Klimaziele für den Wald : Wer nicht kämpft, hat schon verloren
Der Erhalt von funktionsfähigen Wäldern in Zeiten der Klimakrise ist unbestritten eine große Herausforderung. Dennoch gibt es wirksame und machbare Schritte, um den Klimazielen im Landnutzungssektor näher zu kommen. Im Klimaschutzprogramm muss die Bundesregierung endlich entsprechende Maßnahmen formulieren und diese anschließend konsequent umsetzen, fordern Pauline Schur und Eric Häublein vom Nabu.
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Um den Wald als Klimaschützer ist es schlecht bestellt. Seit 2017 wurden durch Schadereignisse und anschließende Räumungen in Deutschland mehr als 900.000 Hektar entwaldet. Einige Jahre lang stieß der deutsche Wald sogar mehr CO2 aus, als er binden konnte. Im letzten Jahr wurde zwar dank günstiger Wetterbedingungen unterm Strich wieder etwas CO2 gebunden, jedoch bei weitem nicht genug. Schließlich soll der Landnutzungssektor (LULUCF) – und dort neben den Mooren vor allem der Wald – die Emissionen aus den anderen Sektoren wie Industrie und Verkehr ausgleichen. Wenn der Wald als CO2-Senke ausfällt, steht daher das gesamte nationale Klimaziel auf dem Spiel.
Die Zahlen zeigen, dass ohne weitere Maßnahmen die verbindlichen Klimaziele im LULUCF-Sektor nicht zu erreichen sind. Nach einer Abschwächung der LULUCF-Klimaziele zu rufen, wie einige es gerade tun, ist der Situation absolut nicht angemessen. Bisher wurde ein umfassendes Maßnahmenpaket zum Ausbau der Waldsenke vom Expertenrat der Bundesregierung zwar beschrieben, aber nichts davon zusätzlich umgesetzt. Genau dazu wäre die Bundesregierung aber verpflichtet, wie das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Klimaschutzprogramm im Januar noch einmal in aller Deutlichkeit unterstreicht.
Ende en Jahres hat das Umweltbundesamt berechnen lassen, wie Deutschland seine Klimaziele einhalten kann, genauer wie die Emissionen bis 2040 um 90 Prozent gesenkt werden können. Wenig überraschend bestätigt die Modellierung längst bekannte Maßnahmen. Allem voran steht die reduzierte Entnahme von Holz aus dem Wald für die Energiegewinnung. Auch im bekannt gewordenen Entwurf des Klimaschutzprogramms aus dem Bundesumweltministerium wird der Reduzierung der Holzverbrennung das größte Potenzial bescheinigt, um den Wald wieder zum CO2-Speicher zu machen.
Mit diesen drei Hebeln zur Verbesserung der Senkenfunktion des Waldes wäre demnach schon viel gewonnen:
1. Weniger Holz verbrennen
Anders als oft dargestellt, sollten anfällige Nadelholzbestände natürlich weiterhin zu klimastabileren, naturnahen Mischwäldern umgebaut werden. Außerdem wird im UBA-Bericht als zentrales Instrument die Verringerung der Entnahme von Laubholz, allen voran Buche und Eiche, genannt. Dazu muss man wissen, dass laut Monitoring des Thünen-Instituts aktuell über 80 Prozent des eingeschlagenen Laubholzes direkt als Brennholz genutzt werden.
Bereits eine Reduktion der Laubholzentnahme um 2 Millionen Kubikmeter pro Jahr in 2030 und dann bis 2040 um 3,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr (im Vergleich zu 2013-2017) könnte laut UBA einen entscheidenden Beitrag leisten, um die Klimasenke Wald deutlich zu stärken. Da es mittlerweile brennstofffreie Heizungstechnologien gibt, sollte das mehr als machbar sein. Und eine weitere gute Nachricht ist, dass diese Maßnahme unabhängig von natürlichen Störungen durch die Klimakrise in jedem Fall wirkt, wie die Modelle zeigen.
Eine konsequente politische Weichenstellung zur Verringerung der energetischen Holznutzung ist also ein überfälliger erster Schritt in Richtung Einhaltung der LULUCF-Ziele. Bereits über eine Abschwächung der Ziele zu diskutieren, wenn keinerlei Maßnahmen in diese Richtung unternommen wurden, ist ein Eingeständnis der politischen Handlungsunfähigkeit angesichts lautstarker Verfechter der „heimischen Holzenergie“.
