Standpunkt Von wegen Rebound-Effekt

Gegen eine Steigerung der Energieeffizienz wird immer wieder angeführt, dass die Vorteile durch Mehrkonsum aufgefressen würden, nach dem Motto: „Warum das Licht ausschalten, wenn die Lampe so sparsam ist?“ Dieser sogenannte Rebound-Effekt wird aber maßlos überschätzt. Statt sich mit solchen Neben-Diskussionen zu befassen, sollte die Bundesregierung sich auf ihre Energieeffizienzstrategie konzentrieren, um die 2030-Klimaziele zu erreichen.

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Auf der einen Seite wird Energieeffizienz als tragende Säule der Energiewende bejubelt, auf der anderen fällt sie in wichtigen energiepolitischen Debatten – wie der aktuellen Kohlediskussion – immer wieder hinten runter. Ein Argument, sich nicht mit Effizienz befassen zu müssen, ist besonders beliebt: der Rebound-Effekt. Demnach seien sämtliche Anstrengungen zur Steigerung der Energieeffizienz reine Zeitverschwendung.


Das „Jevons Paradox“ wird dabei als Quasi-Naturgesetz angeführt: technischer Fortschritt, der die effizientere Verwertung eines Rohstoffs erlaubt, führe letztlich zu einer stärkeren Nutzung desselben. Der Rebound-Effekt führe dazu, dass eingesparte Energiekosten direkt, indirekt oder gar makroökonomisch reinvestiert und so durch Mehrverbräuche wieder aufgefressen würden. Auch psychologische Effekte werden ins Feld geführt: „Warum das Licht ausschalten, wenn die Lampe so sparsam ist?“


Tatsächlich werden solche Effekte maßlos überschätzt. Seriöse Metastudien gehen davon aus, dass global 25 Prozent der mit Effizienzmaßnahmen eingesparten Energie über den Rebound-Effekt wieder „in Verkehr kommen“. In entwickelten Ländern eher noch weniger. Der Anteil der Haushaltsausgaben für Energie beträgt etwa sechs Prozent. In Unternehmen ist der Energiekostenanteil im Durchschnitt ähnlich hoch. Warum sollten nun Energiekosteneinsparungen überproportional in Energieverbrauch reinvestiert werden?


Mehr Geräte, größere Wohnungen


Eine aktuelle Dekomposition der Veränderung des Energieverbrauchs in Deutschland weist Lebensstiländerungen (mehr Geräte, größere Wohnungen) einen gegenläufigen Effekt von 14 Prozent zu. Sich ändernde Lebensstile, gestiegene Qualitäts- und Komfortansprüche, Wachstumseffekte, der demografische Wandel (ältere Menschen wohnen nach Wegzug der Kinder weiter in großen Wohnungen) wirken Effizienzbemühungen entgegen. Von mangelnder Umsetzungsqualität von Effizienzmaßnahmen und Vollzugsdefiziten ganz zu schweigen. All diese Effekte sind schwerlich vom Rebound-Effekt abzugrenzen – aber schon gar nicht mit diesem gleichzusetzen.


Aber muss man den Rebound überhaupt bekämpfen? Es ist opportun, über Post-Wachstumsökonomie und fröhlichen Verzicht zu philosophieren, aber wie der Umweltwissenschaftler Martin Jänicke feststellte: „Die Verzichtsstrategie ist die älteste Strategieempfehlung. Bisher war sie letztlich die wirkungsloseste. Es ist einfacher, zwanzig G20-Staaten politisch unter Druck zu setzen, als über sieben Milliarden Menschen von den (unbestreitbaren) Vorzügen der Genügsamkeit zu überzeugen.“


Mehr als ein Raum pro Wohnung beheizt


Anders herum wird schon ein Schuh daraus: In Mazedonien zum Beispiel ermöglichte eine Initiative zur energetischen Sanierung von Wohnblöcken erst, dass mehr als ein Raum pro Wohnung beheizt werden konnte. Das minderte die absolute Energieeinsparung, verbesserte aber Wohngesundheit und Lebensqualität immens. Rebound ist daher nicht gleichzusetzen mit vergeblichen Effizienzinvestitionen. Er spiegelt vielmehr weitere (multiple) Benefits von Energieeffizienz. Dazu zählen auch Steigerungen von Produktivität, Vermögenswerten und des Bruttoinlandsprodukts sowie Entlastungen öffentlicher Haushalts etwa aufgrund geringerer Heizkostenzuschüsse.


