Standpunkt Solidarität mit den Alten

Elmar Stracke forscht an der Universität Bayreuth zur Ethik des Alters und des Rentensystems. Er analysiert, warum man überhaupt darüber diskutiert, im Falle einer Verknappung von Krankenhausbetten jüngere Menschen zu bevorzugen.

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In Zeiten von Corona will niemand alt sein. Das Risiko schwere Symptome zu entwickeln oder sogar an der Krankheit zu sterben, wächst mit den Lebensjahren statistisch stark an. Wenn sich daher Regierung und Gesellschaft vor allem um die betagten Mitmenschen sorgen, dann nicht, weil sie alt sind, sondern weil sie besonders schutzbedürftig sind. Dass aber ausgerechnet die Alten die hauptsächliche Risikogruppe bilden, ermöglicht und verlangt außergewöhnliche politische und moralphilosophische Erwägungen.  

Auf der einen Seite mehren sich derzeit die ernst gemeinten Diskussionen darüber, ob man bei einer Verknappung der Krankenhausbetten nicht jüngere Menschen bevorzugen sollte. Undenkbar wäre heutzutage hingegen, dass jemand vorschlagen würde, Behandlungsplätze im Zweifel Männern statt Frauen zuzuteilen. Auf der anderen Seite betont die gelebte Solidarität mit älteren Menschen, dass ihre Leben gleichermaßen wertvoll sind. Dafür, dass das Corona-Schicksal sie so hart trifft, können sie nichts. Von solch einer Mobilisierung von Mitgefühl können andere Gruppen von Menschen, die unverschuldet in Not geraten, nur träumen. Was macht das Alter also so besonders? 

Zunächst einmal altern wir alle unaufhaltsam und in dieselbe Richtung. Jedem hohen Alter geht eine Jugend voraus. Auch altern wir zumindest kalendarisch alle gleichermaßen schnell. Wenn junge Leute benachteiligt werden, dann trifft das früher oder später alle Menschen gleichermaßen und das auch nur während ihrer Jugend. Wenn aber Frauen benachteiligt werden, dann trifft es immer denselben Teil der Bevölkerung und das ein Leben lang. Menschen je nach ihrem Lebensalter anders zu behandeln, kann daher nicht nur effizient sein, weil es den Bedürfnissen der Lebenslage besser entspricht. Es kann auch gerecht sein, weil auf ihre Lebenszeit trotzdem alle gleich behandelt werden.  

Keiner darf zu einem Bürger zweiter Klasse werden

Diese Dynamik des Alters führt sogar dazu, dass es rational, fair und egalitär sein kann, junge Menschen gegenüber alten Menschen – zum Beispiel in der Gesundheitsversorgung – zu bevorzugen. Stellen wir uns vor, dass wir unsere Ressourcen, also zum Beispiel Status, Fähigkeiten, Geld oder Gesundheit, frei auf unsere bevorstehenden Lebensjahre verteilen dürfen. Wir würden wohl kaum das meiste für einen hundertsten Geburtstag aufheben, den wir vielleicht gar nicht mehr erleben. Die unklare Lebenserwartung sorgt dafür, dass wir im Eigeninteresse gesellschaftliche Ressourcen tendenziell eher früher als später im Leben platzieren.

Diese Verteilung ist also rational. Auch hat niemand einen Grund zur Beschwerde, weil niemand benachteiligt wird. Alle Menschen, die alt werden, haben bereits von den jungen, privilegierten Lebensaltern profitieren können. Die Verteilung ist also fair. Aber egalitär? Ganz besonders sogar! Denn nicht jeder Mensch, der jung ist, wird einmal alt sein. Wenn möglichst viele Menschen eines Jahrgangs von gemeinschaftlichen Gütern profitieren sollen, dürfen sie nicht erst ausgezahlt werden, wenn die meisten nicht mehr leben. Darauf aufbauend wird angesichts begrenzter Ressourcen sogar eine Art „faire Lebenszeit“ diskutiert: Jeder Mensch hat Anspruch auf beispielsweise 70 Lebensjahre. Alles darüber hinaus ist Luxus und hat keine Priorität. Effizient, rational und fair. 

Doch dieses Bild ist unvollständig, weil mindestens drei gravierende Überlegungen fehlen. Erstens ist Gleichheit nicht nur die Gleichheit von Ressourcen oder Chancen im Laufe eines Lebens. Die in der Menschenwürde verankerte Lesart von Gleichheit ist vielmehr, dass sich alle Menschen sinnbildlich „auf Augenhöhe“ begegnen zu können – und zwar zu jedem Zeitpunkt. Niemand darf auch nur vorübergehend zu einem Bürger zweiter Klasse werden. Genau dazu führt es aber, wenn wir jemanden in einer Notsituation sich selbst überlassen oder gar aufgeben. 

Regelungen für Ältere werden uns später auch betreffen

Zweitens sind ältere Menschen deswegen die größte Risikogruppe, weil im Alter Vorerkrankungen zunehmen und die Gesundheit prinzipiell schlechter ist. Das aber ist nur teilweise natürlich oder unabwendbar. Wenn beispielsweise medizinisches Personal körperliche Beeinträchtigungen entwickelt, weil es über Jahrzehnte an der Belastungsgrenze gearbeitet hat, sind wir als Gesellschaft an ihrem Gesundheitszustand nicht ganz unschuldig. Auch sind die Einbußen an Lebensqualität, die sich für die alten Menschen aus ihrer schlechten Gesundheit ergeben, weder natürlich noch unabwendbar. Wenn unsere Umwelt nicht auf junge, gesunde Menschen zugeschnitten wäre, sondern eine durchschnittliche 80-jährige Person die Norm wäre, so hätten wir längere Ampelphasen, weniger Treppen sowie größere Schrift im öffentlichen Raum – und wahrscheinlich auch mehr Beatmungsgeräte.  

Der dritte Grund ist auch eine Ursache dafür, dass Solidarität mit alten Menschen derzeit so vielfältig und deutlich gelebt wird: Die Altersgruppen der Gesellschaft haben ihre Entsprechung in den Lebensaltern des Individuums. Die Regeln, die wir für fremde Alte aufstellen, werden früher oder später auch unser eigenes gealtertes Ich betreffen. Wenn wir alt werden wollen, müssen wir auch damit rechnen, eines Tages alt zu sein. Solidarität mit den Alten ist letztlich auch Solidarität mit sich selbst. Daher sollten wir auch in der Krise nicht vergessen: Effizienz, Rationalität und selbst Fairness führen nicht automatisch zu einer guten und gerechten Behandlung. Sie helfen aber auf dem Weg dorthin. 

Elmar Stracke forscht an der Universität Bayreuth zur Ethik des Alters und des Rentensystems. An der Schnittstelle von Politik, Soziologie und Philosophie geht er einer grundsätzlichen Frage auf den Grund: Was wollen wir mit Blick auf die ältere Generation eigentlich erreichen?

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