlecht, weil aus Deutschlands Wohnungen weiterhin zu viel CO2 in die Luft geblasen wird. In der Klimabilanz ist dieser Effekt deutlich sichtbar. Die Bundesregierung wollte den CO2-Ausstoß im Gebäudesektor bis 2020 eigentlich um 20 Prozent reduzieren. Dieses Ziel ist mit der Absage an die 2020-Klimaziele kassiert worden. Stand heute werden im Gebäudesektor bestenfalls etwa zwölf Prozent CO2-Einsparungen erreicht werden. Für den Klimaschutz ist das zu wenig.


Doch bereits im kommenden Jahr wird sich die Heizenergie mit hoher Wahrscheinlichkeit verteuern. Grund dafür sind unter anderem die steigenden Ölpreise. Das Preissignal schafft einen doppelten Anreiz: Wer Energie spart, wird spürbar mehr im Geldbeutel haben und tut gleichzeitig etwas für sein „grünes“ Gewissen, indem er ganz nebenbei seine CO2-Bilanz verbessert. Wie viel man tatsächlich tut, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht: Jeder von uns kann durch sein Handeln ein kleines bisschen dazu beitragen, „die Welt zu retten“. Der monetäre Anreiz unterstützt den ökologischen. Eine klassische Win-Win-Situation für Verbraucher und Umwelt.


Für die Mieter müsste dazu aber noch mehr Transparenz über die Verbräuche und das eigene Nutzerverhalten geschaffen werden. Nur wer möglichst zeitnah weiß, was er tatsächlich verbraucht, kann auch effektiv handeln und wird damit zum Energiesparen motiviert. Bisher stellt sich noch viel zu häufig der Rebound-Effekt ein: Nach erfolgter Sanierung wird weniger auf das eigene Verbrauchsverhalten geachtet und entsprechend mehr geheizt.


Zusätzlich wäre auch eine CO2-Dividende als Anreiz denkbar. Bei unseren Nachbarn in der Schweiz ist dies längst Realität. Jeder Bürger zahlt dort eine CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe wie Heizöl und Erdgas. Am Ende des Jahres werden Zweidrittel der Einnahmen als pauschale CO2-Dividende an jeden Bürger ausgeschüttet. Die Idee dahinter: Wer seinen Verbrauch gedrosselt oder auf CO2-arme Energieträger setzt, zahlt übers Jahr hinweg weniger Abgaben und macht bei der Ausschüttung der Dividende somit den höheren Gewinn. Auch hier gehen monetäre und ökologische Anreize Hand in Hand.


Neben dem Nutzerverhalten müssen aber auch die bisherigen Maßnahmen zur energetischen Sanierung weiterentwickelt werden. Keine Frage, die Anforderungen für Neubauten sind bereits extrem hoch. Es ist ein Gebot des Klimaschutzes, die geltenden Effizienzstandards zu halten. Die Latte noch höher zu legen, ist ökonomisch kaum sinnvoll und würde Bauen und Mieten weiter verteuern. Mehr als die Hälfte der Menschen wohnt in Deutschland zur Miete. Viele von ihnen in den knapp 20 Millionen Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, die es hierzulande gibt.


Für viele dieser Menschen, vor allem in den Großstädten, sind energetische Sanierungen mit steigenden Mieten verbunden. Aber auch für die Eigentümer und Vermieter bedeuten die Anforderungen oftmals eine hohe finanzielle Belastung. Bei etwa 60 Prozent der Mietwohnungen in Deutschland sind die Vermieter Privatpersonen. Häufig ist der Immobilienbesitz ein wesentlicher Teil der Altersvorsorge oder das Kapital in der Immobilie gebunden.


Investitionen in Effizienzmaßnahmen sind daher für viele Vermieter nicht so einfach umsetzbar. Vor allem im Bestand wäre daher eine neue Fördersystematik sinnvoll, die Förderschwerpunkte an erzielte Einsparungen knüpft. Denkbar wäre eine bundesweite CO2-Datenbank für den Gebäudesektor, die aufzeigt, welche Effizienzmaßnahmen in der Praxis in welchem Umfang funktionieren. Ebenfalls könnte eine steuerliche Abschreibung von energetischen Sanierungen den Anreiz für Modernisierungen weiter erhöhen.


Noch immer ist die öffentliche Debatte über diese zusätzlichen Anreize zu leise. Denn eines ist klar: Auch wenn die Bundesregierung ihre Klimaschutzziele für 2020 verfehlen wird, die nächsten Ziele sind bereits gesetzt: Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen im Gebäude um 67 Prozent reduziert werden. Es ist also höchste Zeit, den Klimaschutz nicht weiter zu verheizen, sondern neue Anreize zu setzen.

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