Dabei ist wichtig anzumerken: Unter Berücksichtigung der verlorenen Senkenleistung setzt Holzenergie mehr CO2 frei als fossile Brennstoffe. Mit der Wärmepumpe steht eine CO2-freie Wärmequelle zur Verfügung, die im Gegensatz zur begrenzten Biomasse auch versorgungssicher und preisstabil ist. Und ja: Natürlich muss dabei für ausreichend Förderung besonders für einkommensschwache Haushalte gesorgt sein – auch das ist eine politische Entscheidung.
2. Mehr Holz stofflich nutzen
Es geht es aber nicht darum, nun reihenweise Wälder in den Prozessschutz zu übergeben. Es müssen die politischen Anreize so gesetzt werden, dass Holz primär stofflich und damit effizienter verwendet wird. Und dafür eignen sich sowohl Sägereste, Durchforstungsholz als auch Kalamitäts- und Laubholz. Wenn Holz in Produkten genutzt wird, geht es nicht als THG-Emission in die Klimabilanz ein, sondern bleibt als „Produktspeicher“ im LULUCF-Sektor erhalten, sowie auch das CO2 im Produkt gebunden bleibt. Zurecht mag man kritisieren, dass der Substitutionseffekt (wenn zum Beispiel mit Holz statt klimaschädlichem Beton gebaut wird) dem Wald nicht extra oben drauf gebucht wird. Es liegt jedoch auf der Hand, dass dies extrem schwer messbar wäre.
Umso wichtiger sind andere finanzielle Anreize für mehr stoffliche Holznutzung. Diese könnten für den Staat kostenneutral gestaltet werden, indem kontraproduktive Subventionen für Holzenergie (in der BEG, in der BEW, im EEG, in den Industrieförderprogrammen oder die reduzierte Mehrwertsteuer auf Brennholz, um nur einige zu nennen) abgeschafft werden und mit den Mitteln beispielsweise die Mehrwertsteuer für Produkte aus recyceltem Holz abgesenkt würde. Da die Wertschöpfung bei stofflicher Holznutzung deutlich höher ist als bei der energetischen Nutzung, würden Staat und Wirtschaft dabei auch profitierten.
3. Mehr Holz im Wald lassen
Oft scheint außerdem vernachlässigt zu werden, dass Wälder auch bedeutsame Lebensräume sind und neben der Klimaleistung auch weitere wichtige Dienste leisten, wie Trinkwasserbildung, Kühlung und Erholung. Deutschland verfehlt seine Biodiversitätsziele ebenso deutlich wie seine Klimaziele. Wälder in natürlicher Entwicklung beziehungsweise mit reduzierter Nutzungsintensität bieten hier also große Synergieeffekte.
Einnahmemöglichkeiten jenseits der Holzgewinnung müssen dauerhaft etabliert und der Waldumbau hin zu naturnahen Wäldern weiter gefördert werden. Mit dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) und dem Förderprogramm „WaldWildnis“ gibt es bereits Ansätze, die der Vergütung von Ökosystemfunktionen dienen. Über das erwartete Naturflächenbedarfsgesetz sowie die Umsetzung der europäischen Wiederherstellungsverordnung gibt es hier weitere Chancen, die genutzt werden können, um Klima, Naturschutz und Wertschöpfung im Wald in Einklang zu bringen.
Wir müssen um den Klimaschützer Wald kämpfen
Angesichts der drohenden Klimakrise ist es keine Option, den Wald als CO2-Senke abzuschreiben. Wissenschaftlich begründete Maßnahmen müssen ambitioniert umgesetzt werden. Denn was ist die Alternative? Teure und begrenzte technische Senken reichen für die Klimaneutralität bei weitem nicht aus, wenn der LULUCF-Sektor ausfällt.
Wir finden: Wälder sind mehr als Holz. Wälder sind zu wichtig, um nicht alles zu versuchen. Die Politik muss jetzt endlich die Weichen stellen. Bisher sind alle Versuche von der Novellierung des Bundeswaldgesetzes über Einschränkungen bei der Holzwärme bis zur Nationalen Biomassestrategie kläglich gescheitert. Das für diese Woche erwartete Klimaschutzprogramm muss nun diese Versäumnisse auffangen und unseren Wäldern und dem Klima einen Rettungsanker zuwerfen.
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