Versorgung unter Druck : Wie militärische Lieferketten resilienter werden

Karsten Schmidt
Foto: abat AG

Wenn Transportwege ausfallen, Zulieferer wegbrechen oder Materialbedarf sprunghaft steigt, zeigt sich, wie belastbar eine Lieferkette wirklich ist. Europas Verteidigungsindustrie muss sich auf genau solche Szenarien vorbereiten. Karsten Schmidt, Berater für Aerospace, Defence & Security beim SAP-Beratungshaus abat, erklärt, was sie dabei von der Automobilbranche lernen kann, und was militärische Logistik anders machen muss.

von Karsten Schmidt, abat AG

veröffentlicht am

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Europa baut seine Verteidigungsfähigkeit unter hohem Zeitdruck aus. Dafür muss die Industrie mehr produzieren und ihre Kapazitäten im Krisenfall schnell weiter hochfahren können. Und das unter Bedingungen, für die sich in der Nato der Begriff „contested logistics“ etabliert hat: Transportwege können ausfallen, Infrastruktur beeinträchtigt und digitale Systeme durch Cyberangriffe gestört werden. Nato und EU arbeiten deshalb an strategischen Reserven, diversifizierten Bezugsquellen, zusätzlichen Produktionskapazitäten und leistungsfähigeren militärischen Transportkorridoren.

Damit wachsen die Anforderungen an die Lieferketten von Streitkräften und Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Besonders die Automobilindustrie hat über Jahrzehnte weit verzweigte Lieferketten aufgebaut und ihre Prozesse unter hohem Effizienz- und Kostendruck kontinuierlich verfeinert. Aus dieser Prozessreife lassen sich fünf Prinzipien ableiten, die auch für die Verteidigungsindustrie relevant sind.

Von Transparenz in der Lieferkette bis zur Prävention

Erstens: Transparenz über die Lieferkette. Für eine resiliente Lieferkette reicht der Blick auf die eigene Organisation nicht aus. Wo befinden sich Transporte? Wo drohen Engpässe? Welche Kapazitäten stehen bei Lieferanten zur Verfügung? In der Automobilindustrie werden solche Informationen über mehrere Stufen der Lieferkette ausgetauscht und für eine abgestimmte Bedarfs- und Kapazitätsplanung genutzt. Bestellungen, Lieferabrufe, Lieferavise und Track & Trace greifen ineinander. Für militärische Lieferketten ist diese Transparenz besonders wichtig, weil bei einer Störung schnell Alternativen bewertet werden müssen.

Zweitens: verlässliche und aktuelle Daten. Ein Bestand, der im System nicht mit dem tatsächlichen Lagerbestand übereinstimmt, ist für die Planung ebenso problematisch wie ein Wareneingang, der erst Tage nach der Lieferung gebucht wird. Werden unterschiedliche Datenstände parallel geführt, fehlt eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Integrierte Systeme können Bestands-, Transport- und Qualitätsinformationen zusammenführen und über Organisationsgrenzen hinweg verfügbar machen.

Drittens: harmonisierte Prozesse. Just-in-Time und Just-in-Sequence zeigen, wie weit diese Abstimmung in der Automobilbranche reicht. Hersteller, Zulieferer und Logistik müssen Lieferabrufe, Sequenzen, Lieferfenster und Änderungsstände gleich interpretieren. Produktion, Verpackung, Transport und Wareneingang folgen einer gemeinsamen Taktung. Standardisierte Schnittstellen helfen dabei, entscheidend bleibt ein gemeinsames Prozessverständnis.

Viertens: neue Lieferanten und Kapazitäten schnell integrieren. Der notwendige Hochlauf bringt neue Anbieter in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Andere Unternehmen erweitern ihre Produktion oder übernehmen zusätzliche Aufgaben. Etablierte Prozesse, standardisierte Nachrichtenformate und kompatible Systeme reduzieren den Aufwand, neue Partner in ein bestehendes Liefernetzwerk einzubinden. Die Automobilbranche bietet dafür erprobte Standards, etwa für Bestellungen, Lieferabrufe, Lieferavise und Versandinformationen.

Fünftens: Störungen vorbereiten, bevor sie eintreten. Dafür müssen kritische Materialien und Abhängigkeiten bekannt sein, alternative Bezugs- und Transportwege zur Verfügung stehen und Maßnahmen für Engpasssituationen vorbereitet sein. Aktuelle Daten und integrierte Planung helfen dann, Auswirkungen einer Störung zu bewerten und Kapazitäten oder Materialströme neu zu priorisieren. Multi-Routen-Planung, strategische Sicherheitsbestände und Business-Contingency-Programme schaffen die nötigen Ausweichmöglichkeiten.

Wo militärische Logistik anderen Regeln folgt

Die Ansätze der Automobilbranche lassen sich jedoch nicht eins zu eins auf militärische Lieferketten übertragen. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Frage, auf welche Ziele eine Lieferkette optimiert wird. Die Automobilindustrie hat ihre Prozesse stark darauf ausgerichtet, Bestände und Kapitalbindung zu reduzieren. In militärischen Lieferketten haben Sicherheitsbestände dagegen eine strategische Funktion. Auch Redundanzen oder alternative Transportwege können gewollt sein, selbst wenn sie im normalen Betrieb zusätzliche Kosten verursachen.

Auch die Produktionsstrukturen unterscheiden sich. Die Automobilbranche ist stark durch Serienfertigung geprägt, während Teile der Verteidigungsindustrie eher Manufakturcharakter haben. Mit dem steigenden Bedarf an Munition, Drohnen und anderen Systemen gewinnt Serienproduktion allerdings auch dort an Bedeutung. Für die Vernetzung von Lieferketten gelten zudem besondere Rahmenbedingungen: Geheimschutz, Cybersecurity sowie branchenspezifische Zertifizierungen und Regularien. Sie bestimmen mit, wie weit Lieferketten vernetzt, Daten geteilt und Prozesse standardisiert werden können.

Zivile Industrie als Vorbild

Für Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie folgt daraus eine klare Aufgabe: Sie müssen kritische Abhängigkeiten über mehrere Lieferstufen hinweg sichtbar machen, Daten und Systeme integrieren und alternative Bezugsquellen, Transportwege und Kapazitäten frühzeitig einplanen. Dafür bietet die zivile Industrie erprobte Methoden.

Karsten Schmidt ist Senior Consultant bei der abat AG mit Schwerpunkt Aerospace, Defence & Security. Seine beruflichen Stationen reichen von Logistik und Produktionsplanung in der Zulieferindustrie bis zur SAP‑Beratung. Heute begleitet er Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei der Digitalisierung und Weiterentwicklung ihrer Logistik- und Geschäftsprozesse.

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