Strategische Souveränität : Unsere Sicherheit wird auch im Weltraum verteidigt
Der Weltraum ist längst zur Arena geopolitischer Rivalitäten geworden. Europa muss souveräne Kapazitäten aufbauen, um seine eigene Sicherheit zu garantieren. Deutschland geht mit gutem Beispiel voran.
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Star Wars oder Star Trek? Die Science-Fiction-Fantasien Hollywoods sind noch keine Realität, wenn wir ins All blicken. Aber wir müssen uns der Wahrheit stellen, dass der Weltraum längst nicht mehr der rein friedliche Raum wissenschaftlicher Exploration und internationaler Kooperation ist, als den wir ihn in Deutschland und Europa die letzten Jahrzehnte angesehen haben. Der Weltraum wird zunehmend Schauplatz geopolitischer Rivalität und Konkurrenz der Großmächte.
Dabei wächst nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung der Raumfahrtökonomie rasant, die sich von aktuell über 600 Mrd. US-Dollar im Jahr bis 2035 verdreifachen könnte. Der Weltraum wird zum bedeutenden Innovations- und Zukunftsraum, an einer Schwelle vergleichbar mit dem Internet in den 1990er Jahren. Zugleich wächst seine Relevanz als eigenständige Domäne der Kriegsführung. Als kritische Infrastruktur bildet er einen zentralen Bestandteil gesamtstaatlicher – militärischer, ökonomischer und ziviler – Sicherheit und stellt neue Herausforderungen für internationale Sicherheit und Verteidigung dar.
Der astropolitische Wettbewerb zwischen den USA und China manifestiert sich in einem Wettlauf um Startraten, innovative Technologien und Mega-Konstellationen (Starlink & Starshield vs. Guowang & Qianfan). Zudem befinden sich beide Staaten im „Second Space Race" um die nächste bemannte Mondlandung, womit es diesmal aber nicht zu Ende sein wird. Der Sieger wird einen signifikanten First-Mover-Vorteil erlangen – beim geeignetsten Standort für eine permanente Mondbasis, im strategisch bedeutsamen cislunaren Orbit und bei der Ausgestaltung und Normsetzung der zukünftigen Weltraumordnung.
Weltraumbasierte Daten, Produkte und Dienste haben sich gemeinsam zu einem zentralen Wegbereiter für die Planung und Durchführung moderner Militäroperationen entwickelt. Für Multi-Domain-Operationen ist der Weltraum als verbindendes Element aller militärischen Domänen unverzichtbar. Der massive Aufbau neuer, vor allem kommerzieller Systeme und deren militärische Nutzung hat diese Entwicklung beschleunigt. Entsprechend spielt der Weltraum inzwischen auch auf taktischer Ebene eine entscheidende Rolle. Besonders LEO-Systeme (Satelliten-Konstellationen in niedriger Umlaufbahn) ermöglichen nahezu Echtzeit-Kriegsführung auf hypertransparenten Gefechtsfeldern. Gleichzeitig macht diese Abhängigkeit Weltraumsysteme zu attraktiven Zielen und erhöht deren Verwundbarkeit.
Counterspace-Fähigkeiten sind gefragt
Dementsprechend bauen viele Staaten ihre Counterspace-Fähigkeiten aus. Von Cyberangriffen und elektromagnetischen Störungen über Laser und Rendezvous & Proximity Operations bis hin zu Antisatellitenwaffen und nuklearer Explosion im Weltraum: Fähigkeiten, den Zugang zu Raumobjekten und -systemen zu stören oder gar zu zerstören, sind stark nachgefragt. Vor allem die USA, Russland und China befinden sich in einem veritablen Rüstungswettlauf, aber auch Iran und Nordkorea entwickeln entsprechende Technologien.
Nicht-destruktive Aktivitäten wie Jamming, Cyberangriffe und elektronische Kriegführung gegen Weltraumsysteme sind bereits militärischer Standard, Spionage im Orbit Alltag. China und Russland haben darüber hinaus zunehmend Fähigkeiten für robotisches Abschleppen von Satelliten, dynamische Manöver und komplexe Annäherungen im Orbit demonstriert.
All dies ist Teil des Strebens beider Seiten nach Space Superiority – einem Grad an Dominanz, der es ermöglicht, Operationen im Weltraum frei durchzuführen und dies einem Gegner zu verwehren. Damit wird Kriegsführung zukünftig nicht mehr nur mit und durch, sondern auch im Weltraum stattfinden. So konstatiert die US Space Force nüchtern: „Weltraumkrieg ist in der Zukunft eine Gewissheit, weil die Nutzung des Weltraums im Krieg lebenswichtig geworden ist.“
Europa als selbst deklarierte „great space power" stand dabei bisher an der Seitenlinie und hat lange die Augen vor den geopolitischen Entwicklungen verschlossen. Galileo (PNT) und Copernicus (EO) sind technologisch erstklassig, doch bei kritischen Fähigkeiten wie SATCom (Satellitenkommunikation), Missile Warning (Raketenwarnung), SIGINT (Signals Intelligence), Launching (Raketenstarts) und SSA (Space Situational Awareness) hat man sich zu sehr auf den transatlantischen Partner verlassen. Um eigene strategische Interessen zu verteidigen und feindliche Aktivitäten im und aus dem Weltraum abzuwehren, sind souveräne Fähigkeiten essentiell. Wir brauchen eine vollständige, adaptive Weltraumsicherheitsinfrastruktur, die sich den verkürzenden Innovationszyklen und steigenden Bedrohungen anpasst.
Deutschland als Impulsgeber
Deutschland schreitet hier seit dem vergangenen Jahr beispielhaft in Europa voran. Die Weltraumsicherheitsstrategie (WRSS) schließt ein lange bestehendes strategisches Defizit und erhält mit den angekündigten 35 Milliarden Euro bis 2030 für militärische Raumfahrt die nötige finanzielle Unterfütterung. Die Strategie adressiert Fähigkeitslücken, schafft aktive Wirkmöglichkeiten – defensiv wie offensiv –, steigert die Resilienz und zielt auf glaubhafte Abschreckung und eine adaptive Weltraumsicherheitsinfrastruktur. Geplant ist unter anderem der Ausbau der Satellitenkommunikation (SatCom Stufe 4) mit rund 100 LEO-Satelliten, Signal- und Radaraufklärung (SIMON und SPOCK), „Schild & Schwert"-Satelliten für Inspektion und Störung, aktive Counterspace-Fähigkeiten vom Boden (Jamming, Laser) sowie der Aufbau der Operationsführung im Weltraumkommando der Bundeswehr.
Deutschland erhebt also den Anspruch, im Weltraum nicht mehr nur Mitnutzer, sondern Mitgestalter zu sein. Die Bundesregierung hat die sicherheitspolitischen Herausforderungen identifiziert und in den Aufbau umfassender Fähigkeiten mit präzisem militärischem Auftrag transformiert. Zugleich stellt sie klar, innerhalb des europäischen Raumes als Impulsgeber und Anlehnungsnation für andere Partner zu agieren.
Entscheidend für die europäische Zukunft und Souveränität im Weltraum wird aber auch sein, dass neben dem Fähigkeitsaufbau, an dem sich alle europäischen Staaten verstärkt beteiligen müssen, eine internationale Koordinierungs- und Führungsrolle etabliert wird, die akzeptiert wird.
Dr. Antje Nötzold ist Senior Researcher im Forschungsprojekt “Support for Arms Control in Space”, an der Universität der Bundeswehr in München, Privatdozentin an der Professur Internationale Politik an der TU Chemnitz und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP).
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