Für ein resilientes Gesundheitswesen : Eine Nachhaltigkeitsstrategie ist kein Zusatzprogramm für gute Zeiten
Nachhaltigkeit ist kein „Nice to have“. Sie entscheidet darüber, ob Qualität, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit im Gesundheitssystem langfristig gesichert sind. Unsere Gastautorinnen plädieren daher für eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie im Gesundheitswesen.
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Steigende Ausgaben in der GKV, Fachkräftemangel, Lieferengpässe und die Krisenanfälligkeit der Infrastruktur werden derzeit hoch und runter diskutiert. Eine Frage, die eigentlich ganz oben auf der Tagesordnung stehen sollte, aber immer wieder zu kurz kommt, ist die ökologische Nachhaltigkeit und Klimaresilienz des Gesundheitssystems.
Das ist umso bemerkenswerter, da sie die wichtigste Voraussetzung für Versorgungssicherheit, finanzielle Tragfähigkeit und Gesundheitsschutz sind. Ein breites Bündnis von Krankenkassen über Pharmaindustrie bis hin zur Zivilgesellschaft stößt nun in einem Eckpunktepapier ein strategisches Vorgehen an.
Größter Hebel: ressourcenschonende Gestaltung von Versorgungspfaden
Der Handlungsdruck wird immer größer. Deutschland will in 19 Jahren klimaneutral sein. Dieses Ziel kann jedoch ohne den Gesundheitssektor schlichtweg nicht erreicht werden. Laut eines vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Forschungsberichts des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung verursachte das deutsche Gesundheitswesen im Jahr 2019 rund 68 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente und damit etwa sechs Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen.
Dabei entstehen 90 Prozent dieser Emissionen nicht unmittelbar in den Einrichtungen selbst, sondern indirekt über Strom, Wärme und vor allem über Vorleistungs- und Lieferketten. Zugleich zeigt sich aber auch, dass die Emissionen des Gesundheitswesens bislang nicht im erforderlichen Maße gesunken sind. Zwischen 2008 und 2019 stiegen sie sogar an.
Gebäudetechnik, Energiemanagement, Beschaffung, Abfallvermeidung und viele weitere Einzelmaßnahmen sind wichtige und notwendige Bausteine für eine nachhaltige Transformation des Gesundheitswesens. Sie allein werden jedoch nicht genügen. Dafür muss auch die Versorgung selbst in den Blick genommen werden, das heißt die Frage, welche Leistungen in welchem Umfang, an welchem Ort, mit welchen Produkten und in welchen Prozessen erbracht werden.
Der Hebel liegt also nicht allein in einer „grüneren“ Infrastruktur, sondern in einer intelligenten, qualitätsorientierten und ressourcenschonenden Gestaltung von Versorgungspfaden. Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung bedeutet selbstverständlich keine mindere Versorgungsqualität – im Gegenteil: Weniger Über-, Unter- und Fehlversorgung durch bessere Steuerung, klügere Allokation und konsequente Orientierung am gesundheitlichen Nutzen kommt auch den Patientinnen und Patienten zugute.
Die nachhaltigste Behandlung ist die, die es nicht braucht
Unerlässlich für ein nachhaltigeres Gesundheitswesen ist die Vermeidung von Krankheitslast. Denn die nachhaltigste Behandlung ist schließlich die, die gar nicht erst notwendig wird. Prävention, Gesundheitsförderung und frühe Intervention sind deshalb nicht nur aus gesundheitspolitischer Sicht sinnvoll, sondern auch aus ökologischer und ökonomischer Perspektive geboten.
Wer (Folge-)Erkrankungen verhindert, Krankheitsverläufe abmildert und die Versorgung konsequent am tatsächlichen Bedarf ausrichtet, stärkt die Gesundheit, entlastet Fachkräfte, senkt den Ressourcenverbrauch und erhöht die langfristige Stabilität des Systems.
Hinzu kommt, dass die Gesundheit nur zu einem geringen Teil vom Gesundheitswesen beeinflusst wird. Eine gesunde Ernährung, aktive Mobilität, hitzerobuste und schadstoffarme Lebensumwelten, sozial gerechte Prävention sowie ein wirksamer Schutz vor umweltbedingten Gesundheitsrisiken beeinflussen die Morbidität und den Versorgungsbedarf weitaus stärker als spätere therapeutische Interventionen.
Eine Nachhaltigkeitsstrategie für das Gesundheitswesen muss deshalb zwingend mit einem „Health in All Policies“-Ansatz verknüpft werden. Sie muss die Verbindung zu Kommunen, zum öffentlichen Gesundheitsdienst, zur Umwelt-, Verkehrs-, Ernährungs- und Sozialpolitik sowie zu einer modernen Präventionspolitik herstellen, die Klima- und Umweltfaktoren als Gesundheitsdeterminanten systematisch einbezieht.
