Standpunkt Zurück in die Offensive: Stadtwerke im Zentrum der (auto-) mobilen Revolution

Bis 2030 dürfte jeder zweite Neuwagen ein Elektrofahrzeug sein. Die mobile Revolution betrifft jedoch nicht nur das Auto – sondern die gesamte Verkehrsinfrastruktur. Für kommunale Energieversorger tut sich damit eine einmalige Chance auf, schreibt Norbert Schwieters von PWC in seinem Standpunkt.

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Das Auto der Zukunft fährt elektrisch – daran dürfte es spätestens seit der Internationalen Automobilausstellung (IAA) jüngst in Frankfurt kaum noch Zweifel geben. Selbst die lange Zeit zurückhaltenden deutschen Hersteller haben in Sachen E-Mobilität mehrere Gänge hochgeschaltet. So kündigte Mercedes an, bis 2022 für die gesamte Produktpalette mindestens eine (teil-)elektrische Variante anzubieten. Volkswagen wiederum will bis 2025 über alle Marken hinweg rund 50 reine E-Autos im Portfolio führen – bei BMW sollen es immerhin zwölf sein. Die ehrgeizigen Zielsetzungen bestätigen unsere eigenen Prognosen. So legte PwC zur IAA eine neue Studie vor, wonach am Ende des kommenden Jahrzehnts bereits mehr als jeder zweite in Europa zugelassene Neuwagen ein Elektrofahrzeug sein dürfte.


Kurzum, der Aufbruch in die E-Ära ist also gemacht. Damit stellen sich jedoch Fragen, die über die bloße Elektrifizierung des Antriebs hinausgehen. Denn: Die mobile Revolution betrifft ja nicht nur das Auto – sondern die gesamte Verkehrsinfrastruktur. Wie werden wir uns im E-Zeitalter generell fortbewegen? Auf welche Akteure wird es jenseits der Automobilhersteller noch ankommen? Und ganz schlicht gefragt: Wo  kommt der nötige Strom her?


Bei der letzten Frage geht es weniger um die zusätzlich zu erzeugende Energie. Denn selbst wenn man theoretisch davon ausginge, dass schon heute sämtliche Autos auf Deutschlands Straßen elektrisch angetrieben würden, so dürfte sich der Mehrbedarf nach Meinung verschiedener Experten auf rund 15 Prozent beschränken. Angesichts des fließenden Übergangs vom Benzin- ins Elektrozeitalter dürfte sich der für den Fahrzeugantrieb benötigte Strom also in jedem Fall produzieren lassen, und zwar auf nachhaltiger Basis. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Wie gelangt der Strom dorthin, wo er benötigt wird – sprich: ins Auto?


Die Stadtwerke sind der natürliche Partner für E-Mobilität


An dieser Stelle kommt ein Akteur ins Spiel, der in der bisherigen Diskussion zu Unrecht vernachlässigt wird – nämlich das Stadtwerk. Sie sind es schließlich, die die Verteilnetze betreiben und damit den Strom zur Ladestation bringen. Das E-Zeitalter ohne die kommunalen Energieversorger zu denken, das wäre in etwa so, als müsste der heutige Straßenverkehr ohne Tankstellen auskommen. Die potenzielle Rolle der Stadtwerke beschränkt sich aber bei weitem nicht nur auf ihre natürliche Funktion als Energielieferant. Im Verbund mit den öffentlichen Nahverkehrsunternehmen können die EVUs stattdessen sogar zur lokalen Schnittstelle der automobilen Revolution werden.


Für die bundesweit rund 800 Stadtwerke ergeben sich damit völlig neue Perspektiven. Die Branche befindet sich bekanntlich seit Jahren in der Defensive. Steigender Wettbewerbsdruck und niedrige Energiepreise führen zu einer höheren Verschuldung und zu niedrigen Eigenkapitalquoten. Mit dem bevorstehenden Durchbruch der E-Mobilität indes könnten Stadtwerke plötzlich wieder in die Offensive kommen. Wie aber schaffen es die Stadtwerke, ihre Schlüsselposition auszuspielen? Wo und wann müssen sie welche Kooperationen eingehen, um tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln und auch in diesem neuen Markt rentabel zu agieren? Wie stellen sie sicher, dass sich die notwendigen Investitionen tatsächlich in entsprechenden Erträgen niederschlagen?


Der Markthochlauf beginnt


Aufgrund der beschriebenen Probleme haben viele Stadtwerke in den vergangenen Jahren leider Zeit verloren. Es ist allerdings noch nicht zu spät – denn der Markt läuft gerade erst richtig hoch. Dabei sollten sich die kommunalen Energieversorger bewusst machen, wie gut ihre Ausgangsposition eigentlich ist. Denn der größte Teil der Ladeinfrastruktur wird innerhalb der Städte und Gemeinden benötigt. Das heißt: Im elektrischen Zeitalter dürften die meisten Autos dort „betankt“ werden, wo die Stadtwerke einen natürlichen Heimvorteil haben, also beispielsweise in privaten Garagen, auf halböffentlichen Arealen (Stellfläche eine Supermarkts) und im öffentlichen Bereich (städtischer Parkplatz).


Ausgehend von Netzbetrieb eröffnen sich für die Stadtwerke jede Menge neue Geschäftschancen. Dazu gehört zum Beispiel die Herstellung, Installation und Wartung der Ladesäulen oder auch das mit dem Betrieb verbundene Datenmanagement. Besondere Vorteile versprechen darüber hinaus Verbünde mit anderen lokalen Energieversorgern. Denn auf dieser Basis können die eigenen Kunden ihre Autos auch in fremden Städten problemlos aufladen – was wiederum ein starkes Argument für die Kundenbindung vor Ort ist. Dadurch ergeben sich schließlich auch Chancen auf einen Querverkauf verwandter Produkte wie zum Beispiel Energiespeichern.


Auch damit sind die Potenziale aber noch nicht ausgeschöpft. Denn die Elektrifizierung des Autos dürfte in den kommenden Jahren einhergehen mit anderen mobilen Großtrends wie Sharing, Connectivity, E-Bikes und einer Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs. Auch bei diesen Entwicklungen könnten viele Stadtwerke eine Schlüsselrolle einnehmen – und die in der Vergangenheit für EVUs oftmals belastenden Verbünde mit kommunalen Verkehrsbetrieben urplötzlich zu einem Trumpf werden. Klar ist: Unternehmen aus anderen Sektoren – von der Automobilindustrie über die Telekommunikationsbranche bis hin zu digitalen Startups – drängen momentan genau in diesen Markt. Die kommunalen Versorger müssen also schnell handeln. Zu verstecken brauchen sie sich jedoch nicht. Denn auch wenn die Stadtwerke bei ihrem ganz eigenen Aufbruch in die E-Ära auf Kooperationspartner angewiesen sind: Sie haben selbst auch Einiges zu bieten.


Norbert Schwieters ist Leiter Energiewirtschaft bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

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