Standpunkt Wasserversorgung zwischen Klimawandel und Klimaschutz

Die Trinkwasserversorgung trägt zum Klimaschutz bei und ist vom Klimawandel betroffen. Der Hitze-Sommer 2018 war ein Stresstest. Um die Wasserversorgung zukunftsfest zu machen, brauchen die Wasserversorgungsunternehmen auch die Unterstützung der Politik, schreibt Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Gas- und Wasserfaches in seinem Standpunkt.

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Kohleausstieg, strenge Grenzwerte für CO2-Emissionen im Verkehr oder gesetzlich verankerte Förderung erneuerbarer Energien verdeutlichen: Klimaschutz steht ganz oben auf der politischen Agenda und hat inzwischen alle Bereiche des bürgerlichen Lebens erfasst. Zugleich führen uns häufiger auftretende Extremwetterereignisse und ihre Auswirkungen auf Mensch und Umwelt drastisch vor Augen, dass der menschengemachte Klimawandel ungeachtet der politischen Weichenstellungen unaufhaltsam voranschreitet. Eine Folge könnte ein eklatanter Wassermangel sein: Weltweit wird bis 2050 nach Angaben der Internationalen Klimaschutzinitiative IKI der Wasserbedarf um 55 Prozent steigen, während zugleich die verfügbaren Wasserressourcen um 40 Prozent zurückgehen.

Die Trinkwasserversorgung als kritische Infrastruktur der Daseinsvorsorge ist eng mit Klimaanpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen verknüpft. Sie ist bereits seit langem bestrebt, Anlagen effizient zu betreiben und dadurch Energieverbräuche und Emissionen zu senken. Zugleich wird sie sich in besonderem Maße an den Herausforderungen, die mit den Auswirkungen des Klimawandels verbunden sind, ausrichten müssen.

Denn Wasser ist ein lebensnotwendiges, unentbehrliches Element, das nicht ersetzt werden kann. Wir benötigen ausreichende Mengen qualitativ hochwertigen Trinkwassers für unsere Gesundheit, eine saubere Umwelt und funktionierende Wirtschaftssysteme. In Deutschland liefern circa 6000 Wasserversorger täglich Trinkwasser, dessen Qualität weltweit einen Spitzenplatz einnimmt. Getreu der Maxime „Was (fast) nichts kostet, ist auch nichts wert“ erscheint Manchem die Rund-um-Versorgung mit erstklassigem Trinkwasser geradezu selbstverständlich. Ebenso wird vorausgesetzt, dass die Wasserversorger den dafür erforderlichen Spagat zwischen öffentlicher Daseinsvorsorge und Wirtschaftlichkeit ihrer Unternehmen reibungslos bewältigen. Kontinuierlich steigende Energiepreise und die Notwendigkeit zur Reduzierung der CO2-Emissionen stellen die Wasserversorgungsunternehmen zum Beispiel vor die Aufgabe, für eine energieeffizientere Trinkwasserbereitstellung zu sorgen.

Für die zusätzlichen Herausforderungen, die der Wasserversorgung bevorstehen und die zum Beispiel der Klimawandel verursachen wird, brauchen die Wasserversorgungsunternehmen jedoch auch zusätzliche Unterstützung. Der Hitze-Sommer 2018 war bereits ein Stresstest für die Systeme; weitere solche Jahre in Folge hätten gravierende Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit. Um die Wasserversorgung zukunftsfest auszurichten, müssen daher alle verantwortlichen Akteure künftig stärker an einem Strang ziehen. Dies sind sowohl die Wasserunternehmen selbst als auch die politischen Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes- und Kommunaler Ebene, sowie die zuständigen Behörden und der DVGW als technischer Regelsetzer.

Wasserversorger benötigen:

  • Systemreserven und Redundanzen für Extremwettersituationen in ihren Versorgungssystemen, von den verfügbaren Trinkwasserressourcen bis hin zur Netzhydraulik;
  • Investitionssicherheit für vorausschauende Maßnahmen, die die Widerstandsfähigkeit ihres Versorgungssystems stärken;
  • Vorrang vor konkurrierenden Wassernutzungen insbesondere hinsichtlich des wachsenden Bedarfs für die landwirtschaftliche Beregnung;
  • bundesweit verpflichtende, regionale Notfallpläne, um auf Wetterextreme angemessen und zeitnah reagieren zu können.

Schon jetzt berücksichtigen die Wasserversorger in ihren Analysen und Planungen verstärkt die regionalen Auswirkungen des Klimawandels und prüfen systematisch den eigenen Anpassungsbedarf. Künftig müssen sie wirksame Konzepte für Versorgung, Vorsorge und für den Krisenfall einsatzbereit in der Schublade haben. Als Grundlage für eine solche gezielte Notfallvorsorge benötigen Versorger lokale und regionale Zukunftsbilder, die die Länder, Kommunen und Akteure der Wasserwirtschaft gemeinsam entwickeln müssen.

Diese Fakten und Forderungen der Wasserversorger sind kein Geheimnis und auch nicht neu. Dennoch finden sie in der Politik und Wirtschaft nicht den Widerhall, den sie verdienen. Das muss sich ändern. Dazu benötigen wir eine intensivere gesellschaftliche Diskussion und den fachübergreifenden Dialog aller Beteiligten. Als Format für den branchenübergreifenden, institutionalisierten Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit startet der DVGW den Wasser-Impuls. Ziel ist, ein Bewusstsein bei allen Akteuren für die Belange der Wasserversorgung – nicht nur im Zusammenhang mit dem Klimawandel –  zu schaffen und so einem schleichenden Bedeutungsverlust unseres hochwertigen Trinkwassers entgegen zu wirken. Dadurch ist eine sichere Versorgung mit dem wichtigsten Lebensmittel unter veränderten Bedingungen auch in Zukunft gewährleistet.

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