Adipositas-Therapie in Deutschland : Ein gesundheitspolitisches Versäumnis
Sogenannte Fettleibigkeit ist nicht bloß ein Lifestyle-Problem, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung – und eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Das betont Jürgen Ordemann, Chefarzt des Berliner Adipositas-Zentrums. Dass Betroffene hierzulande nach wie vor keinen systematischen Zugang zu modernen, evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten erhalten, bezeichnet er als unterlassene Hilfeleistung.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Adipositas ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit – und dennoch eine der am meisten unterschätzten. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ist übergewichtig, rund ein Viertel lebt mit Adipositas. Für die Betroffenen bedeutet das nicht nur Einschränkungen im Alltag, sondern auch ein massiv erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen: Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten, Lebererkrankungen und eine deutlich verkürzte Lebenserwartung.
Doch Adipositas ist nicht nur ein individuelles Schicksal. Die Krankheit hat längst eine gesellschaftliche Dimension: Sie führt zu hohen Krankheitslasten, vermindert Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität und belastet Familien wie auch die gesamte Gesellschaft. Diese Auswirkungen schlagen sich auch in Zahlen nieder: Jährlich entstehen durch Adipositas und ihre Folgeerkrankungen in Deutschland direkte und indirekte Kosten schätzungsweise 63 Milliarden Euro – Tendenz steigend.
Bloßer Wille zur Gewichtsreduktion reicht nicht
Die wissenschaftliche Grundlage ist eindeutig: Adipositas ist als chronische Erkrankung anerkannt. Ihre Entstehung beruht auf dem Zusammenwirken genetischer Veranlagung und einer adipogenen Umwelt, die durch Überangebot hochkalorischer Nahrung, Bewegungsmangel und gesellschaftliche Strukturen geprägt ist. Daraus entwickelt sich eine komplexe Stoffwechselstörung mit tiefgreifenden neuroendokrinen und neurophysiologischen Veränderungen. Ist die Erkrankung einmal fortgeschritten, reicht der bloße Wille zur Gewichtsreduktion nicht mehr aus – Adipositas hat sich verselbstständigt und erfordert eine medizinisch gestützte Behandlung. Die gute Nachricht ist: Es stehen heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung – konservativ, medikamentös und chirurgisch!
Dieses komplexe Wissen ist den medizinischen Fachgesellschaften schon lange bekannt, jedoch bei vielen Ärztinnen und Ärzten noch nicht angekommen. Auch Krankenkassen und vor allem die politischen Entscheidungsträger scheinen sich dieses Wissen bislang nicht in der notwendigen Konsequenz angeeignet zu haben. Das ist ein Riesenproblem, denn fehlendes Wissen und fehlendes Anerkennen der wissenschaftlichen Evidenz verhindern konsequente Therapien. Darüber hinaus besteht der Eindruck, dass man sich diesem Wissen bewusst entzieht, um die daraus entstehenden Konsequenzen für die Therapie von Patientinnen und Patienten mit Adipositas nicht ziehen zu müssen. So bleibt alles beim Alten, notwendige Veränderungen werden blockiert und eine adäquate Therapie verhindert.
Drei Säulen der Behandlung
Als Adipositas-Chirurg mit über 20 Jahren Erfahrung sehe ich täglich die enorme Krankheitslast dieser Menschen. Ich sehe die Verzweiflung meiner Patientinnen und Patienten, die trotz schwerster Erkrankung oft keine Therapie erhalten. Ich sehe die Stigmatisierung, der sie im Alltag und im Gesundheitssystem ausgesetzt sind. Und ich sehe auch die Stigmatisierung der Therapie selbst: Während wirksame Operationen, moderne Medikamente oder strukturierte Programme längst etabliert und evidenzbasiert sind, werden sie in Deutschland immer noch blockiert, verzögert oder gar verweigert. Dabei gibt es heute drei klar belegte Säulen der Behandlung:
- Konservative Therapie: Ernährungstherapie, Bewegungstherapie, Verhaltenstherapie, psychologische Begleitung. Sie sind wichtige Grundpfeiler, stoßen bei fortgeschrittener Adipositas aber häufig an ihre Grenzen.
