Standpunkt Versorgungssicherheit braucht Vertrauen in den Markt

Strukturbrüche sind nichts Neues für die Energiewirtschaft, schreibt Christoph Müller, Chef des Verteilnetzbetreibers Netze BW, in seinem Standpunkt. Er warnt vor voreiligen Schlüssen, wie damit umzugehen sei. Von Kapazitätsmärkten rät er ab. Denn Misstrauen in den Markt und die Angst vor Versorgungsengpässen würden zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Situation müsse aber genauer beobachtet werden.

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Wie schon in den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen dürfte das Thema Versorgungssicherheit auch in der jetzt gestarteten „Kohle-Kommission“ eine wichtige Rolle spielen. Die einschlägigen Betrachtungen bauen in der Regel auf Leistungsbilanzen auf, also der Gegenüberstellung der Kapazität eines Kraftwerkparks, gerne adjustiert um Ausfallwahrscheinlichkeiten, und einer zu deckenden Last. Diese Sichtweise greift viel zu kurz, und im Kontext der Energiewende ist sie auch gefährlich. Dazu im Folgenden drei Beobachtungen


1. Wir neigen dazu, die aktuellen Entwicklungen als erstmalig und einzigartig wahrzunehmen. Natürlich sind die Folgen von Fukushima eine deutliche Zäsur für die deutsche Energiewirtschaft, und natürlich impliziert das Ausbauziel von 80 Prozent Erneuerbaren in 2050 eine neue und andere Stromwirtschaft. Aber es ist nicht der erste dramatische Strukturbruch in unserer Branche: Ende 1973 drosselten die Erdöl exportierenden Länder ihre Förderung; der Ölpreis stieg von drei auf zwölf US-Dollar pro Barrel. Die Folgen in den westlichen Industriestaaten waren dramatisch – nur ein Beispiel: In Deutschland erließ man eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h (!). In der Stromwirtschaft wurde seinerzeit eine ganze Generation von Kraftwerken von einem Moment auf den anderen entwertet. Die begonnenen Ölkraftwerke, rund sechs Gigawatt, wurden noch zu Ende gebaut, waren aber schon bei Inbetriebnahme meilenweit von einer Wirtschaftlichkeit entfernt – kommt uns das irgendwie bekannt vor?


Heute treffen uns in der Stromwirtschaft der Kernenergieausstieg und der Ausbau der erneuerbaren Energien. Aber wann wurden die grundlegenden Gesetze eigentlich gemacht? Das EEG existiert seit 1998. Der Kernenergieausstieg ist in seiner heutigen Fassung in etwa der im Jahr 2000 vereinbarte Kompromiss. Wir hatten also letztlich gut 15 Jahre stabile Rahmenbedingungen.


Tatsächlich haben die deutschen Stromversorger die Lernkurveneffekte bei Photovoltaik und Winderzeugung dramatisch unterschätzt: Wir konnten uns nicht vorstellen, dass uns mit Wind und PV eine ernsthafte Konkurrenz erwachsen würde. Die aktuelle Diskussion über Versorgungssicherheit schlägt in der Regel schnell in eine Forderung nach staatlichem Handeln und dann noch schneller in eine Forderung nach staatlichem Geld um. Ich glaube, es gehört in dieser Diskussion ganz am Anfang dazu, dass wir Stromversorger uns eingestehen, dass die aktuelle Situation zumindest zu einem Teil selbstverursacht ist. Ich glaube, dass diese Selbstreflexion überlebenswichtig ist: Es geht einerseits um unsere Glaubwürdigkeit und andererseits darum, zukünftig nicht erneut auf dem innovativen Auge blind zu sein.


2. In der Hoffnung auf die schnelle und einfache Lösung durch staatliches Geld wird völlig übersehen, dass wir im Markt bereits Kapazitätszahlungen implementiert haben. Der Strompreis an der Börse für eine Bandlieferung in 2020 liegt aktuell bei zirka 39 Euro pro Megawattstunde. Wenn Händler sich Preise anschauen, fragen sie: Was brauche ich, um dieses Produkt darzustellen, und in welchem Verhältnis stehen die damit einhergehenden Kosten zu dem Preis? In unserem Beispiel: Für eine Bandlieferung brauche ich ein Kraftwerk, nehmen wir einmal an auf Kohlebasis. Dann brauche ich entsprechend Kohle und CO2-Emissionszertifikate.


Wer hier Schluss macht, begeht einen möglicherweise verhängnisvollen Fehler: Der Vertrag an der Börse beinhaltet eine garantierte Lieferung. Ein Händler muss sich also auch fragen: Wie gehe ich mit dem technischen und, nicht zu vergessen, auch dem politischen Ausfallrisiko um? Aktuell sind die Marktteilnehmer nach meiner Wahrnehmung in diesem Punkt relativ entspannt. Der Intraday-Markt ist immer noch liquide. Fällt mein Kraftwerk also aus, habe ich immer Möglichkeiten, mich kurzfristig wieder einzudecken. Und die Märkte sind liquide, weil wir zur Zeit ausreichende Erzeugungskapazitäten haben.


