Bodennutzung : Bodenschutzbericht 2025: Große Worte, wenig dahinter
In ihrem aktuellen Bodenschutzbericht zeigt die Bundesregierung Problembewusstein – doch anstatt konsequent mit Maßnahmen zu reagieren, serviert sie nur einen Mix aus Pilotprojekten, Förderprogrammen und unverbindlichen Zielen, meint Tobias Witte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Um den Boden und damit die Grundlage für alles andere zu schützen, muss eine grundlegende Neuausrichtung der Bodenschutzpolitik her.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Um 51 Hektar nahm die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland im Mittel der Jahre 2020 bis 2023 neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge pro Tag zu. Im Zeitraum von 2019 bis 2022 waren es 49 Hektar. Von seinen Zielen, den Flächenverbrauch bis 2030 auf 30 Hektar zu begrenzen und bis 2050 die „Netto-Null“ zu erreichen, hat sich Deutschland zuletzt also wieder weiter entfernt. Jeden Tag verschwinden wertvolle Flächen unter Beton und Asphalt, werden Böden mit Pestiziden vergiftet, Moore trockengelegt.
Die Bundesregierung weiß das – und schreibt es sogar in ihren aktuellen Bodenschutzbericht. Doch statt endlich konsequent gegenzusteuern, serviert sie uns eine Mischung aus Pilotprojekten, Förderprogrammen und unverbindlichen Zielen. Währenddessen geht das Zerstörungswerk ungebremst weiter – Deutschland behandelt seinen Boden wie eine Wegwerfware.
Böden sind keine leblosen Flächen, sondern komplexe Ökosysteme. Sie speichern Wasser, binden Kohlenstoff, ernähren uns und beherbergen eine Vielzahl an Lebewesen – Metastudien gehen von circa 60 Prozent aller weltweiten Arten aus. Wer Böden zerstört, zerstört die Grundlagen für alles andere. Der Ende Juli veröffentlichte Sechste Bodenschutzbericht der Bundesregierung erkennt das an – und bleibt trotzdem hinter dem zurück, was nötig wäre, um unsere Böden nachhaltig zu schützen.
Positive Entwicklungen – aber zu wenig Konsequenz
Der Sechste Bodenschutzbericht bietet zwar einen umfassenden Überblick über neu eingeführte Maßnahmen wie das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, die Nationale Moorschutzstrategie und die Einrichtung des Nationalen Bodenmonitoringzentrums und zeigt Problembewusstsein. Die Umsetzung zentraler Reformen ist aber in vier Jahren Ampelkoalition weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, wie sich an zentralen Punkten beispielhaft zeigen lässt:
- Veralteter und lückenhafter Rechtsrahmen: Das Bundesbodenschutzgesetz (BBodSchG) ist über 25 Jahre alt und auf Altlastensanierung fokussiert. Vorsorgender Bodenschutz ist kaum geregelt. Es fehlen verbindliche Vorgaben für Erosionsschutz, Kohlenstoffspeicherung oder den Erhalt der Bodenbiodiversität. Obwohl eine Reform im Koalitionsvertrag der Ampel angekündigt wurde, blieb ein Gesetzentwurf in der 20. Legislaturperiode aus. Verbände, Fachgremien und teils auch Bundesländer fordern seit Jahren eine Überarbeitung – bislang ohne Erfolg.
- Unzureichende rechtliche Wirksamkeit bestehender bau- und planungsrechtlicher Regelungen: Normen wie die Entsiegelungspflicht nach § 5 BBodSchG gelten als „nicht vollzugsrelevant“, kommen also bei Planungsverfahren gar nicht zur Anwendung. Auch das Baugesetzbuch trägt nur symbolisch zum Bodenschutz bei. In der Praxis haben wirtschaftliche Interessen meist Vorrang – wie zuletzt bei großen Industrieansiedlungen, selbst wenn Projekte wie die des Chipherstellers Intel in Magdeburg (ausgewiesen auf besten, fruchtbaren Schwarzerdeböden) scheitern.
- Strukturelle Defizite in der Umsetzung: Kommunen fehlt es an Ressourcen, um Entsiegelungs- oder Wiedervernässungsmaßnahmen konsequent umzusetzen. Förderprogramme sind teilweise unübersichtlich und unzureichend koordiniert.
- Fehlende Integration in die Klimaschutzpolitik: Der Boden wird im Klimaschutzrecht bisher kaum berücksichtigt – trotz seiner enormen Rolle als CO2-Speicher und -Senke. Das Thema erscheint oft als Randnotiz, obwohl es zentral für Klimaanpassung und Biodiversität ist.
