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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Komplex und störungsanfällig

Andreas Meißner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Sprecher des Bündnisses für Datenschutz und Schweigepflicht (BfDS).
Andreas Meißner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Sprecher des Bündnisses für Datenschutz und Schweigepflicht (BfDS). Foto: Mirko Milovanovic

Was würde im deutschen Gesundheitswesen bei Ausfällen wie bei Facebook passieren? Andreas Meißner, Facharzt und Sprecher des Bündnisses für Datenschutz und Schweigepflicht, kritisiert in seinem Standpunkt, dass die auf die Telematik-Infrastruktur aufgesetzten digitalen Anwendungen schon ohne Krisenfall nicht wie geplant funktionieren.

von Andreas Meißner

veröffentlicht am 12.10.2021

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Der Blackout bei Facebook, Instagram und Whatsapp hat viele Menschen aufgeschreckt. Auch wenn die Systeme den weltweit über drei Milliarden Nutzern nur für einige Stunden nicht zur Verfügung standen, hat der Ausfall die Anfälligkeit komplexer Systeme, aber auch die Abhängigkeit von Spezialisten deutlich gemacht. Kritische Infrastruktur hierzulande war in diesem Fall nicht betroffen. Was aber, wenn auch in Deutschland wichtige internetabhängige Dienste in die Knie gehen?

Dass dies längst immer wieder passiert, ist der Öffentlichkeit bisher weitgehend verborgen geblieben. So gab es in der Telematikinfrastruktur, einem Datennetz im Gesundheitswesen zur besseren Kommunikation zwischen Praxen, Apotheken und Krankenhäusern, im vergangenen Jahr über acht Wochen einen Ausfall, von dem über 80.000 angeschlossene Ärzte und Psychotherapeuten betroffen waren. Da zu diesem Zeitpunkt noch kaum Anwendungen über dieses System liefen, war zum Glück nur der Online-Abgleich der Versichertendaten zwischen Praxen und Krankenkassen dadurch blockiert. Doch auch in den letzten Wochen gab es 16 Störungen, deren Behebung laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) im Schnitt siebeneinhalb Stunden gedauert hat. Das verheißt wenig Gutes für die jetzt eingeführte elektronische Krankschreibung sowie das E-Rezept.

Es ruckelt jetzt schon gewaltig

Seit wenigen Tagen wird die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) von Ärzten aus der Praxis online an die Krankenkassen geschickt, im Januar folgt das für alle Beteiligten verpflichtende E-Rezept. Schon jetzt ruckelt es bei der elektronischen AU-Bescheinigung (e-AU) gewaltig. Vor wenigen Wochen waren nur sieben Krankenkassen überhaupt in der Lage, die e-AU zu empfangen. Kurz vor dem Start jubelte die gematik, die Betreibergesellschaft der Telematikinfrastruktur, alle Kassen seien nun bereit. Doch mit Start der e-AU nun im vierten Quartal zeigte sich ein einziges Chaos. So ergab eine aktuelle Umfrage der KBV bei 569 Praxen einen erfolgreichen elektronischen Versand der Krankmeldung bei nur 28 Praxen.

Es sei wohl bei einzelnen Krankenkassen wie der Techniker in mehr als der Hälfte gelungen, andere Kassen seien jedoch gar nicht oder nur teilweise erreichbar gewesen, so die KBV. Teilweise habe es eine halbe Stunde gedauert, bis Praxen die Versandbestätigung bekommen hätten. In einigen Fällen sei nach zunächst übermittelter Eingangsbestätigung zu einem späteren Zeitpunkt doch noch eine Fehlermeldung aufgetreten, mit der Konsequenz des Versands der üblichen AU-Bescheinigung per Post. Dies ist auch bis Ende des Jahres als Übergangslösung weiter möglich, dann aber wird die e-AU zur ausschließlichen Pflicht.

Das gilt auch für das E-Rezept. Hier musste jetzt der ebenso für Oktober geplante Start verschoben werden, nachdem ein Testlauf in wenigen Praxen und Apotheken Brandenburgs Beteiligten zufolge ein einziger Flop gewesen ist. So hat dem Vernehmen nach kein einziges echtes E-Rezept den kompletten Zyklus von Ausstellung bis Abrechnung durchlaufen. Auch hat beispielsweise ein Ausdruck eines E-Rezeptes mit Angaben zu den verordneten Medikamenten sowie einem QR-Code teilweise 50 Sekunden benötigt – viel zu lange für den Praxisalltag. Eigentlich soll das E-Rezept zwar dem Patienten direkt auf das Smartphone geschickt werden. Ausdrucke wie beschrieben werden jedoch für die gut 20 Prozent deutscher Bürger nötig sein, die kein solches Endgerät haben oder es nicht für derart sensible Daten nutzen wollen.

Derweil kämpfen Praxen, die bisher ebenso aus Datenschutzgründen noch nicht an das Datennetz angeschlossen waren, dies aber nun unter dem Sanktionsdruck eines Honorarabzugs doch noch vollziehen wollen, mit nicht lieferbaren Geräten oder völlig überforderten Technikern, die das neue System auch nach Tagen nicht zum Laufen bringen.

Bewährte Abläufe werden Alltagsbremser

Typisch deutsch – wieder einmal hinten dran und unfähig bei der Digitalisierung, könnte man nun sagen. Die Beispiele zeigen jedoch, wie Digitalisierung ihren eigenen Zielen leicht zuwiderlaufen kann, indem Abläufe nicht effizienter und schneller werden, sondern bewährte praktische Abläufe nun mit hoher Komplexität und Störanfälligkeit zu Alltagsbremsern werden. Zudem entstehen Abhängigkeiten von einzelnen Großkonzernen durch die Neuerungen im Gesundheitswesen auch hierzulande. So werden die Daten für die elektronische Patientenakte, die seit Januar von den Krankenkassen ihren Versicherten angeboten werden muss, zentral auf Servern von Firmen wie IBM gespeichert.

IBM allein hat die e-Akte, die auch über die Telematikinfrastruktur betrieben wird, für fünf Krankenkassen mit 23 Millionen Versicherten entwickelt. Störungen, wie sie jetzt bei den Zuckerberg-Medien aufgetreten sind, könnten daher zukünftig das deutsche Gesundheitswesen erheblich ins Wanken bringen, wenn dann etwa wichtige Gesundheitsdaten nicht einsehbar sind und nicht wie sonst über eine Million Rezepte sowie über 200.000 Krankmeldungen pro Tag ausgestellt werden können. Es wird gut sein, dann noch über die bisher bewährten analogen Wege mit Papier, Nadeldrucker und Briefumschlag verfügen zu können.

Dr. Andreas Meißner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in München und Sprecher des Bündnisses für Datenschutz und Schweigepflicht (BfDS).

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