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Verkehr & Smart Mobility

Wolfgang A. Herrmann

Wolfgang A. Herrmann, Vorsitzender des Beirats Zentrum Zukunft der Mobilität und Ex-TUM-Präsident
Vorsitzender des Beirats Zentrum Zukunft der Mobilität und Ex-TUM-Präsident Foto: Astrid Eckert / TUM
Jana Kugoth

von Jana Kugoth

veröffentlicht am 04.02.2021

aktualisiert am 24.11.2021

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Wieder mehr Zeit an der Orgel verbringen. Darauf hatte sich Wolfgang A. Herrmann bei Antritt seines Ruhestands im vorletzten Jahr gefreut, erzählt er im Gespräch mit Tagesspiegel Background. Bis Herbst 2019 war der gebürtige Niederbayer und studierte Chemiker Präsident der Technischen Universität München (TUM), 24 Jahre lang. Kein anderer Hochschulpräsident war so lange im Amt wie er.   

Doch 2020 hat die Pläne des 72-Jährigen auf den Kopf gestellt. Ein Grund: Corona. Das Virus hat die musikalischen Träume des früheren TUM-Präsidenten durchkreuzt, denn die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen verbieten es, in der Kirche zu singen. Einsätze als Aushilfsorganist im Gottesdienst hat der tief im Katholizismus verwurzelte Professor deshalb zurzeit keine.

Langeweile kennt er trotzdem nicht. Die musikalische Zwangspause verschafft ihm mehr Freiraum für eine neue Aufgabe: Herrmann leitet den Aufbau des neuen Mobilitätszentrums in München. Nach den Plänen von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) soll der weit über die Stadtgrenzen Münchens hinaus bekannte Wissenschaftler helfen, „Deutschland zum führenden Standort für die Mobilität der Zukunft zu machen“. Das Thema interessiere ihn sehr, sagt Herrmann. Schwer zu überzeugen sei er nicht gewesen.

Chemiker und Hochschulmanager mit Reformdrang

Wolfgang A. Herrmann sprüht vor Ideen, wie der Blick auf seine Berufsbiografie zeigt. 1995 wurde er erstmals an die Spitze der TU München gewählt, unter seiner Führung hat sie drei Mal den mit Millionen Euro an Fördergeldern verbundenen Titel „Exzellenzuniversität“ verliehen bekommen, der ihr internationale Anerkennung verschaffte. Herrmann hat in seiner fast ein Vierteljahrhundert währenden Amtszeit die TUM nahezu umgekrempelt, die Zahl der Studenten auf mehr als 40.000 fast verdoppelt. Er hat Fakultäten umbenannt, ausgebaut, neu gegründet und andere umorganisiert.

Nicht alle Entscheidungen des „Hochschulmanagers“ („Financial Times“, 2009) waren unumstritten. So hat es ihm viel Kritik eingebracht, dass in den Lehrveranstaltungen oft nur Englisch gesprochen wird. Internationalität ist dem Chemiker und Träger des Leibniz-Preises wichtig. So lange es geht, will er aus seinem Ruhestand heraus den Außenstandort der TUM in Singapur weiter betreuen, auch im Fundraising für seine Uni ist er weiter aktiv, sagt der Niederbayer, dem man seine Herkunft anhört. Im südostasiatischen Inselstaat können ausländische Studenten einen deutschen Hochschulabschluss ablegen – und sind dafür bereit, hohe Studiengebühren zu zahlen. Forschungsschwerpunkt in Singapur: die Mobilität in Megacities.

Auf Skepsis stieß Herrmanns Vorstoß, an die Elite-TU die Geistes- und Sozialwissenschaften nach dem Vorbild von MIT und Stanford wieder einzuführen. „Ingenieure brauchen heute mehr denn je den Bezug zu den Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften, damit sie den technischen Fortschritt in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen, die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen, politisch mitdenken“, sagt der Professor. Aus diesem Grund will er den Disziplinen auch am Zentrum Zukunft der Mobilität einen hohen Stellenwert einräumen. 

