Cybersicherheit : Cybernation – Deutschland braucht den digitalen Neustart
Deutschland steckt in der Krise. Da braucht es Utopien, um das Land wieder nach vorne zu bringen. Für die Cybersicherheit kann die von BSI-Präsidentin Claudia Plattner ausgerufene Cybernation diese Utopie sein, findet Wolfgang Steiger. Der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats nennt im Standpunkt konkrete Ziele, was Deutschland als Cybernation erreichen soll.
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Deutschland steckt in einer digitalen Vertrauenskrise. Die wirtschaftliche Dynamik ist erschöpft, die Modernisierungsversprechen der Vergangenheit haben sich aufgestaut, und unsere sicherheitspolitische Resilienz hinkt den Herausforderungen der Zeit hinterher.
Digitalisierung und Cybersicherheit sind zur infrastrukturellen Lebensader der Republik geworden – doch wir behandeln sie weiterhin wie ein optionales Randthema. Genau das muss sich ändern. Was wir brauchen, ist eine politische Wende im Denken und Handeln. Wir müssen aus der digitalen Defensive in die strategische Offensive kommen. Unser Anspruch sollte nicht weniger sein als: Deutschland wird Cybernation.
Mehr als Technik: Cybersicherheit ist Standort- und Zukunftspolitik
Cybersicherheit ist heute kein technisches Spezialgebiet mehr, sondern ein Gradmesser politischer Handlungsfähigkeit und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Wer auf Digitalisierung setzt, muss Cybersicherheit mitdenken – nicht als Anhängsel, sondern als Grundvoraussetzung. Ohne sie bleibt jeder Modernisierungsschub ein Hochrisiko-Experiment. Wir schlagen deshalb vor, ambitionierte und sehr konkrete Ziele als politischen Kompass zu definieren:
- Die durch Cyberangriffe verursachte jährliche Schadenssumme soll bis 2040 auf unter 50 Milliarden Euro sinken.
- Deutschland muss zehn Prozent des weltweiten Marktes für Cybersicherheit besetzen – und auf dem Heimatmarkt 30 Prozent mit eigenen Lösungen abdecken.
- Der akute Fachkräftemangel im Bereich IT-Security muss bis 2040 vollständig behoben sein.
Diese Ziele sind erreichbar – wenn wir endlich eine kohärente, ambitionierte Strategie verfolgen. Doch genau daran fehlt es bislang. Was wir erleben, ist ein Mix aus Zuständigkeitswirrwarr, inkohärenter Prioritätensetzung und föderalem Gegeneinander. Deutschland ist auf dem besten Weg, in der digitalen Ordnungspolitik zum Cyberzollverein zu werden – aber sicher nicht zur Cybernation.
Föderalismus darf kein Ausrede-Automat mehr sein
Wir brauchen eine zentrale Verantwortung für digitale Transformation. Der Wirtschaftsrat hat daher bereits vor der Bundestagswahl ein eigenes Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung gefordert. Dass dieses nun mit Dr. Karsten Wildberger, einem Kenner aus der Wirtschaft, besetzt ist, ist ein positives Signal – verbunden mit der klaren Erwartung an Strukturveränderung statt Symbolpolitik. Denn am Ende geht es nicht um Namen, sondern um den Aufbau robuster, agiler digitaler Strukturen.
Dazu zählt: raus aus dem Silodenken, hin zu ressortübergreifendem Arbeiten. Raus aus der Selbstblockade eines zu oft missverstandenen Föderalismus, hin zu strategischer Steuerung mit klarem Zielbild. Was in einem internationalen Großkonzern undenkbar wäre – etwa fehlende zentrale Verantwortung – ist im deutschen Verwaltungsapparat noch immer vielerorts Alltag. Diese Trägheit ist sicherheitspolitisch riskant und wirtschaftlich teuer.
Digitalpolitik muss endlich auf die große Bühne
Cybersicherheit und Digitalisierung gehören ganz oben auf die politische Agenda – wie Energie, Migration oder Rente. Ihre Bedeutung ist existenziell. Ein digital handlungsfähiger Staat ist kein "Nice-to-have", sondern Überlebensbedingung für offene Gesellschaften im geopolitischen Wettbewerb.
Jeder Hackerangriff auf staatliche Infrastruktur, jede Datenpanne in der Wirtschaft, jede IT-Störung in der Verwaltung ist nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden – sondern eine Schwächung unseres Vertrauens in die politische Ordnung und Handlungsfähigkeit. Cybersicherheit ist damit auch Demokratiepolitik. Wer hier nicht liefert, stärkt die Radikalen.
Der Wirtschaftsrat bringt Vorschläge – nicht nur Forderungen
Wir als Wirtschaftsrat verstehen uns nicht nur als Mahner, sondern als Gestalter über Partei- und Branchengrenzen hinweg. Mit unseren Bundesfachkommissionen für Cybersicherheit, digitale Transformation und Staatsmodernisierung bringen wir praxisnahe Impulse in den politischen Prozess ein. Unsere Rolle ist klar: Wir verbinden Realitätssinn mit Gestaltungsanspruch – als Brückenbauer zwischen Wirtschaft und Politik.
Deutschland hat jetzt die Chance, die digitale Wende einzuleiten. Doch dazu braucht es Mut zur Vision, Kraft zur Umsetzung und den Willen, Denkblockaden zu überwinden. Die Cybernation ist kein romantisches Zukunftsbild. Sie ist Voraussetzung für unseren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Bestand. Die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden. Der Wirtschaftsrat steht bereit – nicht am Rand, sondern auf dem Platz.
Wolfgang Steiger (60) ist seit 2009 Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats. Zuvor war er von 2004 bis 2009 Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates der CDU in Hessen. Steiger war von 1994 bis 2002 – mit kurzer Unterbrechung – Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
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