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Standpunkt

Mit Coding Communities die digitale Bildung vorantreiben

Thomas Gegenhuber von der Johannes Kepler Universität Linz und Frauke Hinz von der Malmö Universität
Thomas Gegenhuber von der Johannes Kepler Universität Linz und Frauke Hinz von der Malmö Universität Foto: Privat

Um jungen Menschen Digitalkompetenzen zu vermitteln, sieht die deutsche Politik Schulen als ersten Ansatzpunkt. Dabei können Coding Communities als Vorbild fürs Klassenzimmer dienen, schreiben Thomas Gegenhuber und Frauke Hinz. Denn das Konzept erleichtert Schüler:innen den Zugang zum komplexen Feld der Technologie.

von Thomas Gegenhuber und Frauke Hinz

veröffentlicht am 09.11.2021

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Die deutsche Politik sucht händeringend nach Möglichkeiten, wie man jungen Menschen digitale Kompetenzen vermitteln kann. Die Initiative Digitale Bildung zum Beispiel wurde initiiert von der Bundeskanzlerin und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und soll die Kompetenzentwicklung in einer digital geprägten Welt fördern. Das Netzwerk Bildung Digital unterstützt den Austausch von Akteuren aller Bildungsbereiche und erarbeitet Lösungsansätze zum Erreichen digitaler Kompetenzen in der Bildung. Auch im Ampel-Sondierungspapier findet sich ein Bekenntnis die „Digitalisierung des Bildungswesens“ gemeinsam mit Ländern und Kommunen voranzutreiben.

Es liegt nahe, im Bildungssystem anzusetzen, um jungen Menschen digitale Kompetenzen zu vermitteln. Viele SchülerInnen können Informatik oder Programmierung als Wahlpflichtfächer oder AGs belegen, verpflichtend ist es eher selten. Neben Mecklenburg-Vorpommern will nun auch Schleswig-Holstein zum Schuljahr 2022/23 Informatikunterricht als verbindliches Schulfach in der Sekundarstufe I an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien einführen.

Der Schritt ist gut, wirft aber auch die Frage auf, welche Kenntnisse und Fähigkeiten im Informatikunterricht wohl vermittelt werden? Es scheint keine einheitliche, zeitgemäße Definition für den Begriff Informatik zu geben. Zudem kommen Zweifel auf, ob es genügend qualifizierte Lehrkräfte gibt. Aus unserer Sicht bietet dieser Schritt einen Anlass zu hinterfragen, ob die Art und Weise, wie Wissen und Fähigkeiten vermittelt werden, noch zeitgemäß sind. Schulen sind so aufgebaut, dass man Inhalte und Methoden perfekt beherrschen muss – wer das nicht tut, wird schlecht beurteilt. Perfektion wird belohnt, Lernen durch Fehler nicht. Wirkt das nicht eher abschreckend für SchülerInnen, sich weiter mit den Themen Informatik und Programmierung zu beschäftigen?

Coding Communities als Vorbild nutzen

Das formale Bildungssystem kann von dem informellen System der Coding Communities lernen. Zwei Gründe sprechen dafür, diese als Vorbilder heranzuziehen. Erstens ist es zentral, dass die intrinsische Neugier der SchülerInnen für das Programmieren geweckt wird und es Spaß macht. Die Coding Communities zeigen, wie das geht. In Deutschland gibt es mittlerweile über 30 Coding Communities, die sich darauf fokussieren technischen Laien Technologien näherzubringen. Das sind zum Beispiel die Hacker School in Hamburg, code curious in Berlin, die Open Knowledge Foundation oder she.codes@KIT in Karlsruhe.

Die Coding Communities sind mittlerweile deutschlandweit vertreten. Sie bieten Workshops und Treffen (meet-ups) an, um Teilnehmenden den Zugang zu dem komplexen Feld der Technologie zu erleichtern. Im Gegensatz zur schulischen Lehre sind die Workshops spielerisch aufgebaut. Teilnehmende lernen, indem sie Fehler machen. Coding Communities zeichnen sich durch eine freundliche, unterstützende Atmosphäre und Offenheit aus. Zugänglichkeit ist ein wichtiges Prinzip, auch in Bezug auf Teilnehmergebühren. So sind Workshops der Coding Communities meist kostenlos. Die Coaches und Organisatoren arbeiten größtenteils ehrenamtlich. Die Nachfrage ist hoch. Teilnehmende sind unter anderem deshalb an den Kursen interessiert, da das Interesse an Programmierung und Digitalisierung, auch mit Blick auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts, weiter steigt.

Zweitens, Coding Communities versuchen Vielfalt in den IT-Sektor zu bringen. Sie erproben neue und gleichberechtigtere Programmier-Kulturen. Dabei setzen sie auf weibliche Vorbilder sowie einen Code-of-Conduct und Lernpraktiken, die Gleichberechtigung fördern sollen. Einige Communities gehen weiter und fokussieren ihre Angebote auf Frauen. In einem geschützten, nicht männerdominierten Raum – wie sonst üblich in der IT – können sich die TeilnehmerInnen vernetzen, sich ausprobieren und dazulernen. Viele Teilnehmende waren zuvor unsicher, verlassen das Event jedoch inspiriert und mit neuen Kompetenzen und Fähigkeiten. Die Workshops helfen die Angst und Unsicherheiten von Frauen vor der IT und neuen Technologie zu nehmen. Sie sehen, welche Möglichkeiten sich bieten. Mit der Teilnahme an einem Workshop ist der Grundstein gelegt.

