Wenn KI vor Fehlern warnt : Wie intelligente Plattformen die Patientensicherheit stärken

Ruth Hecker
Ruth Hecker ist Chief Patient Safety Officer an der Universitätsmedizin Essen Foto: Universitätsmedizin Essen

Kliniken sind mit digitalen Sicherheitssystemen ausgestattet, die, ähnlich wie Spurhalte- oder Notbremse-Assistenten, im Auto Risiken erkennen und warnen, bevor Patienten zu Schaden kommen. Diese Vision hat Ruth Hecker von der Universitätsmedizin Essen, wenn sie über Patientensicherheit im Jahr 2035 spricht. Im Standpunkt erklärt sie, wie das aussehen könnte.

von Ruth Hecker, Universitätsmedizin Essen

veröffentlicht am

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In Deutschland sterben laut Schätzungen immer noch 17.000 Menschen pro Jahr aufgrund von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen. Egal, wie sehr wir uns konzentrieren, bemühen und wie viel Expertise wir auch haben: Irren ist menschlich. Das gilt für uns alle und das wird sich nicht ändern. Aber: Wir können Patientensicherheit aktiv gestalten. Bis zu 80 Prozent der Fehler in Kliniken haben eine menschliche Ursache. Viele dieser Fehler sind auf Kommunikations- und Informationslücken zurückzuführen – zum Beispiel, weil etwas nicht vollständig, nicht in der richtigen Form oder nicht an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt dokumentiert oder übermittelt wurde. Schätzungsweise ein Viertel dieser Fehler lässt sich mithilfe von KI vermeiden. Denn KI kann große Datenmengen in Sekundenschnelle auswerten und Hinweise erkennen, die im hektischen Klinikalltag übersehen werden können.

So hat das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin Essen (IKIM) beispielsweise ein KI-Modell entwickelt, das alle Patientenunterlagen nach Hinweisen auf Allergien durchsucht und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte per Chatnachricht warnt. Ist die Allergie nicht im dafür vorgesehenen Feld der elektronischen Patientenakte vermerkt, sondern in einem Arztbrief „versteckt“, erkennt die KI sie dennoch. Für die Zukunft wünsche ich mir nicht nur mehr solcher einzelnen Anwendungen, sondern ein komplettes digitales Assistenzsystem als Sicherheitsnetz, in dem Sicherheit quasi schon mit eingebaut ist.

Patientensicherheit neu gedacht

So wie uns heute schon selbstverständlich Sicherheitssysteme im Auto davor bewahren, zu schnell zu fahren, den Sicherheitsabstand ungewollt zu verringern, die Spur ohne Blinker zu wechseln und vieles mehr, könnte es das in naher Zukunft auch in Kliniken geben. Warum sollten 2035 nicht unsichtbare Safety-Co-Piloten jede Entscheidung im Klinikalltag begleiten – hochintegrierte KI-Systeme, die jeden klinischen Prozess im Hintergrund begleiten, um präventiv vor menschlichen Fehlern zu bewahren?

Der Safety-Co-Pilot auf Station würde auf Basis von Vitaldaten, die kontinuierlich automatisch erfasst werden, und Laborwerten mitdenken und gegebenenfalls alarmieren. Verschlechtert sich ein Wert und deutet sich eine Sepsis oder ein Delir an, registriert die intelligente Umgebung dies früher als heutige Scores. Ein Closed Loop Medication-System sorgt für einen digitalen Medikationsprozess, in dem die Verordnungs-, Prüf-, Abgabe- und Verabreichungsschritte miteinander digital verknüpft sind. Werden unpassende Verordnungen getroffen oder Dosisanpassungen vorgenommen, fragt das System den Menschen: Sind Sie sich sicher? Die Dosierung passt nicht zu den aktuellen Laborwerten oder zum Gewicht des Patienten.

Die manuelle Dokumentation wird im Klinik-Alltag weitgehend überflüssig: KI schreibt sie automatisch mit, gleicht Daten ab und – ganz wichtig – weist sofort auf Abweichungen hin, noch bevor sie klinisch relevant werden. Im OP gleichen autonome Sicherheitssysteme Identität, zu operierende Körperseite, Implantate, Bilder und Vitaldaten in Echtzeit ab.

Unterstützung statt Ersatz

Der Mensch bleibt dabei zentral, wird durch intelligente Systeme aber so unterstützt, dass vermeidbare Fehler gar nicht erst passieren. Risiken werden nicht nur minimiert, sondern aktiv verhindert. Pflege- und Ärzteteams erhalten mehr Handlungssicherheit und werden zugleich entlastet, weil Routineentscheidungen im Hintergrund ablaufen. Sie können sich stattdessen auf komplexe Situationen, die Patientenkommunikation und echte Zuwendung konzentrieren. Das würde zugleich die Attraktivität des Berufsfeldes wieder stärken.

Um diese Zukunft zu ermöglichen, müssen wir heute konsequent in die dafür erforderlichen leistungsfähigen, interoperablen digitalen Infrastrukturen investieren. Selbst dann werden jedoch nicht immer alle relevanten Daten zur richtigen Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar und interpretierbar sein. Health Care Professionals werden digitale Unterstützung brauchen, weil sie dennoch etwas übersehen oder vergessen können. Sie sind schließlich Menschen und ihre Arbeitsbelastung wird angesichts des Fachkräftemangels nicht weniger werden, ganz im Gegenteil.

Technische Grundlagen sind die eine Seite. Genauso braucht es aber auch einen Kulturwandel beim Thema Patientensicherheit. Wenn wir einen Fehler weiterhin als Ausnahme und individuelles Versagen verstehen und als Reaktion darauf nur die Schuldfrage stellen, verschenken wir enormes Potenzial zur Prävention von Fehlern. Wir müssen uns stattdessen fragen, wie wir Fehler verhindern können, insbesondere durch innovative Technik, und zu einem Verständnis von Patientensicherheit als täglichen Prozess gelangen. Genau darin liegt die große Chance von KI und Digitalisierung: Fehler jeden Tag zu verhindern – nicht spektakulär, sondern dezent, unauffällig und selbstverständlich.

Ruth Hecker ist Fachärztin für Anästhesie und Chief Patient Safety Officer an der Universitätsmedizin Essen. Bis November 2025 war sie Vorsitzende des Aktionsbündis Patientensicherheit. Der Welttag der Patientensicherheit – einer der globalen Gesundheitstage der Weltgesundheitsorganisation – findet seit 2019 jährlich am 17. September statt.

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