KI-Regulierung : Drei Lehren aus der Rüstungskontrolle

Mark Daley
Foto: Western University

Die Kontrolle von Frontier-KI steht vor einem paradoxen Problem: Wer Regelverstöße zuverlässig erkennen will, muss tief in die Infrastruktur von Unternehmen und Fähigkeiten von Staaten blicken. Doch genau diese Einblicke können Spionage erleichtern und das Vertrauen in ein Abkommen untergraben - wie die Geschichte der Rüstungskontrolle bereits gezeigt hat.

von Mark Daley, Western University, Ontario, Kanada

veröffentlicht am

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 14 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden

1963 stritten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion über Inspektionen, mit denen ein umfassendes Verbot von Nukleartests überwacht werden sollte. Wie weit ihre Positionen auseinanderlagen, ließ sich in einer einzigen Zahl ausdrücken: Nikita Chruschtschow bot drei Vor-Ort-Kontrollbesuche pro Jahr an; Washington verlangte sieben. In diesen Zahlen spiegelten sich politische Einschätzungen wider: Wie viel Ungewissheit konnte die jeweilige Regierung hinnehmen? Und wie viel Zugang konnte sie gewähren, ohne Spionage zu ermöglichen?

Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz führt uns heute zu dieser Frage zurück.

Vorschläge zur Regulierung und Überwachung der technologisch am weitesten fortgeschrittenen Frontier-KI konzentrieren sich zunehmend – und durchaus zu Recht – auf Rechenkapazität. Große Trainingsläufe benötigen leistungsfähige Chips, Strom, Netzwerke und institutionelle Koordination. All das hinterlässt erkennbare Spuren.

Die schwierigere Frage lautet, ob eine solche Überwachung genügend Sicherheit schaffen kann, um politisch nützlich zu sein – und zugleich so wenig preisgibt, dass sie strategisch akzeptabel bleibt. Drei Lehren aus der Geschichte der Rüstungskontrolle zeigen, warum technische Lösungen allein diese Frage nicht beantworten können.

Signal und Geheimnis werden gemeinsam übermittelt

Die erste Warnung lautet: Signal und Geheimnis werden gemeinsam übermittelt. Verifizierung braucht Informationen, die ein Staat oder ein Unternehmen normalerweise schützen würde. Bei Frontier-KI könnte ein Überwachungssystem nach Hinweisen auf Chipbestände, Cluster-Konfigurationen, Auslastung, Netzwerkverkehr oder den Zeitpunkt von Trainingsläufen suchen. Dieselben Informationen könnten jedoch auch Engpässe bei der Rechenkapazität, der Mobilisierungsfähigkeit und die proprietären Verfahren führender KI-Labore offenlegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass KI-Infrastruktur in die reguläre Wirtschaft eingebettet ist. Ein und dasselbe Cluster kann kommerzielle Produkte, wissenschaftliche Forschung, nachrichtendienstliche Analysen und militärische Programme unterstützen. Wer dort nach verbotenen Aktivitäten sucht, bewegt sich also in einer Umgebung, die zugleich von erlaubten Tätigkeiten und wertvollen Zusatzinformationen geprägt ist.

Vom Datenstrom zum strategischen Bild

Die zweite Warnung lautet: Bessere Überwachung kann auch bessere Spionage bedeuten. Neue Sensoren, kommerzielle Satelliten, Hardware-Nachweise und automatisierte Analysen können die Erkennung verbessern. Doch selbst eng begrenzte Daten zur Regelkonformität können weitreichende Rückschlüsse ermöglichen. Berichte könnten den Rhythmus eines Labors erkennen lassen; Ausfälle könnten Hinweise auf die Zuverlässigkeit der nationalen Recheninfrastruktur geben. Mit Satellitenbildern sowie Daten zu Stromverbrauch, Personalrekrutierung und Bewegungen in der Lieferkette kann aus einem zunächst bescheidenen Datenstrom ein detailliertes Bild strategischer Kapazitäten entstehen.

Damit verschärft sich das Problem. Ein Staat muss nicht nur bedenken, was ein Gegner heute aus den verfügbaren Informationen ableiten kann. Er muss auch berücksichtigen, was die KI-Systeme von morgen aus den heute gespeicherten Daten herauslesen könnten. KI ist damit zugleich Gegenstand der Verifizierung, Instrument der Verifizierung und ein Mittel, um sowohl die eigenen Schlussfolgerungen als auch mögliche Umgehungsstrategien zu verbessern. Die Überwachung wird so zu einem Teil des Fähigkeitswettbewerbs, den sie eigentlich regulieren soll.