Ein hervorragender Strippenzieher

„Woran es in Deutschland hakt, ist nicht die Ingenieurskunst und die Entwicklung neuer Technologien“, sagt Herrmann, „sondern die vielfach schleppende Transformation der Wissenschaft in die Gesellschaft.“ Mit Technologien wie dem autonomen Fahren seien viele ethische und haftungsrechtliche Fragen verbunden, die es zu klären gelte – unter Einbezug aller Disziplinen.

Fast wäre Herrmann, ein CSU-Mitglied, 2001 selbst in die Politik gegangen. Er wollte bayerischer Minister für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz werden. Aufgrund eines laufenden Ermittlungsverfahrens wegen Steuerhinterziehung sagte er kurz vor der Ernennung ab. Er bekam eine Geldstrafe von 45.000 Mark. Heute ist das Thema für ihn abgehakt. Auf seine Weise sei er ja er ja auch politisch tätig gewesen, sagte er einmal, aber „seine Basis und das Feld“, auf dem er sich politisch bewegen konnte, sei die Wissenschaft gewesen. „Ich bin froh, dass statt meiner mein Sohn in die Politik gegangen ist.“ Sein Sohn Florian, eines von insgesamt fünf Kindern mit Ehefrau und Oberstudienrätin Freya, leitet die Bayerische Staatskanzlei.  

Wolfgang Herrmanns Kontakte in die Politik sind eng, er gilt als „hervorragender Strippenzieher“. Er erinnere sich gut daran, wie er dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer das Modell eines Gleichstromerdkabels in die Staatskanzlei brachte, um ihm zu demonstrieren, wie sich darüber der Windstrom aus dem Norden in die industriellen Zentren im Süden der Republik transportieren ließe. 

Für die TUM hat er politisch rausgeholt, was ging. Oder wie er es formuliert: „Der Freistaat Bayern hat in meiner Zeit die Taschen weit aufgemacht“, sagt er, der gut darin war, seine Vorhaben mit den jeweiligen Wissenschaftsministern und der Staatskanzlei vorzubereiten. Insgesamt 2,5 Milliarden Euro seien allein auf dem Campus in Garching während seiner Amtszeit investiert worden.

Forschung für die Mobilität der Zukunft

Ihm wird nachgesagt, dass er früher als viele andere die Elektromobilität als Zukunftstechnologie erkannt habe. Tatsächlich ärgert es ihn, dass die hiesige Autoindustrie die Entwicklung lange verschlafen hat. Lange habe die Automobilindustrie erzählt, dass die Elektromobilität Blödsinn sei, beklagte er in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand. So habe die Industrie auch verschuldet, „dass die Top-Expertise dazu in der Elektrochemie in den Unis verschwunden ist – die wir jetzt für den Batteriebau mühsam wiederaufbauen müssen“. Um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden, müssten Ingenieure und Techniker „viel politischer denken“, fordert er.

Das erwartet er wohl auch von den 17 Expertinnen und Experten des Beirats für das Zentrum Zukunft der Mobilität, denen er als Leiter vorsteht (die gesamte Liste der Mitglieder finden Sie hier). Sieben Frauen seien dabei, betont der Bayer, wohl wissend, dass die fehlende Diversität in den Naturwissenschaften und Entscheidungsgremien ein vielfach geäußerter Vorwurf ist. Ganz bewusst habe er für die Mitarbeit im Gremium nicht nur Wissenschaftler aus technischen Fachgebieten oder Vertreter der Automobilindustrie wie VDA-Präsidentin Hildegard Müller angesprochen, sondern auch Jörg Hofmann, den Vorsitzenden der Gewerkschaft IG Metall, und die Politologin Patrizia Nanz, die sich unter anderem mit der Transformation zu ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, der Zukunft der Demokratie und insbesondere auch der Bürgerbeteiligung beschäftigt.

Rund 322 Millionen Euro hat Bundesverkehrsminister Scheuer bis 2024 für das Mobilitätszentrum bewilligt. Hermann beeindruckt es, dass die Bundesregierung „in diesen Zeiten ein so großes Zukunftsprojekt auf die Beine stellt“.

