Standpunkt „Wir sind zum Erfolg verdammt“

Jetzt wird's komplex: Die deutsche Energiewende muss Strom, Wärme und Verkehr verknüpfen. Und sie muss internationaler werden. Sonst sind die Klimaziele nicht zu schaffen, schreibt der Sprecher des Forschungsprojekts „Energiesysteme der Zukunft“, Dirk Uwe Sauer. Weil bei der Energiewende alles mit allem zusammenhänge, sei sie eine „unglaubliche intellektuelle Herausforderung“. Ein CO2-Preis allerdings würde vieles einfacher machen.

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Integriert, intelligent, international – so muss die nächste Phase der Energiewende aussehen. Nur wenn wir das Energiesystem ganzheitlich betrachten und Strom, Wärme und Verkehr miteinander verknüpfen, können wir die Klimaziele noch erreichen. Mit rein nationalen Strategien werden wir jedoch nicht weit kommen – wir müssen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung viel stärker mit anderen Ländern zusammenarbeiten als bisher. Denn Lösungen für den internationalen Klimaschutz lassen sich nur gemeinsam finden. Das zeigen auch die hochrangigen internationalen Klimakonferenzen, die in diesen Tagen aufeinanderfolgen: Nach der Klimakonferenz in Bangkok zur Vorbereitung der COP 24 und dem „Global Climate Action Summit“ in Kalifornien startet nun die Climate Week in New York.


Was bedeutet das für die Energiewende in Deutschland? Was wissen wir bereits über das Energiesystem der Zukunft, welche Missverständnisse haben wir schon aus dem Weg geräumt, und welche Herausforderungen liegen aktuell vor uns?


Auf der wissenschaftlichen Seite sind wir mittlerweile so weit, dass emotionale und ideologische Debatten wie „Erneuerbaren Energien können nicht im notwendigen Umfang bereitgestellt werden“, „Kernenergie ist eigentlich immer die günstige Energieform“ oder „Erneuerbare Energien werden immer viel teurer als fossile Energieträger sein“ entschärft und ad acta gelegt werden konnten. Durch den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt sind diese Annahmen nicht länger haltbar.


Ein nachhaltiger Umbau des Energiesystems ist möglich


Natürlich wurden Fehler gemacht: Einzelne Technologien wurden phasenweise zu stark gefördert, während andere, für die Systemintegration dringend benötigte Technologien vernachlässigt wurden; zudem wurde der rechtliche und ordnungspolitische Rahmen nicht an die Bedürfnisse der neuen Energiewelt angepasst. Und doch sehen wir heute, dass ein Umbau des Energiesystems hin zu einem ökologisch und ökonomisch nachhaltigen System möglich ist.


Über den richtigen Weg streiten wir uns immer noch, aber wir streiten uns, wie es sich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehört: Miteinander, auf Basis von Fakten und Zahlen und mit der Offenheit, die Argumente der Kolleginnen und Kollegen aus der eigenen oder aus anderen Disziplinen anzuhören und abzuwägen und das sogar über Stunden, Tage oder Wochen hinweg.


Genau das leistet das von den deutschen Wissenschaftsakademien getragene Projekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) – ein Projekt, das sowohl national als auch international ziemlich einmalig ist. ESYS, das sind aktuell 120 ehrenamtliche Mitglieder aus Wissenschaft und Forschung, die Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung entwickeln. Wir fordern uns bei jedem Thema selber heraus, in dem wir als oberste Maxime haben, die Themen interdisziplinär zu betrachten und Kollegen und Kolleginnen aus den Fachdisziplinen Recht, Ökonomie, Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften, Naturwissenschaften und Technikwissenschaften an einen Tisch mit dem klaren Ziel der Konsensfindung zu setzen.


Ein Scheitern der Energiewende ist keine Option


Das ist eine Herkulesaufgabe, denn klar ist: Wir sind zum Erfolg verdammt. Das „alte“ Energiesystem wird es so nie wieder geben. Investitionen unter Marktbedingungen in Kraftwerke, die sich mit Bau- und Planungsphase über 40 bis 50 Jahre refinanzieren müssten, lohnen sich nicht mehr, weil einerseits der Kapitalmarkt kurzfristige Renditen bevorzugt und weil stetig neue und weiterentwickelte Technologien das Geschäftsmodell bestehender und neuer Anlagen in Frage stellen. Weltweit wird schon seit Jahren viel mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als in konventionelle Energieträger. Viele große Fondsgesellschaften oder Versicherungen haben einen Rückzug ihrer Investitionen aus dem Bereich der fossilen Stromerzeugung erklärt.


In Deutschland wird die Diskussion über Braunkohle intensiv geführt, und bis zumindest vor wenigen Tagen von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat sich der Strompreis an der Börse von rund 3,5 Cent auf 5 Cent pro Kilowattstunde in weniger als einem Jahr erhöht. Damit liegen die Ergebnisse der Ausschreibungen für neue Photovoltaik- und Windkraftanlagen des letzten Jahres nun im Bereich der konventionellen Stromerzeugung. Neben anderen ist ein wesentlicher Faktor sicher der zeitgleich erfolgte Anstieg des CO2-Preises im Europäischen Emissionshandel von etwa 6 auf bis zu 25 Euro pro Tonne. Mal sehen, was schneller geht: Die Schaffung eines ordnungspolitischen Rahmens für einen Kohleausstieg oder die Entscheidung über die Braunkohle an der Strombörse.