Zudem ist der Rebound nicht auf Energieeffizienz beschränkt, sondern ein „Problem“ jeglicher Politiken, welche die Nutzung eines Gutes, hier Energiedienstleistungen, günstiger machen. So setzen auch sinkende Energiepreise, wie etwa durch einen höheren Anteil erneuerbarer Energien („Grenzkosten gleich Null“) theoretisch Verschwendungsanreize. Das Argument, jedes Windrad würde ein weiteres Windrad notwendig machen, da günstige Energie ja immer verschwendet wird, ist hingegen wenig verbreitet.


Als Gedankenexperiment ersann die britische Energiewissenschaftlerin Tina Fawcett kürzlich einen umgekehrten Rebound, den „dnuobeR“-Effekt: Nehmen wir an, eine Investition in eine effiziente Heizung erwiese sich als unwirtschaftlich. Dann steht dieses Geld nicht mehr für Ausgaben etwa für einen Transatlantikflug zur Verfügung. Würden deshalb die Emissionen im Flugverkehr zurückgehen?


Energieeffizienz für die Energiewende unverzichtbar


Fakt ist: Energieeffizienz wirkt und ist für die Energiewende unverzichtbar. Bestes Beispiel: Der Stromverbrauch der Haushalte in Deutschland sank zwischen 2010 und 2016 um fast zehn Prozent, während die Haushalte gleichzeitig immer mehr elektrische Geräte nutzten. Die Wirksamkeit von Effizienzstandards und -labeln wird hierdurch klar belegt. Ohne kontinuierliche Effizienzfortschritte wäre der Verbrauch seit 1990 in Deutschland wachstumsbedingt um fast 40 Prozent gestiegen. Ähnlich sieht es weltweit aus: Die Internationale Energieagentur (IEA) gibt an, dass der globale Endenergieverbrauch ohne Energieeffizienzmaßnahmen zwischen 2000 und 2016 um zwölf Prozent höher ausgefallen wäre. Somit ist die wirtschaftliche Gesamtentwicklung immer weniger an den Energieverbrauch gekoppelt.


Allerdings reichen diese Fortschritte nicht. Die Energieproduktivität muss laut Monitoringkommission der Bundesregierung „Energie der Zukunft“ vervierfacht werden, um die beschlossenen Ziele zu erreichen. Alle Energiewendeszenarien – national und global – basieren maßgeblich auf Energieeffizienzfortschritten. So sieht das deutsche Energiekonzept eine Halbierung des Energieverbrauchs bis 2050 vor. In den aktuellen IEA-Szenarien stehen Effizienzpolitiken für 44 Prozent der Treibhausgasminderung und damit an erster Stelle.


Falsche politische Rahmenbedingungen


Lebensstile kann Politik nur begrenzt beeinflussen – aber es gibt Ansätze hierzu. So könnten sich bei Verbrauchsstandards die Effizienzanforderungen entsprechend der Größe der Fahrzeuge, Fernseher etc. erhöhen (ACEEE). Im Kontext der CO2-Bepreisungsdiskussion gibt es Überlegungen, Effizienzfortschritten Preissteigerungen folgen zu lassen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass marktliche Instrumente nur wirken können, wenn bestehende Marktbarrieren wie das Nutzer-Investor-Dilemma (zum Beispiel: der Vermieter profitiert nicht von Energiesparmaßnahmen, sondern der Mieter) adressiert werden. Oft sind sie auch auf politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. So droht nach der besonderen Ausgleichsregelung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der energieintensiven Unternehmen der Verlust ihrer Privilegierung, wenn ihre Stromkostenintensität eine bestimmte Schwelle unterschreitet.


Damit Effizienzpolitik Wirksamkeit entfaltet, wird es zukünftig entscheidend sein, volkswirtschaftliche Kostenersparnisse, die durch Effizienz erwirtschaftet werden, den Akteuren auch zugänglich zu machen und das System von Abgaben, Umlagen und Steuern neu auszurichten. Förderungen müssen sich stärker an ihren Ergebnissen orientieren, bestehende Effizienzanforderungen auch de facto durchgesetzt werden. Mit der angekündigten Energieeffizienzstrategie hat die Bundesregierung jetzt die Chance, diese Themen zu adressieren, um die 2030-Ziele noch zu erreichen. Darum geht es – nicht um Neben-Diskussionen wie den Rebound.


Alexandra Langenheld ist Projektleiterin Effizienz und Lastmanagement bei Agora Energiewende.


Christian Noll ist geschäftsführender Vorstand
 bei der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff).


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