Sepsis : Wettlauf gegen die Zeit – und gegen Resistenzen
Sepsis ist ein medizinischer Notfall, bei dem jede Stunde zählt. Doch selbst die schnellste Behandlung hilft nur, wenn Antibiotika noch wirken. Peter Beyer von GARDP erläutert im Standpunkt, warum zunehmende Resistenzen die Behandlung von Sepsis erschweren, weshalb neue Antibiotika dringend gebraucht werden – und warum es trotz dieser Entwicklung Grund zur Zuversicht gibt.
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Sepsis, landläufig als Blutvergiftung bekannt, wird häufig als Wettlauf gegen die Zeit beschrieben. Mit jeder Stunde, die bis zur Behandlung vergeht, steigt das Risiko für Organversagen und Tod. Deshalb konzentrieren sich Aufklärungskampagnen in Deutschland zu Recht auf eine zentrale Frage: Wie können wir Sepsis früher erkennen? Denn früher behandeln ist die wirksamste Strategie, um die Sterblichkeit zu verringern.
Das setzt aber voraus, dass die eingesetzten Antibiotika auch wirken. Doch einige der bakteriellen Erreger, die häufig Sepsis verursachen, entwickeln zunehmend Resistenzen.
Was ist eine Sepsis?
Eine Sepsis entsteht, wenn die Erreger die körpereigene Abwehr auf eine Infektion überwinden und diese sich über die Blutbahn ausbreitet und so außer Kontrolle gerät. Unbehandelt ist sie innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich. Weltweit gehört Sepsis zu den häufigsten Todesursachen. In Deutschland erkranken jedes Jahr mindestens 230.000 Menschen an Sepsis, mehr als 85.000 von ihnen sterben daran, mehr als in anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien. Aufklärung und eine bessere Diagnostik helfen dabei, Sepsis früher zu erkennen und Betroffene schneller zu behandeln. Doch zunehmend stoßen diese Bemühungen an ihre Grenzen.
Besonders problematisch ist dies bei den sogenannten gramnegativen Bakterien, die häufig schwere Infektionen verursachen, die zu Sepsis führen. Dazu zählen Klebsiella pneumoniae, Escherichia coli und Acinetobacter baumannii. Diese Erreger sind zunehmend gegen mehrere Antibiotikaklassen resistent, sodass Ärztinnen und Ärzte immer weniger Behandlungsmöglichkeiten haben. Menschen mit Sepsis sind aber darauf angewiesen, dass das erste Antibiotikum sofort wirkt – denn je früher die Behandlung startet, desto besser die Überlebenschancen.
Mehr arzneimittelresistente Infektionen
Besorgniserregend ist, dass sich dieser Trend weiter verschärft. Die Zahl arzneimittelresistenter Infektionen wächst inzwischen schneller, als neue Antibiotika entwickelt werden. Dadurch stehen nicht genügend neue Wirkstoffe zur Verfügung, um den Verlust wirksamer Behandlungsmöglichkeiten durch Resistenzen auszugleichen. Besonders gilt das für die Antibiotika gegen die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) identifizierten multiresistenten Bakterien, die eine besonders große Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen. Da besonders schwer behandelbare gramnegative Infektionen künftig einen immer größeren Anteil dieser Fälle ausmachen dürften, wird auch die Zahl der damit verbundenen Todesfälle voraussichtlich deutlich steigen – Schätzungen zufolge weltweit um 70 Prozent bis 2050.
Deutschland ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Wie viele andere Länder verzeichnet auch Deutschland zunehmende Resistenzen bei einigen dieser Krankheitserreger. Hinzu kommt: Mit einer alternden Bevölkerung und einer wachsenden Zahl von Menschen mit chronischen Erkrankungen steigt auch die Zahl derjenigen, die aufgrund eines geschwächten Immunsystems ein erhöhtes Risiko für eine Sepsis haben.
Was es in Deutschland braucht
Nationale Kampagnen wie „Deutschland erkennt Sepsis“ leisten wichtige Arbeit, um das Bewusstsein für Sepsis zu stärken, so dass mehr Menschen früher behandelt werden. Gleichzeitig müssen wir die zunehmende Verbreitung von Antibiotikaresistenzen und die damit verbundene Gefahr adressieren.
Wenn wir die Zahl der Todesfälle durch Sepsis senken wollen, reicht eine schnelle Behandlung allein nicht aus – sie muss auch wirken. Wir müssen nicht nur in bessere Diagnoseverfahren und Aufklärungskampagnen investieren, sondern auch in die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika.
Die gute Nachricht ist: Das geschieht bereits. Die Global Antibiotic Research & Development Partnership (GARDP), eine internationale gemeinnützige Initiative für die Entwicklung neuer Antibiotika, entwickelt seit zehn Jahren gemeinsam mit öffentlichen und privaten Partnern neue Behandlungsmöglichkeiten gegen multiresistente Erreger, die Sepsis verursachen können. Deutschland unterstützt diese Arbeit von Beginn an tatkräftig. Damit trägt es dazu bei, dringend benötigte Antibiotika voranzubringen und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Zugang zu und Einsatz dieser Medikamente zu fördern. Damit Innovationen mit der Resistenzentwicklung Schritt halten können, sind allerdings deutlich mehr Investitionen und langfristige politische Unterstützung notwendig.
Am Sonntag ist Welt-Sepsis-Tag. Unter dem Motto „In Sepsis investieren – Leben retten“ („Invest in sepsis – save lives“) soll weltweit auf die Bedeutung von Prävention, Früherkennung und Behandlung aufmerksam gemacht werden. Das ist ein wichtiger Aufruf zum Handeln. Er kann nur eingelöst werden, wenn wirksame Behandlungsmöglichkeiten verfügbar bleiben, damit die Früherkennung wirkt und Antibiotika weiter zuverlässig Leben retten.
Dr. Peter Beyer ist stellvertretender Geschäftsführer der Global Antibiotic Research & Development Partnership (GARDP).
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