Standpunkt Adipositas: Neue Therapieangebote notwendig

Noch immer gilt Adipositas hierzulande vor allem als Lebensstilproblem. Dabei gibt es längst genügend Ansätze, wie neue Therapiemöglichkeiten ausgestaltet und umgesetzt werden können. Das Digitale-Versorgung-Gesetz bringt Dynamik in die limitierte Behandlungssituation. Was weiterhin fehlt, sind multimodale Therapiemöglichkeiten.

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Die Verbreitung von Adipositas hat in den vergangenen Jahrzehnten ein pandemisches Ausmaß erreicht: Zwischen 1999 und 2013 hat sich die Anzahl der Menschen mit Adipositas hierzulande verdoppelt. Mittlerweile sind 24 Prozent der Gesamtbevölkerung von Adipositas betroffen – ein Rekordstand. Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 spricht man von Adipositas. 

Das ist nicht nur für das Gesundheitssystem, sondern auch gesamtgesellschaftlich bedenklich: Starkes Übergewicht bringt zahlreiche Folgeerkrankungen mit sich und kostet das Gesundheitssystem jährlich rund 30 Milliarden Euro. Bisher ist es weder gelungen, die Verbreitung von Adipositas zu verringern, noch stehen Medizinern und Betroffenen ausreichend Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Zu allem Überfluss werden Menschen mit Adipositas in unserer Gesellschaft stigmatisiert: Übergewicht wird mit mangelnder Disziplin, geringer Fitness oder Untätigkeit assoziiert. Es besteht ein enormer Therapiebedarf für Menschen mit Adipositas. Doch die Situation für niedergelassene Ärzte, Kliniken und Ernährungsexperten ist seit Jahren unbefriedigend.

Unzureichende Therapieangebote

Adipositas wird hierzulande als „Lebensstilproblem“ gesehen. Gesetzliche Kranken- und Rentenversicherungen sehen sich nicht in der Verantwortung. Es gibt bis heute keine flächendeckende leitlinien- und bedarfsgerechte Versorgung hilfesuchender Betroffener. Seit Jahren beschränkt sich die Therapie auf Empfehlungen zu mehr Bewegung und weniger Energiezufuhr. Dieser Ansatz ist weder langfristig wirksam, noch evidenzbasiert. 

Ambulante Therapien zur Behandlung von Adipositas sind entweder nicht ärztlich verordnungsfähig oder gar nicht als medizinische Leistung im Sozialgesetzbuch definiert. Niedergelassenen Ärzten wie Kliniken bleiben damit nur bloße Ernährungsempfehlungen oder – als letzte Möglichkeit, wenn alle anderen Versuche erfolglos waren – die Verordnung eines chirurgischen Eingriffs. 

Dabei gibt es sehr wohl langfristig wirksame und Patienten-orientierte ambulante Möglichkeiten zur Behandlung. Ein Beispiel sind multimodale Gruppentherapieprogramme, die die Aspekte Ernährung, Bewegung und Verhalten gleichermaßen berücksichtigen und in der Adipositastherapie als Goldstandard gelten. Jedoch sind diese Programme nicht im ärztlichen Leistungskatalog abgebildet. Die Folge: Patienten müssen die hohen Kosten zunächst selbst tragen und können dann nur auf eine potentielle Erstattung durch die Krankenkasse hoffen. Ein Zustand, der so nicht länger haltbar ist. 

Neue Ansätze sind dringend notwendig

Um diese für Ärzte wie Patienten gleichermaßen höchst unbefriedigende Situation zu ändern, bedarf es neuer Ansätze: Zum einen braucht es neue Regelungen in der vertragsärztlichen Versorgung sowie einen sektorenübergreifenden Ausbau der Versorgungsstrukturen. Zum anderen müssen die Potenziale digitaler Innovationen endlich in den Blick rücken. 

Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) bringt wichtige Impulse in den Markt. Es sieht vor, dass Apps und andere digitale Anwendungen künftig ärztlich verordnet werden können und somit für jeden Patienten leicht zugänglich sind. Studien haben bereits das Potenzial digitaler Produkte mit einem multimodalen Therapieansatz nachgewiesen.

Selbstverständlich kann die Behandlung mittels digitaler Produkte weder die alleinige Lösung sein, noch ist sie für jeden Patienten gleichermaßen geeignet. Doch sie bietet enorme Chancen: Zum Beispiel wenn persönliches Gespräch und digitales Programm per App oder Browser-Lösung kombiniert werden und Patienten unmittelbar im Alltag unterstützen. Auch ein datenbasiertes, digitales Behandlungsprogramm eröffnet neue Möglichkeiten einer integrierten Stepped-Care-Lösung: Auf Basis automatisierter Datenverarbeitung ließe sich der Ablauf und Fortschritt eines Programms individuell am Bedarf eines Patienten orientieren. 

Hohe Kosten, Rückschläge und Frustration

Der aktuelle Stand des DVG schränkt die Möglichkeiten der Adipositas-Therapie durch digitale Programme zu sehr ein: Bisher ist darin keine übergreifende Zusammenarbeit, beispielsweise zwischen Medizinern und Ernährungswissenschaftlern, vorgesehen. Diese bräuchte es, um Betroffenen eine leicht zugängliche, multimodale Therapie mit langfristiger Wirksamkeit zu bieten. Immerhin aber bringt das Gesetz eine neue Dynamik in die so limitierte Behandlungssituation für Menschen mit Adipositas. Diese gilt es jetzt zu nutzen. 

Blickt man auf die aktuelle Situation der Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Adipositas bleibt nur ein Fazit: Das System der Versorgung versagt auf allen Ebenen. Patienten werden in Ermangelung von Therapieoptionen mit nicht evidenzbasierten „Lifestyle“-Behandlungen alleingelassen. Das bedeutet für Betroffene hohe Kosten, vor allem aber Rückschläge und Frustration. Mediziner und Ernährungsexperten können im aktuellen System auf keine ausreichenden Unterstützungsangebote für ihre Patienten zugreifen. Die Folge sind Millionen Menschen, die unnötig unter dieser Erkrankung leiden! Zu allem Überfluss werden sie nicht nur mit ihrem Leid allein gelassen, sondern zusätzlich von der Gesellschaft stigmatisiert. Es ist an der Zeit, dieses Problem gesamtgesellschaftlich, allen voran aber in der Gesundheitsversorgung, ernst zu nehmen: Es müssen Lösungen entwickelt, statt Probleme verschoben und individualisiert werden. Neue Therapieoptionen müssen diskutiert, geprüft und erschlossen werden – ambulante, stationäre sowie digitale. An Möglichkeiten und Ansätzen mangelt es schließlich nicht.

Nora Mehl ist Gründerin und Geschäftsführerin des digitalmedizinischen Unternehmen aidhere GmbH. Matthias Blüher ist Direktor des Helmholtz-Instituts für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung.

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