Wie Umweltverschmutzung exportiert wird

Die Lieferketten der deutschen Wirtschaft enthalten viel höhere Umweltschäden, als ihre Nachhaltigkeitsberichte über ihre deutschen Standorte vermuten lassen. Ein "Umweltatlas Lieferkette" bietet erste Anhaltspunkte.

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Das Steak, die Erdbeeren oder die Tomaten im Supermarkt haben bei ihrer Erzeugung mehr Umweltschäden hinterlassen als ein Auto. Das ist eines der Ergebnisse des „Umweltatlas Lieferketten“, den der Berliner Thinktank Adelphi und das Hamburger Beratungsunternehmen Systain an diesem Montag veröffentlichen, und die dem Tagesspiegel vorliegt. Sie haben für acht Branchen untersucht, welche Umweltwirkungen die Wertschöpfungsketten der Branche von der Rohstoffgewinnung über die Erzeugung von Vorprodukten bis hin zur Fertigstellung hinterlassen. „In allen Branchen sind die Umweltwirkungen in der Lieferkette außerhalb Deutschlands größer als im Land selbst“, sagt Daniel Weiss. Er leitet bei Adelphi die Abteilung „Green Economy“ und ist einer der Autoren der Studie.


Der Lebensmitteleinzelhandel ist ein gutes Beispiel für die Globalisierung der Umweltschäden entlang er Lieferketten. Nur drei Prozent der Treibhausgasemissionen von rund 110.000 Tonnen im Jahr entstehen in Deutschland. 58 Prozent werden während der Rohstoffproduktion freigesetzt, also in der Landwirtschaft. Nur die Fahrzeug- und die Maschinenbauindustrie erzeugen mit jeweils 140.000 Tonnen Kohlendioxid entlang ihrer Lieferketten mehr Treibhausgase als der Lebensmittelhandel. An vierter Stelle folgt die Chemieindustrie mit rund 100.000 Tonnen CO2 im Jahr.


Der Lebensmittelhandel hat aber auch den höchsten Wasserverbrauch aller acht untersuchten Branchen. 46,6 Liter Wasser pro Euro Umsatz werden verbraucht, insgesamt sind das 8900 Millionen  Kubikmeter. Das Wasser wird zu fast 100 Prozent außerhalb Deutschlands verbraucht, an der Spitze stehen mit der Türkei, China, Indien und weiteren asiatischen Ländern Regionen mit ohnehin prekärer Wasserversorgung und Dürrerisiken. Ähnlich ist das Bild beim Bekleidungseinzelhandel, dort fallen 80 Prozent des Wasserverbrauchs in der Baumwollproduktion an. Pro Euro Umsatz im Textilhandel werden 13,6 Liter Wasser verbraucht. Auch hier in ohnehin prekären Regionen, unter anderem in Westafrika.


Beim Lebensmittelhandel fällt aber auch die ausgelagerte Landnutzung erheblich ins Gewicht. Mit 22 Millionen Hektar steht er einsam an der Spitze. Der Maschinenbau landet mit einer Million Hektar gemeinsam mit der Textilindustrie auf Platz zwei der acht Branchen. Beim Maschinenbau spielt ebenfalls die Rohstoffgewinnung die Hauptrolle. Allerdings geht es im Maschinenbau um Bergbauprojekte – von der Öl- und Gasförderung über die Kupfergewinnung bis zum Abbau Seltener Erden.


Im deutschen Fahrzeugbau – neben der Autoindustrie sind das auch Nutzfahrzeuge, Flugzeuge oder Schienenfahrzeuge – entstehen wie im Maschinenbau 90 Prozent der Treibhausgasemissionen außerhalb Deutschlands. Etwa 12 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes der deutschen Fahrzeugbranche sind in die Vorproduktion in China ausgelagert – und erhöhen dort den CO2-Ausstoß. Angesichts der Menge der erzeugten Fahrzeuge liegt der CO2-Anteil pro Euro Umsatz mit 0,3 Kilogramm noch relativ niedrig. Insgesamt steht die Fahrzeugbranche gemeinsam mit dem Maschinenbau mit jeweils 140.000 Tonnen CO2-Aussstoß im Jahr allerdings an der Spitze.


Daniel Weiss sieht den Umweltatlas als ein Gesprächsangebot an die Wirtschaft. Mit den höheren Anforderungen an die Berichterstattung über Umweltfolgen in der Europäischen Union und dem erst vor kurzem beschlossenen Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte erwartet Weiss, dass Unternehmen sich ohnehin stärker mit ihren Lieferketten beschäftigen müssen. Es gebe bereits eine Vielzahl von Managementsystemen und Leitfäden, die bei der Durchforstung der eigenen Lieferbeziehungen und der Bewertung ihrer Folgen helfen könnten, sagt er.


Die vollständige Studie finden Sie hier: umweltatlaslieferketten-adelphi_systain-sperrfrist19.06.201700.01uhr


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