Fertiliser Action Plan : Unabhängig von fossilem Dünger durch grünes Ammoniak – wenn der Rahmen stimmt
Der neue Fertilizer Action Plan der EU zeigt agrarpolitisch in die richtige Richtung. Doch er greift zu kurz, solange entscheidenden Instrumente fehlen. Das betrifft vor allem Ammoniak, eine Schlüsselchemikalie für die gesamte europäische Industrie. Grünes Ammoniak könnte helfen, Abhängigkeiten zu überwinden – wenn Europa jetzt die richtigen Weichen stellt, schreibt Chatzimarkakis.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Dass sich die EU mit dem Fertilizer Action Plan endlich der Düngemittelversorgung widmet, ist überfällig. Ernährungssicherheit beginnt nicht beim Einkauf im Supermarkt, sondern viel früher – bei Fragen der Energie, der Rohstoffe und funktionierenden Lieferketten.
Der im Mai vorgestellte EU-Plan geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Die Krisen der vergangenen Jahre haben Europas Verwundbarkeit offengelegt. Schon kleine Störungen können ganze Versorgungssysteme ausbremsen und die Inflation ankurbeln.
Ein aktueller Report der International Energy Agency zeigt das auf: Allein zwischen Januar und Mai 2026 verdoppelten sich weltweit die Harnstoffpreise. Der Nahe Osten ist eine Region, die immerhin ein Sechstel der globalen Wasserstoffproduktion kontrolliert.
Es ist also politisch sinnvoll, dass die EU hier aktiv wird. Was dem Plan aber fehlt, ist die Lösung für ein ökonomisches Problem: Harnstoff wird aus Ammoniak gemacht und Ammoniak aus Luftstickstoff und Wasserstoff. Dieser Wasserstoff stammt zurzeit noch aus der Spaltung von fossilem Methan.
Die Alternative – grünes Ammoniak – wird durch Elektrolyse aus Wasser hergestellt. Dazu schreibt die Kommission: „Grünes Ammoniak hat höhere Produktionskosten als auf fossilen Brennstoffen basierende Alternativen“
Der Plan bietet kein belastbares Konzept, um die Rahmenbedingungen für grünes Ammoniak zu verbessern. Er ist damit politisch gut gemeint, praktisch aber schlecht umsetzbar.
Fundament für die gesamte industrielle Wertschöpfung
Dabei geht es hier um die Zukunft eines industriellen Grundstoffs, der Landwirtschaft und Chemie gleichermaßen trägt. Und das ist eben kein Nischenthema der Landwirtschaft, sondern eine Frage strategischer Industriepolitik. Denn Ammoniak – ob grün oder fossil – ist eine der wichtigsten Basischemikalien, auf der tausende Produkte direkt oder indirekt aufbauen.
Solange Ammoniak noch immer überwiegend aus Erdgas erzeugt wird, macht das die Produktion abhängig von fossilen Importen und anfällig für Preisschocks. Geht diese Produktionsbasis verloren, trifft das nicht nur die Landwirtschaft, sondern weite Teile der industriellen Wertschöpfung.
Grün produziertes Ammoniak bietet die Chance, diese Abhängigkeit schrittweise zu verringern. Es hat das Potenzial, langfristig ein stabileres Fundament für eine resilientere Industrie zu schaffen.
Quoten und ein glaubwürdiger Emissionshandel
Diese Transformation wird jedoch nicht von allein passieren. Genau hier liegt die Schwäche des aktuellen EU-Düngemittelplans. Zwar haben die Brüsseler Beamten die strategische Richtung beschrieben, die zentrale Marktfrage aber offengelassen.
Die Krux lautet doch: Wie soll ein verlässlicher Markt für klimafreundliches Ammoniak entstehen? Genau hier müssen wir ansetzen. Zu verlässlichen Marktmechanismen, die den Plan dringend flankieren sollten, gehören ein robuster EU-Emissionshandel mit klaren, glaubwürdigen CO₂-Preissignalen. Weiter notwendig sind einheitliche europäische Zertifizierungssysteme sowie zeitlich befristete Nachfrageinstrumente wie Blendingquoten, damit Investitionen überhaupt in den Markt kommen.
Dies wären Instrumente, die Planungssicherheit sowie Skaleneffekte ermöglichen und das Potenzial haben, Kosten mit wachsender Marktreife zu senken. Ohne geordneten Übergang droht das Gegenteil: Investitionen bleiben aus, Produktion wandert in Regionen mit niedrigeren Energie- und Klimastandards ab. Das schadet dem Klima ebenso wie der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.
Perspektiven für den Globalen Süden
Hinzu kommt die internationale Dimension. Viele Länder des Globalen Südens verfügen über sehr gute Bedingungen für erneuerbare Energien und können künftig selbst nachhaltiges Ammoniak produzieren. Dazu müssen wir aber Absatzperspektiven schaffen. So könnten perspektivisch Partnerschaften entstehen, die zu einer echten globalen Ernährungssicherheit beitragen.
Eine Win-win-Situation für beide, würden sich so doch Exportchancen für europäische Technologieanbieter wie Experten aus den Bereichen Elektrolyseur bis hin zur Anlagenplanung eröffnen. Europa hat in diesen Bereichen weiterhin starke industrielle Kompetenzen. Sie zu sichern und auszubauen ist nicht nur Klimapolitik, sondern Standortpolitik.
Grünes Ammoniak ist mehr als ein alternativer Dünger: Es ist strategischer Rohstoff für die Landwirtschaft, Grundpfeiler der Chemieindustrie, potenzieller Energieträger und ein Baustein europäischer Resilienz. Wer heute in grünes Ammoniak investiert, investiert in Versorgungssicherheit, industrielle Wertschöpfung und wirtschaftliche Stabilität in Europa. Und genau das sollte die EU tun.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden