Ländliche Räume : Land in Sicht – wie ländliche Räume zum Vorreiter des sozial-ökologischen Wandels werden können
Als strukturschwach belächelte Regionen in Deutschland können die großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit lösen. Forschende von zwei Leibniz-Instituten skizzieren in ihrem Standpunkt einen Plan für das Gelingen von Veränderung. Er zeigt, dass Stadt-Land-Gegensätze überwindbar sind. Ein Rückblick aus der Zukunft.
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Stellen wir uns vor, es ist das Jahr 2060. Die sozial-ökologische Transformation ist geschafft. Deutschland hat seine Energieversorgung dekarbonisiert, die Biodiversitätskrise gebremst, eine nachhaltige Mobilität aufgebaut und den Flächenfraß gestoppt.
Vieles, was 2025 noch als ferne Vision galt, ist Realität geworden. Was auffällt in diesem Zukunftsbild: Die ländlichen Räume – lange belächelt, oft ignoriert – sind die eigentlichen Zentren der Transformation.
Ob die Prignitz in Brandenburg, der Hunsrück in Rheinland-Pfalz oder das Oderbruch – im Jahr 2060 sind die einst als „strukturschwach“ gebrandmarkten Regionen nicht mehr Schlusslichter, sondern Vorreiter. Rückblickend ist klar: Ohne sie wäre die Transformation zu nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen gescheitert. Denn dort lagen die Schlüsselressourcen: Wiesen und Felder zur Sicherung von Ernährung und Biodiversität, Wälder und Moore als Kohlenstoffspeicher, Flächen für Windräder und Solarfelder, Wasserreservoirs, aber auch soziale Ressourcen wie Gemeinsinn und Engagement sowie Wissensbestände und Praktiken zum Leben im Einklang mit der Natur.
Doch was machte diesen Wandel möglich? Wie konnte aus dem Dauerkonflikt zwischen Stadt und Land, zwischen einer Politik von oben und lokalen Sorgen ein gemeinsamer Erfolg werden?
Wertewandel, soziale und räumliche Gerechtigkeit
Noch 2025 prallten zwei Welten aufeinander. Während Klimaziele in Berlin beschlossen wurden, mussten Bürgermeister:innen in der Eifel oder in der Lausitz großflächige Solar- und Windkraftprojekte oft noch gegen erbitterten Widerstand durchsetzen. Biogasanlagen wurden gebaut – die Gewinne aber flossen in Fonds oder zu Energiekonzernen, nicht in die Kommunen. Neue Gewerbegebiete fraßen sich in Landschaften, während Dorfkitas geschlossen wurden.
Große Städte und Metropolen galten als Innovationstreiber. Ländliche Regionen stellten den Großteil der Ressourcen bereit, die für eine sozial-ökologische Transformation unabdingbar sind, wurden aber weiterhin als strukturschwach gebrandmarkt. Kaum verwunderlich in einer Welt, die Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung und die Akkumulation von Kapital als Zielgrößen definierte.
Erst als sich ab 2025 durch die Erfordernisse einer sozial-ökologischen Transformation das gesellschaftliche Wertesystem änderte, wurde auch die Bedeutung ländlicher Regionen wieder klar und damit auch das Verhältnis zwischen Stadt und Land neu justiert.
Flächen, Vielfalt und Verantwortung
Das 2025 noch als utopisch geltende Netto-Null-Ziel beim Landverbrauch – also kein zusätzlicher Verlust natürlicher Böden mehr – schien ab den 2030er Jahren mit kluger Flächenplanung erreichbar. Kommunen nutzten digitale Flächenkatastersysteme, um Leerstand zu mobilisieren. Brachliegende Höfe wurden zu Co-Working-Spaces oder gemeinschaftlichem Wohnen umgebaut – gefördert mit Strukturmitteln.
Gleichzeitig wurden Kommunen endlich für ihren Beitrag zur Biodiversität entlohnt. Wer Biotope erhielt, Moore wiedervernässte oder Pestizidverzicht umsetzte, erhielt finanzielle Ausgleichszahlungen – ähnlich dem Prinzip „Public Money for Public Goods“. Dabei werden öffentliche Gelder vorrangig für Güter und Dienstleitungen ausgegeben, die der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen. Projekte wie „Wildnisinseln“ in Niedersachsen oder „Moorschutz Lausitz“ wurden zu Vorbildern für andere Landesteile. Bayern wurde Vorreiter für ernährungssouveräne Regionen und Gemeinden.
Von der Peripherie zum Hotspot der Innovation
Was viele auf diesem Weg überraschte: Innovationstreiber waren nicht etwa nur die Städte. Zwar entwickelten Universitäten und Forschungszentren neue Speichertechnologien oder moderne Agrarsysteme – doch das Neue wurde nicht einfach übergestülpt.