- Versäumte europäische Initiative: Auf EU-Ebene sollte die neue Bundesregierung sich mit allen Mitteln für das Soil Monitoring Law einsetzen, statt es, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, abzulehnen – auch wenn es nur noch ein Minimalkonsens ist. Denn ohne verbindliche europäische Standards droht der Bodenschutz in nationalen Stückwerken zu versanden.
Notwendig ist also eine grundlegende Neuausrichtung der Bodenschutzpolitik. Der Boden ist Lebensraum, Produktionsgrundlage, Klimaregulator und Wasserspeicher – seine Funktionen sind für unser ökologisches Gleichgewicht und die Ernährungssicherheit unverzichtbar. Bodenschutz muss endlich zur verbindlichen, ressortübergreifenden Querschnittsaufgabe aufgewertet werden.
Natürlich: Die Wiedervernässung von Mooren, Paludikulturen, ein nationales Bodenmonitoringzentrum, erste Entsiegelungsprojekte – all das ist richtig. Aber es bleibt Stückwerk. Der Bericht wirkt wie eine lange Liste von durchaus guten Ideen, Pilotprojekten und angefangenen Vorhaben. Forschung und Modellvorhaben sind wichtig, doch sie dürfen nicht als Ersatz für verbindliche politische Entscheidungen herhalten. Wir wissen seit Jahrzehnten, was Böden zerstört. Wir wissen, wie man das stoppen könnte. Was fehlt, ist der politische Wille, es zu tun.
So wird die Zielmarke von unter 30 Hektar Flächenverbrauch pro Tag bis 2030 – würde man die UN-Nachhaltigkeitsziele ernst nehmen, müssten wir 2030 sogar bei Netto-Null sein – nicht rechtlich abgesichert, geschweige denn sanktioniert. Das Ziel bleibt ein Papiertiger, zahnlos gegenüber den Interessen von Bau- und Verkehrsprojekten, die weiter Flächen fressen. Aktuellstes Beispiel ist der geplante „Bau-Turbo“ von Bauministerin Hubertz. Sollten die geplanten Änderungen des Baugesetzbuches so kommen, ist zukünftig die Aufstellung oder Änderung von Bebauungsplänen für Wohnbauvorhaben nicht mehr notwendig und die Bebauung im Außenbereich kein Tabu mehr.
Weiterhin spricht der Bericht von der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand bei der Altlastensanierung von Bundesliegenschaften. Doch gerade bei PFAS, den gefährlichen Ewigkeitschemikalien, kommt sie ihr nicht immer nach: Die zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben stellt häufig die Kostenersparnis vor den Schutz der Gesundheit bei notwendigen Sanierungen. Zum Beispiel am ehemaligen NATO-Flughafen Bitburg bemühte sie sich um schnelle Flächenverkäufe, ohne die Sanierung der PFAS-Schäden zu Ende gedacht zu haben. Belastetes Bodenmaterial soll zeitlich befristet auf dem Flughafengelände zwischengelagert werden. Wie lange solche Provisorien bestehen werden, bleibt ungewiss.
Bodenschutz ist mehr als Umweltpolitik
Das neue Bodenmonitoringzentrum kann eine wichtige Basis schaffen – wenn die Daten öffentlich und verbindlich in die Politik einfließen. Doch wer garantiert, dass sie nicht in Fachberichten verstauben? Messwerte retten keine Böden, wenn ihnen keine konsequenten Handlungen folgen. Bodenschutz muss in der Agrarpolitik, im Bau- und Planungsrecht und in der Wirtschaftspolitik ernst genommen werden. Doch solange EU-Agrarsubventionen industrielle Monokulturen belohnen, neue Straßen mehr Versiegelung schaffen und Städte ohne verbindliche Flächenverbrauchsquoten expandieren, bleibt Bodenschutz ein isoliertes Randthema.
Wir brauchen ein Bodenschutzgesetz mit klaren Zielen und Fristen, verbindlichen Regeln und wirksamen Sanktionen. Wir brauchen eine Agrarwende, die Böden schützt statt auslaugt. Und wir brauchen Bau- und Verkehrsplanung, die Flächenverbrauch stoppt. Böden wachsen nicht nach, wenn Legislaturperioden enden. Wer jetzt nicht handelt, lädt die Kosten seiner Untätigkeit künftigen Generationen auf – und verspielt das Fundament, auf dem wir alle stehen.
Wer den Boden verspielt, verspielt die Zukunft – und genau das tut auch die neue Bundesregierung, solange sie den Mut scheut, aus schönen Worten verbindliches Handeln zu machen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden