Standpunkt Wissen statt Glaube macht Künstliche Intelligenz besser!

Bildungs- und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) liege falsch, wenn sie glaubt, Religion spiele in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz eine Rolle, meint Mario Brandenburg (FDP).

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Wissenschaftliche Forschung muss Glauben sowie Religion außen vorlassen. Nicht, weil ein Gott nicht nachgewiesen werden kann, sondern weil das Wirken eines solchen für jedes nicht verstandene Phänomen in der Natur als pseudowissenschaftliche Erklärung gelten könnte. Nicht-naturwissenschaftliche Erkenntnisse führen zum Stillstand im Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb. Wissenschaftler versuchen deshalb, die empirische Wirklichkeit mit rationalen Methoden der Wissenschaft zu untersuchen und zu erklären.

Bildungs- und Forschungsministerin agiert populistisch

Umso mehr halte ich die Worte von Bildungs- und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) vor Kurzem im Bundestag für bedenklich. „Wir lassen uns von unserem christlichen Menschenbild leiten. Jeder technologische Fortschritt hat sich dahinter einzureihen!“, sagte sie in ihrer Rede zur Umsetzung der KI-Strategie der Bundesregierung.

Es ist eine überflüssige Aussage. Das christliche Menschenbild manifestiert sich in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Es ist aus der deutschen Geschichte heraus ohnehin die Entscheidungsgrundlage politischen sowie gesellschaftlichen Handelns. Es im Lichte einer politischen Debatte um Technologien wie Künstliche Intelligenz zu nennen, ist meiner Meinung nach falsch und sogar populistisch.

Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug

Weiterhin verkennt diese Aussage, dass Begriffe wie Menschenbild, Ethik und Moral im Zusammenhang mit einer Technologie wie KI ohnehin in fragwürdige Richtungen driften. Künstliche Intelligenz ist zuerst mal ein Werkzeug, und diese haben keine Religion. Mir ist auf jeden Fall noch nie ein katholischer Hammer oder eine muslimische Zange begegnet.

Ein Algorithmus ist nichts weiter als eine eindeutige Handlungsvorschrift für Softwareprogramme, der bestehend aus etlichen Einzelschritten, zu einem Ergebnis führt. Zum Beispiel kann man die empirische Erkenntnis: Immer wenn es regnet, ist die Straße nass, in logischer Form abbilden. Die Software eines autonom fahrenden Autos kann demnach so programmiert und trainiert werden, dass jedes Mal, wenn ein Sensor Regen erkennt, die Fahrweise an die Eigenschaft „nass“ angepasst wird.

Algorithmen haben kein Menschenbild

Ich frage mich, wo an dieser Stelle des Algorithmus nun das christliche Menschenbild greift? Selbstlernende, teil-selbstlernende oder einfache Algorithmen sind mathematische Formeln statistischer Wahrscheinlichkeitsberechnung. Je genauer Menschen die empirische Wirklichkeit wahrnehmen, messen und analysieren, desto besser können Algorithmen geschrieben werden. Gerade hier muss der Glaube dem Wissen weichen! Algorithmen handeln weder in Kategorien wie gut und böse, noch lieben oder hassen sie, oder verhalten sich auf eine andere Weise ethisch oder moralisch konform der Gesellschaft.

Wenn überhaupt geben wir Menschen Künstlicher Intelligenz eine interpretative Richtung und anscheinend sogar ethische Prinzipien. Dies geschieht dann jedoch über die Daten, mit der wir, er, sie, es als Entscheidungsgrundlage füttern. Wir sollten uns schon aus diesem Grunde von der Vorstellung verabschieden, dass Algorithmen ein wie auch immer geartetes Menschenbild inhärent ist. Programmierer können sich bewusst dafür entscheiden, den Algorithmus so zu schreiben, dass er durch etliche Trainingsdaten erkennt, was „gut“ und „böse“ ist. Menschliche Eigenschaften besitzt er weiterhin nicht.

Die Kirche ist voreingenommen, nicht die Algorithmen

Natürlich weiß ich als Mitglied in der Enquetekommission Künstliche Intelligenz des Deutschen Bundestages um die Diskussion der Voreingenommenheit. Diese muss jedoch am Individuum und nicht am Quellcode ansetzen. Ich bin mir sicher, dass Algorithmen „ethisch korrekte“ und „unvoreingenommene“ Entscheidungen treffen können. Jedoch frage ich mich spätestens seit der Aussage Frau Karliczeks, wie groß eigentlich die Unvoreingenommenheit beispielsweise der christlichen Kirche gegenüber Frauenrechten, Homosexualität oder körperlicher Selbstbestimmung ist?

Würden an diesen Stellen selbstlernende und neutrale, der Realität angepasste Algorithmen nicht anders entscheiden? Nämlich für Frauenrechte, für die freie Ausübung der Sexualität und für die Selbstbestimmung des eigenen Körpers? Warum sollten wir einer statistischen Regelmäßigkeitsberechnung kirchliche Werte vorab programmieren, wenngleich wir doch von dieser möchten, dass sie neutrale Entscheidungen trifft, die für alle transparent dargelegt werden können?

Künstliche Intelligenz soll keinen Gott befragen

Und was soll das überhaupt in einer globalen Welt heißen? Dass wir plötzlich selbstlernende christliche Algorithmen, genauso wie muslimische, buddhistische oder jüdische Algorithmen zur Entscheidungsfindung programmieren? Brauchen wir dann bald Adapterstecker von christlich auf hinduistisch? Bekomme ich mit meinem selbstfahrenden Auto an der Landesgrenze ein lokales Weltbildupdate? Werden Atheisten bald von gläubigen Servicerobotern gemobbt? Mein Menschenbild ist das eines aufgeklärten, freien, mündigen Bürgers, der seine Entscheidungen unvoreingenommen und auf Grundlage von Information, Ergebnis und Erfahrung trifft.

Ein Algorithmus, der mir bei den Entscheidungen hilft, bei denen ich mich entweder selbst schwertue, oder bei denen mir die Objektivität und Information fehlt, soll mich zukünftig dabei unterstützen. Er soll sich dabei aber definitiv nicht hinter einem religiösen Menschenbild einreihen oder irgendwelche Götter befragen. Dann entscheide ich lieber weiterhin selbst: ohne Gott und ohne Frau Karliczek!

Der Wirtschaftsinformatiker Mario Brandenburg ist technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

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