- Medikamentöse Therapie: Die Einführung der GLP-1-Rezeptoragonisten ist ein echter Game-Changer. Diese Medikamente führen nicht nur zu einer substantiellen und nachhaltigen Gewichtsreduktion, sondern auch zu einer signifikanten Verbesserung der Folgeerkrankungen von Adipositas. Wir wissen, dass sie wirken, und wir verstehen ihre Mechanismen – nicht zuletzt, weil die Adipositaschirurgie bereits entscheidende Einblicke in die hormonellen und metabolischen Steuerungsprozesse geliefert hat. Dennoch werden diese Medikamente in Deutschland kaum erstattet, obwohl sie die Behandlungsmöglichkeiten revolutionieren.
- Chirurgische Therapie: Bariatrische und metabolische Operationen sind die effektivste Behandlung schwerer Adipositas. Sie führen nicht nur zu einer dauerhaften Gewichtsreduktion, sondern auch zu einer deutlichen Verbesserung oder sogar Remission von Begleiterkrankungen wie Diabetes. Die Evidenz für den Erfolg dieser Eingriffe ist überwältigend – und dennoch müssen Patientinnen und Patienten diese Operationen in oft demütigenden Verfahren bei den Krankenkassen beantragen.
„Lifestyle-Paragraf“ muss verschwinden
Alle drei Säulen sind wissenschaftlich abgesichert, alle drei sind wirksam – und doch werden sie in Deutschland nicht systematisch angeboten. Das bedeutet nichts anderes, als dass Betroffenen die bestmögliche Behandlung vorenthalten wird.
Die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger berufen sich nach wie vor auf den sogenannten „Lifestyle-Paragrafen“ (§ 34 SGB V). Er dient ihnen als Vorwand, um notwendige gesetzliche Entscheidungen hinauszuzögern. Faktisch verhindert er, dass Patientinnen und Patienten mit Adipositas Zugang zu moderner medikamentöser Therapie erhalten – weil die Krankheit noch immer als selbstverschuldetes Lifestyle-Problem eingestuft wird. Dieser Paragraph darf nicht länger als Ausrede genutzt werden, um Menschen eine adäquate Therapie vorzuenthalten. Im Hinblick auf die Adipositas-Therapie gehört er abgeschafft.
Auch beim Disease-Management-Programm (DMP) Adipositas gilt: Die Vorschläge sind gut, aber sie müssen auch gelebt werden. Das Programm ist politisch beschlossen – doch solange es nicht konsequent in Praxen und Kliniken umgesetzt wird, bleibt es ein bürokratischer Rahmen ohne Wirkung. Es darf nicht erneut passieren, dass ein sinnvolles Konzept zu einem Papiertiger verkommt. Das DMP-Adipositas kann die Versorgung verbessern – aber nur dann, wenn es in der Praxis tatsächlich mit Leben gefüllt wird. Hier sind die politischen Entscheidungsträger direkt gefordert. Sie wissen längst, dass Adipositas keine Lifestyle-Frage ist. Wer heute noch so argumentiert, ignoriert die Fakten.
„Wissentlich unzureichend behandelt“
Jede Verzögerung, jedes Festhalten an diesem veralteten Denken trägt dazu bei, dass Patientinnen und Patienten keine Chance auf eine wirksame Therapie erhalten. Untätigkeit in diesem Bereich bedeutet, dass man eine chronische, tödliche Erkrankung wissentlich weiter unzureichend behandelt.
Wir verfügen längst über das Wissen, die wissenschaftliche Evidenz und die therapeutischen Möglichkeiten, um Adipositas wirksam zu behandeln. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung in der Versorgung. Solange Medikamente nicht erstattet, Operationen behindert und Programme nicht gelebt werden, bleiben Patientinnen und Patienten ohne Hilfe. Wer diese Realität ignoriert, akzeptiert bewusst vermeidbares Leid und vermeidbare Todesfälle. Die Verantwortlichen in Politik und Krankenkassen wissen um diese Fakten – und sie tragen die Verantwortung dafür, dass notwendige Veränderungen bisher nicht umgesetzt werden.
Angesichts dieser Situation sollten sie sich die Frage stellen, ob Untätigkeit noch zu rechtfertigen ist. Denn Nichtstun bedeutet, Menschen eine wirksame Behandlung vorzuenthalten. Adipositas-Patientinnen und -Patienten brauchen jetzt Zugang zu moderner, evidenzbasierter Medizin – alles andere ist ein gesundheitspolitisches Versäumnis, das man als unterlassene Hilfeleistung bezeichnen muss.
Prof. Dr. Jürgen Ordemann ist Chefarzt des Berliner Adipositas-Zentrums am Vivantes Klinikum Spandau.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden