El Niño, Hormus, Schulden : Wie die Welt in eine epochale Hungerkrise schlafwandelt
Deutschland hat als drittgrößte Industrienation der Welt eine besondere Verantwortung, die drohende Hungerkrise im Globalen Süden abzuwenden, schreibt Christoph Bals. Düngerknappheit durch die Folgen des Kriegs im Iran und ein möglicherweise starker El Nino erfordern schnelles Handeln, mahnt er.
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Fast unbemerkt von großen Teilen der Öffentlichkeit in Deutschland spitzt sich seit Jahren weltweit die Ernährungskrise wieder zu. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) stellte erst vergangenes Jahr fest, dass sich die globale Ernährungsunsicherheit seit 2016 fast verdreifacht hat.
Treiber waren das El Niño-Ereignis von 2014 bis 2016, die Corona-Pandemie, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, regional auch die Kriege in Nahost und Sudan. Zugleich ist die humanitäre Hilfe trotz des stark gestiegenen Bedarfs aktuell auf das Niveau von 2016 zurückgefallen.
Nun droht aus drei Gründen eine weitere dramatische Zuspitzung dieser Krise: Erstens zeichnen sich durch die militärische Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran und der Blockade der Straße von Hormus – selbst wenn diese nun aufgehoben werden sollte – katastrophale Folgen für die globale Ernährungssicherheit ab.
Der Persische Golf war bislang die Quelle für rund 30 Prozent der weltweit an die Landwirtschaft gelieferten Rohstoffe. Harnstoff und Ammoniak, Phosphate und Schwefel sind zentrale Inputs der heutigen industriellen Landwirtschaft und bislang für einen großen Teil der globalen Nahrungsmittelversorgung unverzichtbar.
Da viel von dem Dünger schon jetzt auf den Feldern sein müsste, wird erwartet, dass sich die Auswirkungen in den kommenden Monaten verstärken, selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten entspannen sollte. Die Düngemittelexportverbote von China haben die Situation weiter verschärft.
Drohende Rekordtemperaturen und Extremwettereignisse
Von der aktuellen Blockade von Düngemitteltransporten sind vor allem Staaten mit niedrigem Einkommen in Südasien und Ostafrika betroffen. Dort steigen nun die Kosten für Treibstoff, Dünge- und Lebensmittel. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) geht davon aus, dass damit auch weitere Bevölkerungsgruppen in diesen Ländern von Hunger bedroht sein werden. WFP und das International Rescue Committee warnen, dass nur noch wenig Zeit ist, um rechtzeitig zu handeln.
Zudem hat nun das Klimaphänomen El Niño begonnen. Dies ist verbunden mit starken Risiken für die Ernährung und 2027 wird vermutlich das wärmste bisher gemessene Jahr werden. Zwar besteht noch eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der zu erwartenden Stärke, aber mit zwei Drittel Wahrscheinlichkeit wird es ein sehr starker El Niño sein.
Damit drohen regional Rekordtemperaturen sowie Extremwettereignisse wie starke Regenfälle und Dürren. Das zieht typischerweise weltweit Ernteausfälle, Wasserknappheit und Preisschwankungen mit sich, mit den schwersten Folgen wohl für Südostasien, Australien, Süd- und Mittelamerika sowie für Teile von Afrika.
Historisch führten starke El-Niño-Ereignisse laut FAO zu Preisanstiegen von 20 bis 40 Prozent bei Weizen, Reis und Mais. In der Vergangenheit haben solche Preisanstiege auch zu sozialen Unruhen, Protesten und massiven Migrationsbewegungen geführt. In Ägypten etwa gehörten explodierende Brotpreise und Nahrungsmittelunsicherheit nach verschiedenen Wetterextremen weltweit zu den größten Treibern, die 2011 zu massiven Unruhen führten.