Kleiner Nebeneffekt: Der Strompreisanstieg wird wohl zu einer Senkung der EEG-Umlage führen; politisch sicher hilfreich, aber de facto bleiben die Gesamtlasten für die Endkunden natürlich unverändert. Im Moment leben wir im Energiesystem auf Verschleiß, wir profitieren von der extrem guten Infrastruktur, die in den letzten Jahrzehnten und auch noch vor der Marktliberalisierung aufgebaut worden ist. Die Energieunternehmen suchen händeringend nach neuen, profitablen und kalkulierbaren Geschäftsmodellen, vor allem im Bereich der Sektorkopplung, die aber im bestehenden ordnungspolitischen Rahmen kaum realisierbar sind.


Die nächste Phase der Energiewende gestalten


Mit ESYS stehen wir genau da, wo es im Moment bei der Umsetzung der Energiewende am meisten hakt: Beim Übergang von der Entwicklung und Markteinführung einzelner Technologien in die Phase, in der daraus ein neues System entsteht. In diesem System hängt letztendlich sowohl technisch, aber auch wirtschaftlich und in der Wahrnehmung der Bevölkerung alles mit allem zusammen. Das ist eine unglaubliche intellektuelle Herausforderung für die Wissenschaft, aber genauso für Politik, Gesellschaft und Industrie. Und dabei müssen wir auch aushalten, dass wir einerseits technologieoffen denken und handeln sollten, gleichzeitig aber Entscheidungen über Technologiepfade treffen müssen.


Der Verkehrssektor ist ein gutes Beispiel. Wenn man sich den Schwerlastverkehr anschaut, dann sind verschiedene Lösungen denkbar, etwa synthetische Kraftstoffe, Oberleitungen, Wasserstoff oder Batterien. Klar ist aber, dass es keinen Sinn macht, die dafür notwendigen Infrastrukturen, die jeder Investor auch über Jahrzehnte erfolgreich abschreiben will, parallel aufzubauen. Es wird also eine Entscheidung geben müssen, sinnvollerweise in Abstimmung mit den europäischen Nachbarn, sonst müssten wir an den Grenzen alle Lkw umsatteln.


Einige Themen haben wir in Deutschland zu lange vernachlässigt, etwa die Entwicklung geeigneter Speichertechnologien und Power-to-X-Lösungen oder die Schaffung eines rechtlichen und ordnungspolitischen Rahmens für eine funktionierende Sektorkopplung. Auch das Thema Digitalisierung – allen voran Fragen der Cybersicherheit und Cyberresilienz – war lange Zeit zu wenig auf dem Radar. Und schließlich müssen wir auch heute noch an der Kommunikation der Energiewende arbeiten: Ziel ist, ein gutes Narrativ zu finden, um den Bürgerinnen und Bürgern die Notwendigkeit und vor allem die Chancen der Energiewende zu vermitteln. Denn ohne die Unterstützung der Bevölkerung wird die Energiewende scheitern.


Aktuell stehen wir vor der Frage, wie aus den vielen Puzzleteilen ein großes Ganzes und Besseres werden kann, als wir es heute haben – immer vor dem Hintergrund des Spannungsvierecks aus Kosten, Versorgungssicherheit, Akzeptanz und Ökologie. Wenn an einer Ecke eine große Auslenkung erfolgt, dann sind die anderen Ecken umso mehr gefordert, das Gleichgewicht zu halten. Das zeigt sich beispielsweise beim Thema Ökologie – hier besteht nur wenig Spielraum.


Derzeit steigen die Emissionen etwa um zwei Prozent pro Jahr. Da es keinen Mangel an fossilen Energieträgern gibt, werden Kohle und Erdöl weltweit weiter intensiv genutzt. Ohne einen einheitlichen, ausreichend hohen Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2 werden die Emissionen also nicht sinken. Das heißt im Klartext: Ohne einen CO2-Preis werden sich die internationalen Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens kaum erfüllen, die Klimapolitik wird versagen. Deutschland sollte deshalb die Etablierung eines solchen Preises zunächst in Europa aktiv vorantreiben und dann in anderen Weltregionen unterstützen.


Weiter daran zu arbeiten, die richtigen Fragen zu identifizieren und auch zu schauen, was wir schon wissen, welche Optionen mit welchen Konsequenzen wir Politik und Gesellschaft anbieten können und wie eine internationale Verknüpfung aussehen könnte, dazu dient das Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“. Daran arbeiten wir seit über fünf Jahren, und diese Aufgabe werden wir auch in Zukunft fortsetzen – denn wir sind noch lange nicht am Ziel.


Professor Dirk Uwe Sauer hat einen Lehrstuhl am Institut für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe an der RWTH Aachen inne und ist Sprecher des Akademienprojekts „Energiesysteme der Zukunft“.

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