Dass die Zentrale der neuen Forschungseinrichtung in München entstehen soll, ohne dass es eine öffentliche Ausschreibung gab, brachte Verkehrsminister Scheuer viel Kritik ein (Background berichtete). Zu einer der ersten Aufgaben Herrmanns gehört, an der Findung eines Grundstücks für das Zentrum in der bayerischen Landeshauptstadt mitzuwirken, im Gespräch seien Standorte am Olympiapark, in der Nähe des Ostbahnhofs und im Zentrum. Im Idealfall wird ein neues, architektonisch ansprechendes Gebäude gebaut, keine bereits bestehende Immobilie bezogen, findet Hermann, „um damit die Vorwärtsgewandtheit des Zentrums zu demonstrieren“. Bis zu 100 Mitarbeiter sollen später einmal in München für das Mobilitätszentrum arbeiten.

Geplant ist, mit dem Zentrum ein Mobilitätsforschungsnetzwerk über ganz Deutschland zu spannen, mit jeweils verschiedenen Forschungsschwerpunkten. Noch nicht alle Standorte stehen fest. Klar ist schon, dass sich ein Ableger in Annaberg-Buchholz um Start-ups kümmern soll, in Minden ist ein Rail Campus geplant und auch die Hamburger-Hafencity und Karlsruhe bekommen einen Ableger. Bundesländer und Wirtschaft könnten die Vorhaben mit zusätzlichen Mitteln fördern, eine Fundraising-Aufgabe, der sich Herrmann auch widmen dürfte.

Zu den Forschungsthemen des Zentrums gehören Batteriesysteme, synthetische Kraftstoffe, Big Data und Künstliche Intelligenz, Sensortechnik, additive Fertigung, Industrie 4.0, Logistik, Smart City and Country. Jetzt gehe es darum, bis zum nächsten Gremien-Treffen, voraussichtlich im Frühjahr, Kriterien für die einzelnen Forschungsprojekte festzulegen, sagt Herrmann.

„Seit dem ersten Treffen im Januar nimmt das Arbeitspensum merklich zu“, bemerkt der Gremienchef. Zunehmend bekomme er Zurufe aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, von Menschen und Organisationen, die sich beteiligen möchten. Sein Vernetzungsgeschick ist gefragt. Derzeit vor allem digital – und irgendwann, so hofft er, auch wieder bei einem guten Essen im italienischen Restaurant in München. Dort ist ihm schon so manche Überzeugungsarbeit gelungen, wie er in einem anderen Interview einmal durchblicken ließ. Und die Ausflüge ins Lokal vermisse er in diesen Coronazeiten – genau wie das Orgelspiel. Jana Kugoth 

Vier Fragen an Wolfgang A. Herrmann:

1. Welches Auto kaufen Sie als nächstes?
Gar keines. Ich lease einen 7er-BMW. 

2. Wie halten Sie es mit dem Fliegen?
Gerade geht ja nichts. Vor Corona bin ich sehr gerne geflogen. Doch eines hat uns die Pandemie gelehrt: Für eine zweistündige Sitzung von München aus ins schöne Berlin zu fliegen – das war Unsinn. Aber auch ein Stück weit alte Gewohnheit. Viele Jahre meiner beruflichen Laufbahn hatten wir die heutigen technischen Möglichkeiten für Videokonferenzen und andere digitale Kanäle nicht. Dennoch freue ich mich auf persönliche Kontakte nach Corona. 

3. Wer gibt in der Mobilitätsbranche das Tempo vor?
Der internationale Wettbewerb. Er wird bestimmen, wie wir uns künftig fortbewegen. Aus diesem Grund sollte die Mobilität durch Vielfalt und Technologieoffenheit geprägt sein. 

4. Wo würden Sie gern das Rad neu erfinden?
Gar nicht. Kann mich mit dem System gut arrangieren, das wir haben. Mein Ziel ist es jedoch, genau dieses System für die Zukunft fit und verträglich zu machen.

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