Was ausreichende Verifizierung ist, ist eine politische Frage

Die dritte Warnung lautet: „Ausreichende“ Verifizierung ist ebenso sehr eine politische Frage wie eine technische Lösung. Technische Nachweise können Erkennungswahrscheinlichkeiten, Fehlalarm-Raten und die Kosten bestimmter Umgehungsstrategien bestimmen. Sie können jedoch nicht festlegen, wie viel verbleibendes Risiko eine Regierung akzeptieren sollte. Dieses Urteil hängt von strategischen Erwartungen, innenpolitischen Bündnissen und der Einschätzung ab, welche Folgen eine Täuschung hätte.

Unsicherheit lässt sich natürlich auch politisch instrumentalisieren. Dann stellen sich bei jeder neuen Ankündigung einer Rechenleistungs-Schwelle vernünftige und berechtigte Fragen: Wie groß muss ein nicht gemeldeter Trainingslauf sein, damit er entdeckt werden kann? Wie schnell muss er entdeckt werden? Ab wann wird Rechenleistung angesichts effizienterer KI-Modelle zu einem veralteten Indikator für Leistungsfähigkeit?

Manche solcher Einwände werden gravierende Mängel aufdecken. Andere könnten zu Totschlagargumenten werden, die jede hypothetische Umgehung als Beweis dafür werten, dass die gesamte Vereinbarung nicht überprüfbar ist. Die Wissenschaft schränkt die Debatte dann ein, aber das wird allein nicht ausreichen, um das Ziel zu erreichen.

Zusammengenommen bilden diese drei Warnungen eine rekursive Schleife. Die Angst vor dem Abfluss nachrichtendienstlich relevanter Informationen führt dazu, dass der überwachte Staat den Zugang beschränkt. Der eingeschränkte Zugang bedeutet Unsicherheit über die Einhaltung der Regeln. Politische und sicherheitspolitische Akteure berufen sich auf diese Unsicherheit, um stärkere Gewissheit zu fordern. Stärkere Gewissheit wiederum verlangt eine eingriffsintensivere Überwachung – und verstärkt damit die ursprüngliche Angst vor dem Abfluss nachrichtendienstlich relevanter Informationen.

Leistungsfähiger heißt manchmal: weniger politischer Spielraum

Das Besondere an KI ist, dass bessere KI-Analysen diesen Kreislauf noch beschleunigen. Das heißt, nicht nur die Erkennungsfähigkeiten erhöhen sich, sondern auch der nachrichtendienstliche Wert bereits erhobener Informationen.

Das Ergebnis mag kontraintuitiv erscheinen: Ein technisch leistungsfähigeres Überwachungssystem kann den politischen Spielraum für eine Einigung verkleinern.

Das ist die zentrale Herausforderung der KI-Verifizierung. Sie muss gleichzeitig als Sicherheitsarchitektur und als politische Verständigung konzipiert werden. Sie muss folgenschwere Regelverstöße früh genug erkennen, damit diese noch relevant sind. Zugleich muss sie die Offenlegung zusätzlicher Informationen so weit begrenzen, dass eine Teilnahme rational bleibt. Und sie muss die verbleibende Unsicherheit so klar benennen, dass die beteiligten Parteien den Maßstab für eine „ausreichende“ Verifizierung nicht fortwährend verschieben können.

Kein System kann beweisen, dass keinerlei verbotene Aktivitäten stattfinden. Kein Protokoll wird der Politik die Entscheidung abnehmen, wann genug beobachtet worden ist. Das realistische Ziel besteht deshalb darin, die Schleife zu kontrollieren: Die Suche nach Gewissheit darf nicht die Bedingungen zerstören, unter denen gegenseitige Beruhigung überhaupt möglich bleibt.

Mark Daley ist Chief Artificial Intelligence (AI) Officer an der Western University sowie ordentlicher Professor im Fachbereich Informatik, Blogger und Gastautor bei War On The Rocks. Darüber hinaus hat er Querschnittsberufungen in fünf weiteren Fachbereichen, am Rotman Institute of Philosophy und am Western Institute for Neuroscience.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 14 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden