Rehakliniken zwischen Leerstand und Überlastung

Zu Beginn der Pandemie hatten Rehakliniken durch abgesagte Operationen mit sinkenden Patient:innenzahlen zu kämpfen. Doch auch wenn die Zahl der OPs noch immer nicht das Niveau vor Corona erreicht hat, steigt die Belegung aktuell wieder an. Der Grund: Immer mehr Post-Covid-Patient:innen benötigen eine Reha.

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Für Mark Förste glichen die letzten zwölf Monate einer Achterbahnfahrt. Der Geschäftsführer der Rehabilitationsklinik Bad Sulza in Thüringen musste in dieser Zeit einen nahezu vollständigen Leerstand seiner Einrichtung verwalten – zwischenzeitlich seien über Wochen nur 12 der 190 Betten belegt gewesen. Wenige Monate später erlebt er, zumindest in der pneumologischen Abteilung, eine Belegung am Rande der Kapazitätsgrenze. Förste nutzt die immer noch etwas geringere Nachfrage in der orthopädischen Abteilung, um die hohe Auslastung abzufedern.

Der Grund für das Auf und Ab ist in beiden Fällen der gleiche: die Corona-Pandemie, die jeweils mit Verzögerung auch die Rehakliniken in Deutschland trifft und teilweise in den Ausnahmezustand versetzt.

Reha-Anträge gingen im vergangen Jahr zurück

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) gibt an, dass sich die Anzahl der Anträge auf medizinische Rehabilitationen im Vergleich zum Vorjahr um 14,2 Prozent auf rund 1,4 Millionen Anträge verringert hat. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Bewilligungen. „2020 ergibt sich ein Rückgang der Bewilligungen im Bereich der medizinischen Rehabilitation um 11,5 Prozent auf rund eine Millionen Bewilligungen“, schreibt die DRV.

Für Mark Förste in Bad Sulza bedeuteten diese Zahlen, dass er seine Klinik im Frühsommer 2020 fast vollständig runterfahren musste. Er schickte seine Beschäftigten in Kurzarbeit. „Die Menschen waren verunsichert. Viele haben ihre Reha abgebrochen oder gar nicht angetreten“, sagt Förste. Dazu sei gekommen, dass Anschlussheilbehandlungen infolge eines Klinikaufenthalts weitgehend ausgeblieben sind, da kaum noch elektive, also planbare OPs, durchgeführt wurden.

Mittlerweile habe sich die Lage etwas normalisiert, auch weil Förste schon vor der Corona-Pandemie die Potenziale digitaler Therapien erkannte. Krankengymnastik, Entspannungsübungen oder Informationsangebote wurden teilweise virtuell angeboten. In der Pandemie habe man dieses Angebot ausgebaut.

DEGEMED kritisiert unzureichende finanzielle Unterstützung

Nichtsdestotrotz war das vergangene Jahr ein schwieriges, nicht nur für Förste, sondern für alle Reha-Kliniken. „Die Pandemie setzt die gesamte Reha-Branche wirtschaftlich stark unter Stress“, erklärt Cristof Lawall, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED), dem Tagesspiegel Background. Die Lage der Reha-Kliniken sei nach einem Jahr Pandemie unsicherer geworden.

„Die Anpassungen der Versorgung an die Bedingungen der Pandemie und die Vorgaben der Gesundheitsämter und Kostenträger sind außerdem sehr aufwendig und wurden erst sehr spät und in der Summe zu niedrig durch Zuschläge vergütet.“ Zwar habe der Gesetzgeber auf diesen Missstand reagiert und die Anpassung der Vergütungsverträge mit den Krankenkassen an die neue Situation ermöglicht. „Die Krankenkassen verweigern aber individuelle Verhandlungen und wollen lieber weiter an pauschalen Zuschlägen festhalten“, kritisiert Lawall. „Die sind aber meist zu niedrig.“

Auch Förste betont, dass die Ausfälle „wirtschaftlich spürbar“ waren. Dennoch lobt er insbesondere das Krankenhausentlastungsgesetz, das schnelle Hilfe gewährleistet habe. Schwieriger zu beziffern sei der prozessuale Mehraufwand durch die Coronapandemie, strengere Hygieneforschriften, Entzerrung der Therapiepläne und Abläufe. All das koste am Ende Geld.

Long Covid sorgt für steigende Anfragen

Und es türmt sich bereits die nächste Herausforderung für die Rehakliniken auf. Mehrere Häuser berichten von steigender Nachfrage, insbesondere von Post-Covid-Patient:innen. Auch die DEGEMED berichtet, dass sich derzeit zahlreiche Post-Covid-Patienten in den Rehakliniken befänden, Tendenz steigend.

Noch ist die Datenlage zum Phänomen „Long Covid“ – also langanhaltende Krankheitssymptome nach einer überstandenen Corona-Infektion – nicht ausreichend, um fundierte Aussagen zu treffen. „Schätzungen zufolge haben etwa zehn Prozent mit Langzeitfolgen zu kämpfen, die unter den Bezeichnungen Post-Covid-Syndrom oder Long-Covid bekannt sind“, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie.

Die Symptome variieren dabei stark nach Art und Schweregrad. Beispiele sind anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, Herzprobleme, Konzentrationsschwäche sowie Luftnot. Reha-Kliniken wie die von Mark Förste setzen daher auf interdisziplinäre Therapieangebote, in dessen Zentrum zumeist eine Atemtherapie steht.

Lawall warnt vor „versorgungsstrukturellen Problem“

Jedoch haben nur etwa fünf Prozent der rund 1000 Rehakliniken auch eine pneumologische Abteilung. DEGEMED-Chef Lawall warnt daher vor einem „versorgungsstrukturellen Problem“ und fordert den Arzt-Patienten-Schlüssel in Reha-Einrichtungen zu ändern, um mehr Patient:innen aufnehmen zu können. Genaue Daten zur Nachfrage der Rehamaßnahmen im Kontext von Long Covid gibt es allerdings noch nicht. Zwar rechnet auch die DRV mit einem Anstieg der Rehabilitationen insbesondere im Bereich der pneumologischen Erkrankungen. Erste Zahlen dazu würde aber frühestens Mitte des Jahres vorliegen.

Mark Förste von der Rehaklinik in Bad Sulza rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Nachfrage. „Diese Pandemie wird uns noch lange beschäftigen, auch wenn hoffentlich bald die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist“, sagt er.

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