„Lauern“ auf dem Dienstweg : Warum die Schwachstelle der LMS-Beschaffung im Meldeweg liegt

Max Becker
Foto: © DGAP / Zsófia Pölöske

Schnell, flexibel, pragmatisch: Die Beschaffung von Loitering Munition ist einer der mutigsten und innovativsten Schritte der Bundeswehr seit Jahrzehnten. Zur Blaupause für moderne Fähigkeiten taugt der Ansatz aber erst, wenn er auch im Ernstfall funktioniert.

von Max Becker, DGAP

veröffentlicht am

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Die Zeit, sie drängt. Ab 2027 soll die in Litauen stationierte Panzerbrigade 45 der Bundeswehr über Loitering Munition Systeme (LMS) verfügen: Flugsysteme, die ins Einsatzgebiet vordringen, „lauernd“ über dem Ziel kreisen und sich dann selbst hineinlenken. Der klassische Weg der Planung und Beschaffung kommt da kaum infrage: Anforderungen festlegen, ausschreiben, entwickeln, erproben, einführen, alles nacheinander. Das hätte Jahre gedauert. Zudem entwickelt sich der Markt für moderne LMS derzeit sehr dynamisch. Was heute eingeführt wird, kann in wenigen Wochen schon wieder veraltet sein. Der Blick in die Ukraine beweist das täglich.

Bundeswehr hat Beschaffungsneuland betreten

Die Bundeswehr hat darauf richtig reagiert und fast alles anders gemacht als gewohnt. Sie hat separate Rahmenverträge mit drei Anbietern geschlossen, Helsing, Stark und Rheinmetall, um den zuletzt schwach ausgeprägten Wettbewerb im Verteidigungssektor wiederzubeleben und mögliche Ausfallrisiken abfedern zu können. Sie hat sich an dem orientiert, was der Markt bereits bot, statt lange Spezifikationen festzulegen. Qualifizierung, Anpassung, Truppentests und Ausbildung laufen parallel. Sogenannte Abbruchmeilensteine erlauben den Ausstieg, wenn ein Hersteller nicht liefert. Strafbewehrte Innovationsklauseln verpflichten zur ständigen Weiterentwicklung, damit die Regale der Bundeswehr nicht mit veralteten Systemen gefüllt werden.

Als neues Normal taugt der Ansatz trotzdem nicht ohne Weiteres. Er funktioniert unter Sonderbedingungen: ein politisch gedeckter Stichtag, ein junger, offener Markt und Anbieter, die einen Vertragsrücktritt wohl verkraften dürften. Entweder weil sie Rüstungsgiganten sind oder aus den Dynamiken und Voraussetzungen der Start-up-Welt hervorgegangen sind. Der spezialisierte Mittelstand der Verteidigungsindustrie kann das oft nicht. Zudem ist ein Teil des Tempos regulatorisch geliehen: LMS sind als Munition klassifiziert, nicht als Luftfahrzeuge. Damit unterliegen sie schlankeren Qualifizierungsstandards.

Die Krux liegt im Meldeweg „nach oben“

Schwerer wiegt: Die entscheidende Schwachstelle liegt nicht im Vertrag, sondern im Meldeweg. Eine Innovationsklausel wirkt nur so schnell, wie der Anpassungsbedarf beim Hersteller ankommt. Im Frieden kann Anpassungsbedarf in Erprobungen und Übungen festgestellt werden, der Dienstweg reicht aus. Im hochintensiven Gefecht ist das anders. Dort passt der Gegner sich laufend an, und eigene Systeme verlieren binnen Wochen an Wirkung. Zuerst bemerken das die Soldatinnen und Soldaten, die das System einsetzen. Ihre Meldung müsste heute über mehrere Ebenen laufen – bis zu den Planungs- und Beschaffungsstellen und von da schließlich zum Hersteller. Dieser Weg ist auf Gründlichkeit ausgelegt, nicht auf Geschwindigkeit.

Dass es schneller geht, zeigt die Ukraine. Über das Battle-Management-System Delta kann selbst die niedrigste taktische Ebene Anpassungsbedarf direkt melden. Dieser Weg hat sich auch im hochintensiven Gefecht als robust erwiesen.

Die Bundeswehr braucht Vergleichbares und sie muss es unter Gefechtsbedingungen erproben. Gefragt sind redundante, schnelle und effektive Meldewege von der Truppe bis zum Hersteller, die auch bei Störungen, Ausfällen und Verlusten funktionieren. Wie belastbar sie sind, darf die Bundeswehr nicht erst im Ernstfall merken. Sie müssen schon jetzt unter möglichst realistischen Bedingungen getestet werden: mit gestörten Verbindungen, ausgefallenen Knoten, Verlusten oder gezielten Falschmeldungen. Das ist die notwendige Bedingung dafür, dass der Ansatz mehr ist als ein Verfahren für Friedenszeiten.

Schließlich darf der Ansatz nicht isoliert auf der grünen Wiese stehen bleiben. Was die Truppe meldet, muss nicht nur bei den drei Vertragspartnern ankommen, sondern auch da, wo neue Lösungen entstehen: im Innovationszentrum der Bundeswehr, in der Birds Group des Kommandos Heer, bei Forschungseinrichtungen und anderen Unternehmen. Erst diese Vernetzung macht aus einzelnen Verträgen ein Innovationsökosystem, das mit dem Gegner und den schnellen Entwicklungszyklen Schritt halten kann.

Die Bundeswehr hat bewiesen, dass sie anders beschaffen kann. Jetzt muss sie zeigen, dass dies auch im Ernstfall funktioniert.

Max Becker ist seit Dezember 2025 Policy Fellow im Zentrum für Sicherheit und Verteidigung der DGAP. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die deutsche und europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie Fragen der Rüstungskooperation. Zudem untersucht er die Bedeutung neuer Technologien für die Verteidigungspolitik und deren Auswirkungen auf die strategische Handlungsfähigkeit Deutschlands und Europas.

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