Werden aber weiterhin Kraftwerke vom Netz genommen, ändert sich das. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man einen technischen Ausfall nur noch zu hohen Preisen kompensieren kann. Wird das technische Ausfallrisiko aber auch zu einem wesentlichen wirtschaftlichen Risiko, wird man Wege suchen, sich dagegen zu versichern ­–Reserveverträge. In der Regel enthalten diese Verträge eine fixe Zahlung und das Recht, kurzfristig Strom zu beziehen – Kapazitätsverträge. Die Erkenntnis, dass der Börsenstrompreis der Preis für eine garantierte Lieferung ist und entsprechend auch eine Kapazitätskomponente enthält, führt zu drei Schlussfolgerungen:


Erstens: Warum sollte der Staat für etwas mehr zahlen, als es zur Zeit im Markt gehandelt wird? Zweitens: Es besteht eine übertriebene Angst vor dem „Schweinezyklus“: Nach den sehr niedrigen Strompreisen heute kommt es zu einer Phase sehr hoher Strompreise, bis neue Kraftwerke gebaut sind – die die Preise dann wieder kaputt machen. Das ist aber nicht zwangsläufig so. Im Markt treffen die Modellierungen, Risikoabschätzungen, Risikoneigungen von vielen hundert Teilnehmern aufeinander. Strukturelle Brüche werden so deutlich gedämpft. Drittens: Wenn mit staatlichen Fördermechanismen etwas gezahlt wird, das auch am Markt gehandelt wird – dann wird es spannend, wenn nicht gefährlich. Aus meiner Sicht sind die entstehenden Anreizwirkungen nicht überschaubar. Und die Versorgungssicherheit ist zu wichtig, um das Ergebnis im Praxistest herauszufinden.


3. Apropos Praxistest: Tatsächlich wissen wir aktuell nicht, wo wir genau bei der Versorgungssicherheit stehen, wie wir sie beobachten und was wir genau wollen – aber wir sind wild entschlossen, Geld in die Hand zu nehmen, um uns Versorgungssicherheit zu kaufen.


Ich möchte einmal drei einfache Fragen jeweils für die Jahre 2019 und 2024 stellen:


  1. Mit welcher Wahrscheinlichkeit schaffen wir die erwartete Höchstlast im Jahr?
  2. Mit welcher Wahrscheinlichkeit schaffen wir es in irgendeiner Stunde im Jahr nicht, die Last zu decken?
  3. Was ist der Erwartungswert für die Anzahl der Stunden, in denen wir es nicht schaffen, die Last zu decken?


Natürlich braucht man dafür mächtige Annahmen. Aber wo wir stehen, was wir wollen und was wir für unser Geld bekommen – diese Fragen können und müssen grundsätzlich beantwortet werden.


Diese Beobachtungen führen mich zu drei Aufgaben für die Zukunft:


Erstens zeigt die Reflexion, dass dies nicht die erste Umbruchzeit ist. Die Ölpreiskrisen führten zu einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch, zu Kernenergie und Nordseeöl, zu Autos mit weniger Verbrauch und zu ersten Bemühungen um Energieeffizienz. Das verbindende Element bei all diesen Entwicklungen ist Innovation. Darin liegen auch jetzt die Lösungen, und in Umrissen sind manche auch schon zu erkennen. Das Kapazitätsproblem entsteht ja zum Beispiel vor allem durch die Akzeptanz einer unflexiblen Nachfrage. Wenn Smart Grids, bei denen geht es im Kern um eine Flexibilisierung der Nachfrage geht, zum Erfolg werden, haben wir kein Kapazitätsproblem mehr.


Zweitens gibt der Umstand, dass schon Marktanreize existieren, neues Vertrauen darin, dass der Markt den anstehenden Strukturbruch bewältigen kann. Dass diese Marktanreize häufig übersehen werden, sollte uns ein Hinweis sein, dass wir zu gern und zu schnell über staatliche Lösungen nachdenken. Ich bin überzeugt, dass die aktuellen Marktpreise die Knappheitsverhältnisse im Markt richtig abbilden und auch zukünftig abbilden werden. Misstrauen in den Markt wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Der auf Misstrauen begründete Markteingriff wird den Markt schwächen.


Drittens sollten wir genauer analysieren, wo wir stehen und was wir wollen. Die tatsächliche Versorgungssicherheit ist zu wichtig, um allein auf Basis einer gefühlten Versorgungssicherheit (und nichts anderes sind Leistungsbilanzen) zu arbeiten. Die diesbezüglich im EnWG eingeführte Betrachtung alle zwei Jahre greift bei der Dynamik der Energiewende (und des Wetters) zu kurz.


Innovativ, wettbewerbsorientiert, handwerklich solide – das sind die entscheidenden Parameter für alle Überlegungen.


Bei diesem Beitrag handelt es sich um die gekürzte und aktualisierte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser auf den 57. Bitburger Gesprächen im Jahr 2014 gehalten hat. Der Tagungsband ist im Verlag C.H. Beck erschienen.

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