Das Potential von Coding Communities

Neben der Vorbildrolle für den formalen Bildungssektor können Coding Communities bei der Ausbildung unterstützen und generieren auch eigenständig große Wirkung für eine Gesellschaft. Ein erfolgreiches Beispiel ist die Coding Community Canada Learning Code, welche als lokale Gruppe in Toronto begonnen hat und nun in ganz Kanada aktiv ist. 2019 gab es mehr als 420 Communities im ganzen Land, die Interessierten technische Fähigkeiten nähergebracht haben. Canada Learning Code bietet verschiedene Programme an, die sich an bestimmte Zielgruppen richten. Es gibt Workshops zugeschnitten auf Mädchen, Kinder, Teenager, Frauen und Lehrkräfte. Seit dem ersten Workshop im August 2011 wurden mehr als 590.000 Lernerfahrungen vermittelt. Einen Großteil haben die 16.500 ehrenamtlichen MentorInnen dazu beigetragen. Das Feedback ist positiv, Canada Learning Code wird sehr gut angenommen. 91 Prozent aller Teilnehmenden, Jugendliche und Erwachsene, würden Canada Learning Code weiterempfehlen. Es geht nicht nur um das Kennenlernen der verschiedenen Bereiche der Informatik, sondern auch darum, Vertrauen zu gewinnen und Technologien für die persönliche und berufliche Erfüllung zu nutzen. Das Verständnis für die digitalen Werkzeuge und seine Anwendungen in allen Bereichen steigt. Der Jahresbericht von 2019 zeigt, dass sich 67 Prozent der TeilnehmerInnen eines Workshops für Frauen nach der Teilnahme sicherer im Umgang mit Technologien fühlten. 75 Prozent von Eltern, deren Kinder an einem Workshop teilnahmen, berichten, dass ihre Kinder nach der Teilnahme mehr über Coden und Tech erfahren wollten. Canada Learning Code hat auch Einfluss auf berufliche Entscheidungen von Teilnehmenden: 29 Prozent erreichten eine zusätzliche Verbesserung der Arbeitsqualität, 22 Prozent fingen an, selbstständig zu arbeiten und 7 Prozent haben ein neues Unternehmen gestartet.

Zusammenarbeit mit Coding Communities auf die politische Agenda

Angesichts der Win-Win-Situation liegt es auf der Hand Coding Communities zu unterstützen. Aber das formale System ist mit Hürden verbunden. So berichtet die Hacker School aus Hamburg davon, dass das Interesse von Schulen an Kooperationen zwar groß ist, aber der gesamte Prozess an vielen Stellen große Herausforderungen aufweist – von der Hardware über Internetzugang über sehr lange Abstimmungsprozesse: Hier gibt es noch sehr viel Verbesserungspotential. Also: Der Geist ist willig, aber das Schulsystem noch sehr langsam.

Coding Communities finden jedoch auch oft Unterstützung, insbesondere auf kommunaler Ebene. Zum Beispiel unterstützt die österreichische Stadt Linz Coding Communities mit Räumlichkeiten. Der nächste Schritt: Die Stadt Linz hat sich die Expertise von Ferdous Nasri von der Berliner Coding Community code curious geholt, um Empfehlungen für eine bessere Unterstützung auszuarbeiten. In der Leitlinie für die Linzer Stadtregierung 2021-2027 wurde die Förderung von Coding Communities auf die Agenda genommen. Die Stadt überlegt nun, Coding Communities durch ein Community Management zu unterstützen.

Auch in Deutschland liegt der Ball bei Politik und Verwaltung, dieses Potential der Zivilgesellschaft zu heben, und sich zu überlegen, wie die Angebote von Coding Communities in Schulen Einzug finden können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sollte, gemeinsame mit der Kultusministerkonferenz, einen Dialog mit den Coding Communities initiieren und überlegen: Was können wir tun, um Coding Communities zu unterstützen? Dieses proaktive Vorgehen würde eine zentrale Hürde minimieren. Coding Communities arbeiten meist ehrenamtlich, es fehlt schlichtweg die Zeit, sich um Förderungen zu kümmern. Aber auch auf Seiten der Coding Communities besteht Professionalisierungspotential. Ein deutschlandweiter Dachverband wie in Kanada könnte die Sichtbarkeit gegenüber der Politik um ein Vielfaches erhöhen. Es braucht eine gewisse kritische Größe, um Einfluss nehmen zu können.

Es gibt also viel zu tun. In Deutschland scheitert es oft an Digitalisierungsbemühungen, weil wir vom Reden nicht ins Handeln kommen. Die Coding Communities zeigen durch Ehrenamt, was möglich ist. Wir sollten von ihnen lernen und mit ihnen zusammenarbeiten.

Thomas Gegenhuber ist Professor für Management of Socio-Technical Transitions an der Johannes Kepler Universität Linz (Österreich) und Gastprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg. Er war Sachverständiger beim dritten Gleichstellungsbericht der deutschen Bundesregierung, der sich dem Thema Digitalisierung widmete und unter anderem das Potenzial von Coding Communities hervorhebt.

Frauke Hinz studiert „Leadership and Organisation“ an der Malmö Universität in Schweden. Sie hat sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Leuphana Universität Lüneburg mit dem Thema Female Coding Communities auseinandergesetzt.

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