Wie das Stromnetz in Europa gemanaget wird

Die Stromnetzbetreiber wollen sich keine Regionalen Betriebszentren (ROCs) unter der Kontrolle der Europäischen Kommission vor die Nase setzen lassen. Sie arbeiten auf freiwilliger Basis längst eng zusammen.

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2006  musste Tennet-Vorgänger Eon zwei Höchstspannungsleitungen ausschalten, als ein Kreuzfahrtschiff, die „Norwegean Pearl“ die Meyer-Werft in Papenburg über die Ems verließ. Die Abschaltung war aber schlecht geplant. Im Eon-Netz war viel zu viel Strom, als dass die Netzbetreiber von Vattenfall und RWE, heute 50Hertz und Amprion, darauf noch hätten reagieren können. Die Netzüberlastung führte in Deutschland, Frankreich, Spanien zu teilweise zwei Stunden langen Stromausfällen. Die Auswirkungen reichten bis nach Marokko.


Das war für die Stromnetzbetreiber dann der Anlass, 2008 die gemeinsame Firma TSC-Net in München zu gründen. Dort laufen alle wichtigen Informationen über die Netzzustände der von 13 Stromnetzbetreibern – darunter den vier deutschen – verantworteten Netzgebiete zusammen.


Bei TSC-Net werden Vorhersage-Daten über die Erzeugung zusammengetragen und den Netzbetreibern zurückgegeben, um ihre eigenen Berechnungen genauer zu machen. Im Fall von 50Hertz sind das vor allem Wetterdaten, also die Windgeschwindigkeiten aber teilweise auch die Sonnenscheindaten, von denen abhängt, wie viel Strom aller Voraussicht nach ins Netz eingespeist werden wird.


Davon abhängig werden die großen Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland gebeten, ihre Leistung zu halten, zu erhöhen, oder zu senken. Allerdings, unter eine Leistung von 350 Megawatt pro Braunkohlekraftwerk könnten die Betreiber nicht gehen, darunter „läuft die Braunkohle nicht stabil“, sagt Gunter Scheibner, der die Netzzentrale von 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin leitet. In den vergangenen Tagen hatten alle deutschen Netzbetreiber viel Windstrom im System. Probleme gab es aber keine, sagt Scheibner.


Mit den Dienstleistungen von TSC-Net sei es zudem gelungen, teure Varianten der Sicherheitsleistungen für die Netze viel billiger zu machen, berichtet Scheibner. Zuerst fingen die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber an, die Minutenreserve für die Netzstabilität gemeinsam auszuschreiben. Inzwischen machen sie das auch mit der Sekundenreserve so. Die ersten 30 Sekunden, wenn irgendwo eine Leitung oder eine Stromlieferung ausfällt, wird automatisch von bestimmten dazu befähigten Stromanbietern geliefert. Das wird dann abgelöst von der zweiten Netzreserve und schließlich übernommen von der Minutenreserve. Diese sogenannten Systemdienstleistungen bilden einen eigenen Markt, an dem im Gebiet von 50Hertz inzwischen auch Windparks mitbieten können. Das war ein vom europäischen Stromnetzverbund Entsoe genehmigter Pilotversuch von 50Hertz.


Tatsächlich hat die enge Zusammenarbeit der Netzbetreiber verhindert, dass es ähnliche Blackouts wie 2006 noch einmal gegeben hat. Besser könnten das die von der EU-Kommission gewünschten ROCs auch nicht, ist sich Tennet-Chef Lex Hartmann sicher. „Die EU-Kommission versucht sich so mehr Macht zu nehmen“, sagte er vor wenigen Tagen in Berlin. Das wollen sich die Netzbetreiber aber nicht gefallen lassen. Auch Entsoe plädiert in einer Studie über die ROCs eher für klarere Regeln der Zusammenarbeit, als eine Zerschlagung der bestehenden Strukturen.

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