Stattdessen entstand eine Kultur der Co-Kreation. Wandelpioniere in Gemeinden – zum Beispiel progressive Bürgermeister:innen, Förster:innen, Vereinsvorsitzende, Unternehmer:innen – wurden zu aktiven Partnern. Ein Bundesprogramm „LandLabs“ brachte Hochschulexpertise in Dörfer. So entstanden regionale Experimentierräume für solare Dorfnetze, Agroforstwirtschaft und emissionsfreie Nahverkehre.
Strukturförderprogramme wie LEADER, eine Fördermaßnahme der Europäischen Union zur Entwicklung ländlicher Räume, wurden modernisiert. Ein „Zukunftsbudget Land“ finanzierte auf unbürokratische Weise lokale Projekte– von Tiny-Forest-Initiativen bis zur Wiedereinführung von Dorfärzt:innen per Telemedizin. Der ländliche Raum wurde zum Labor für eine gerechte Transformation – technologisch, sozial und kulturell.
Und heute? Der Rückfall ins Kurzfristdenken
Diese Erfolgsgeschichte ist, wohlgemerkt, ein Zukunftsszenario. 2025 stehen wir an einem ganz anderen Punkt: Trotz ambitionierter Strategien wie der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, der Biodiversitätsstrategie oder dem European Green Deal droht die politische Energie zu erlahmen. Die Krisen der Gegenwart – Kriege, Inflation, geopolitische Machtkämpfe – drängen langfristige Ziele in den Hintergrund.
Wir erleben eine politische Rolle rückwärts. Förderprogramme werden gekürzt, Planungsprozesse gelähmt, Fortschritte der letzten Jahre teilweise wieder zunichtegemacht. Nachhaltigkeit gilt vielen als „Luxusthema“.
Der ländliche Raum wird dabei erneut zum Spielball: Infrastrukturen wie Bahnstrecken, Kliniken und Schulen werden abgebaut. Die Landflucht nimmt wieder zu. Wer bleiben will, sieht sich oft alleingelassen – mit ausgedünntem ÖPNV, mit dem Mobilfunkloch, mit der schwierigen Pflege der Großeltern.
Dabei wissen wir längst: Ohne die ländlichen Regionen wird es keine gelingende Transformation geben. Wer Klimaneutralität ernst meint, braucht das Land. Doch das Land braucht im Gegenzug Anerkennung, die Möglichkeit demokratischer Mitbestimmung, Investitionen – und eine Vision. Nur so können die Vorteile ländlicher Räume – Freiraum ohne Kostendruck, hohe Eigentumsquote, überschaubare Akteursnetzwerke – in der sozial-ökologischen Transformation zum Tragen kommen.
Ein Plädoyer für realistische Utopien
Wenn wir 2060 auf eine gelungene Transformation zurückblicken wollen, dann braucht es jetzt Weichenstellungen. Keine Visionen aus dem Elfenbeinturm, sondern realistische Utopien. Der Weg dorthin führt über konkrete Schritte:
- Neue Narrative für den ländlichen Raum: Wir müssen aufhören, die Peripherie als Problemzone zu sehen. Sie ist unsere Ressourcenzone, Innovationszone, Lebenszone.
- Faire Mitbestimmung bei der Energiewende: Wir sollten Modelle ausbauen, die Kommunen und Bürger:innen vor Ort Gewinne und Beteiligungen an Wind- und Solaranlagen ermöglichen.
- Neustart der Regionalförderung: Programme und Regelungen wie LEADER, die Strukturhilfen von EU, Bund und Ländern, das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz oder die EU-Agrarpolitik müssen langfristig auf die Ziele einer sozial-ökologischen Transformation ausgerichtet werden.
- Aufwertung ländlicher Innovationskraft: Universitäten, Thinktanks und Stiftungen sollten gezielt mit Akteuren vor Ort kooperieren – von den Agrarwendenetzwerken bis zur Digitalisierungsstrategie für Dörfer.
- Schutz statt Ausbeutung der Flächen: Ein konsequenter Flächenschutz gehört ins Grundgesetz. Nur wer das Land erhält, kann es nutzen.
- Öffentliche Daseinsvorsorge sichern und nachhaltig gestalten: Damit die sozial-ökologische Transformation vor Ort umgesetzt werden kann, braucht es eine verlässliche Sicherung der sozialen, kulturellen und infrastrukturellen Grundausstattung.
Fazit: Zukunft beginnt im Lokalen
Das Jahr 2060 beginnt heute – mit einem Schulgebäude, das nicht geschlossen wird. Mit einer Solaranlage, die mit Bürgergeld finanziert wird. Mit einem Moor, das wiedervernässt wird. Mit einem Gemeinderat, der nicht resigniert, sondern diskutiert und tätig wird. Die großen Transformationen beginnen im Kleinen. Und oft beginnen sie dort, wo man sie am wenigsten erwartet: auf dem Land.
Artem Korzhenevych, Markus Egermann und Sabine Philipps forschen am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung; Thilo Lang am Leibniz-Institut für Länderkunde.
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