Bündnis für Nachhaltigkeitsstrategie
Trotz dieser belegbaren Zusammenhänge fehlt Deutschland bislang eine schlüssige, sektorübergreifende Strategie für ein nachhaltiges Gesundheitswesen. Zwar gibt es bereits zahlreiche Initiativen, einzelne Förderprogramme und gesetzliche Regelungen für Teile der Gesundheitswirtschaft sowie engagierte Akteurinnen und Akteure. Doch noch immer dominieren Insellösungen.
Einrichtungen entwickeln eigene Indikatoren, setzen einzelne Maßnahmen um, erheben Daten nach unterschiedlichen Standards und orientieren sich an sehr verschiedenen Zielbildern. Das bindet Ressourcen, erschwert Vergleichbarkeit und verhindert eine wirksame, strategische Steuerung. Um voranzukommen, brauchen wir jedoch einen gemeinsamen Rahmen mit klaren Zielen, Verantwortlichkeiten, Indikatoren und einer belastbaren Datengrundlage.
Genau deshalb haben wir gemeinsam mit Akteuren aus den Bereichen stationäre und ambulante Versorgung, Arzneimittel und Medizinprodukte, Pflege, Wissenschaft und öffentlicher Gesundheitsdienst Eckpunkte für eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie im Gesundheitswesen erarbeitet. Unser Anspruch ist bewusst höher als der eines Sammelsuriums guter Vorsätze. Es geht um einen strategischen Ordnungsrahmen, der ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit zusammenführt und die Transformation des Sektors politisch, rechtlich und institutionell absichert.
Im Zentrum stehen dabei mehrere Punkte. Erstens sind klare Governance-Strukturen erforderlich, die eine politisch sichtbare Steuerung, ressortübergreifende Verantwortung und einen verbindlichen Prozess unter Einbindung aller maßgeblichen Akteure umfassen.
Zweitens ist ein unabhängiges Monitoring mit nachvollziehbaren Indikatoren unerlässlich, um Fortschritte, Zielverfehlungen und Investitionsbedarfe transparent zu machen. Drittens sind rechtliche und finanzielle Leitplanken erforderlich, um Nachhaltigkeit nicht mehr dem Zufall oder individuellem Engagement zu überlassen, sondern sie in Beschaffung, Versorgungsgestaltung, Investitionen, Berichterstattung und Anreizsystemen zu verankern.
Viertens muss Versorgung neu gedacht werden: Es geht nicht nur um Gebäude, Fuhrparks oder Abfallströme, sondern auch um Behandlungspfade, Arzneimittelversorgung, Medizinprodukte, Gemeinschaftsverpflegung, Digitalisierung und sektorenübergreifende Kooperation.
Zu guter Letzt muss fünftens die Prävention ausdrücklich in den Kern einer solchen Strategie gehören, da nur so die Krankheitslast, die Kosten und der Ressourcenverbrauch langfristig gemeinsam gesenkt werden können.
Von Nachbarländern lernen
Dass dies kein theoretisches Gedankenspiel ist, zeigen andere Länder wie England, die Niederlande oder Dänemark, die dies bereits erfolgreich umsetzen. Dort hat man sich die Ressourcenschonung und die perspektivische Klimaneutralität im Gesundheitswesen bereits fest auf die Fahnen geschrieben und Reduktionsziele in verschiedenen Bereichen definiert.
Deutschland sollte aus diesen Erfahrungen lernen und endlich einen eigenen, systemadäquaten Weg definieren. Denn wer sich immer noch mit der Frage befasst, ob Nachhaltigkeit überhaupt ein Thema für das Gesundheitswesen ist, hängt sich selbst ab.
Eine Nachhaltigkeitsstrategie für das Gesundheitswesen ist deshalb kein Zusatzprogramm für gute Zeiten. Sie ist Teil der Antwort auf die zentralen Herausforderungen unserer Zeit: auf Finanzdruck, Fachkräftemangel, eine wachsende Krankheitslast, Klimafolgen und Versorgungsrisiken. Wer Versorgungssicherheit, Qualität und Bezahlbarkeit langfristig sichern will, muss Nachhaltigkeit endlich als Strukturprinzip des Gesundheitswesens begreifen – und politisch entsprechend handeln.
Anne-Kathrin Klemm ist Vorständin des BKK-Dachverbands, Dorothea Baltruks leitet das Centre for Planetary Health Policy.
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