Technologisches Wettrennen : Warum Verteidigungsfähigkeit mehr als Rüstung braucht

Matthias Wachter
Matthias Wachter Foto: BDI/Christian Kruppa

Militärische Stärke entsteht nicht nur auf Truppenübungsplätzen, sondern auch in Fabriken, Rechenzentren und Laboren. Innovations- und Wirtschaftskraft sind dafür mitentscheidend, argumentiert Matthias Wachter, Co-Bereichsleiter Innovation, Sicherheit und Technologie beim BDI.

von Matthias Wachter, Bundesverband der Deutschen Industrie

veröffentlicht am

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Verteidigungsfähigkeit entscheidet sich zunehmend an der Geschwindigkeit, mit der Streitkräfte, Industrie und Forschung auf neue Bedrohungen reagieren. Militärische Systeme müssen kontinuierlich angepasst werden; dafür braucht es Fabriken, Rechenzentren und Entwicklungslabore, die Erkenntnisse aus Erprobung und Einsatz rasch in technische Verbesserungen überführen. Gesamtverteidigung erfordert deshalb eine engere Verzahnung von Sicherheits-, Innovations- und Industriepolitik.

Entscheidend ist nicht die Verfügbarkeit einzelner Technologien, sondern ein funktionierender Innovationskreislauf: Neue Lösungen müssen schnell entwickelt, erprobt, eingesetzt und auf Basis der Einsatzerfahrungen weiterentwickeltwerden. Besonders sichtbar ist dies bei unbemannten Systemen. Sensoren, Antriebe, Kommunikations- und Navigationsverfahren sowie Software und KI-Anwendungen verändern sich in immer kürzeren Zyklen. Militärische Stärke hängt deshalb davon ab, ob Erkenntnisse aus Entwicklung, Erprobung und Einsatz unmittelbar in verbesserte Systeme zurückfließen.

Der Anpassungsprozess selbst ist die Lehre aus der Ukraine

Die Lehre aus der Ukraine lautet deshalb nicht „Drohnen statt Panzer“. Solche Gegensätze greifen zu kurz. Militärische Fähigkeiten entstehen erst dann, wenn technologische Innovationen in ausreichender Stückzahl verfügbar, in bestehende Strukturen integrierbar und dauerhaft weiterentwickelbar sind.

Für Deutschland sind daher weniger einzelne Systeme als die dahinterliegenden Lern-, Anpassungs- und Skalierungsprozesse relevant. Entwicklung, Beschaffung, Produktion und fortlaufende Anpassung müssen deutlich stärker parallel gedacht werden.

Beschaffung darf nicht länger davon ausgehen, dass ein System nach der Auftragsvergabe technisch abgeschlossen ist. Software, Sensorik, Komponenten und Einsatzverfahren müssen während des gesamten Lebenszyklus weiterentwickelt werden können. Militärische Plattformen sind daher als modulare Systemträger mit offenen Schnittstellen zu konzipieren, damit neue Sensoren, Software und Komponenten schnell integriert und ausgetauscht werden können.

Weit über die Verteidigungsindustrie hinaus

Der Blick muss weit über die klassische Verteidigungsindustrie hinausgehen. Moderne Verteidigungsfähigkeit beruht auf einem Ökosystem aus Halbleitern, Software, Künstlicher Intelligenz, Robotik, Telekommunikation, Energieversorgung, Gesundheit, Raumfahrtund industrieller Produktion. Start-ups entwickeln neue Lösungen oft schneller, erproben sie früh und erhöhen den Anpassungsdruck auf etablierte Anbieter.

Militärische Wirkung entsteht jedoch erst, wenn Beschaffung die Voraussetzungen schafft, damit neue Lösungen von jungen und etablierten Unternehmen skaliert werden können. Deutschlands sicherheitspolitische Leistungsfähigkeit hängt damit auch von Unternehmen ab, die sich nicht vorrangig als Teil der Verteidigungsindustrie verstehen.

Drei politische Prioritäten drängen sich auf

Technologische Leistungsfähigkeit und industrielle Skalierung werden damit zu einer gesamtstaatlichen Aufgabe. Drei Prioritäten folgen daraus: Erstens müssen Beschaffung und Zulassung schnellere Innovationszyklen ermöglichen. Zweitens braucht die Industrie verlässliche Voraussetzungen, um erfolgreiche Lösungen rasch in größere Stückzahlen zu überführen. Drittens gehören technologische Abhängigkeiten und verwundbare Wertschöpfungsketten systematisch in die sicherheitspolitische Planung. Der Nationale Sicherheitsrat sollte diese Dimension in strategische Lagebilder und Entscheidungen einbeziehen. Abhängigkeiten, industrielle Kapazitäten und Innovationsfähigkeit müssen künftig ebenso konsequent bewertet werden wie militärische Fähigkeiten.

Innovationskraft, industrielle Stärke und resiliente Wertschöpfungsketten sind Teil der Sicherheitsarchitektur. Deutschland kann seine Gesamtverteidigung nur stärken, wenn es militärische Bedarfe, technologische Entwicklung, Beschaffung und industrielle Skalierung als zusammenhängendes System behandelt. Verteidigungsfähigkeit beginnt bei den politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen neue Fähigkeiten entstehen.

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