Die Gesellschaftsverträge etwa im Mittleren Osten und Nordafrika beruhen zu einem guten Teil auf der politischen Sicherung erschwinglicher Grundnahrungsmittel, die durch Subventionen und Importe ermöglicht werden. Die WMO hat angesichts der El-Niño-Gefahren Anfang Juni zum unverzüglichen Handeln aufgerufen: Die Politik müsse jetzt die Vorbereitungen treffen.
Geberstaaten haben Hilfen gekürzt
Besonders dramatisch ist die derzeitige Situation zudem wegen der eingeschränkten finanziellen Handlungsfähigkeit vieler Staaten. Gestiegene Inflation, verringertes Wachstum und wachsende Arbeitslosigkeit wird vielerorts die öffentlichen Finanzen belasten, ganz besonders in Staaten, die bereits nahe an der Überschuldung stehen.
Laut dem Schuldenreport 2026 von Misereor leiden 44 Staaten im Globalen Süden unter einer sehr hohen Auslandsschuldenlast. Weitere 25 Staaten sind hoch belastet.
Während sich die humanitären Bedarfe – unter anderem durch die gestiegene Zahl an Kriegen, bewaffneten Konflikten und Wetterextremen – verschärfen und eine höhere Zahl an Menschen in humanitärer Not ist (Anstieg um mehr als 50 Prozent in den letzten fünf Jahren), reduzieren die meisten Geberstaaten ihre Hilfe und Entwicklungsprojekte. Nach Kalkulationen des Center for Global Development kosten die Kürzungen der Gelder bereits jetzt über 5000 Menschen pro Tag ihr Leben.
Bundesregierung sollte Unterstützung vorbereiten
In der Bundesregierung ist nun koordiniertes Handeln des Auswärtigen Amts und des Entwicklungs- und Landwirtschaftsministeriums gefragt. Notwendig sind zum einen das Aufstocken der Mittel für humanitäre Hilfe und Ernährungssicherung, um besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen im Globalen Süden vor den Auswirkungen steigender Lebensmittelpreise und möglicher Ernteausfälle zu schützen.
Dafür müssen internationale Hilfsorganisationen, insbesondere die Vereinten Nationen und ihre Fachorganisationen, über ausreichende politische und finanzielle Unterstützung verfügen, um wirksam handeln zu können. Es geht um Hilfslieferungen von Lebensmitteln und Saatgut in ärmere Länder, dies sollte die regionalen Märkte unbedingt einbeziehen. Aber es geht auch um alternative Handelsrouten für Kunstdünger.
In klimaresiliente Landwirtschaft investieren
Zum anderen sollten Maßnahmen mit mittelfristiger Perspektive von drei bis fünf Jahren sicherstellen, dass wir in der Zukunft besser für solche Krisen aufgestellt sind. Die FAO drängt in einem umfangreichen Handlungsvorschlag unter anderem auf den Ausstieg aus fossilen Energien zur Herstellung von Dünger sowie auf eine systematische Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit; auf Investitionen in klimaresiliente Landwirtschaft (zum Beispiel trockenresistente Sorten, Agroforstwirtschaft) und auf die Förderung von regionalen Handelsabkommen, um Engpässe auszugleichen.
Die Zuspitzung der Krise sollte Anstoß sein, menschenrechtsbasierte, nachhaltige und resiliente Ernährungssysteme sowie regionale Handelssysteme insgesamt aufzubauen und zu fördern.
Und nicht zuletzt sollte Deutschland gemeinsam mit seinen Partnern in der EU, auch mit Staaten wie Großbritannien, Norwegen, der Schweiz und möglichst auch im G7-Kontext auf ein koordiniertes internationales Handeln hinwirken, immer gemeinsam mit Partnerländern in Afrika, Südamerika und Asien.
Der Politik bleiben nur noch wenige Wochen, maximal wenige Monate, um die unakzeptable Zahl der heute schon hungernden Menschen nicht noch um viele Millionen anwachsen zu lassen. Deutschland steht als drittgrößte Industrienation der Welt dabei besonders in der Verantwortung.
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